Rollentausch

Am Gymi regieren jetzt die Schüler

Im privaten Gymnasium Unterstrass läuft derzeit alles anders als sonst. Für drei Tag hat die Schülerschaft den Betrieb übernommen – vom Küchendienst bis zur Direktion.

Gianna Regnani, 19-jährige Schülerin der vierten Klasse, hat die Leitung des Gymnasiums Unterstrass übernommen.

Gianna Regnani, 19-jährige Schülerin der vierten Klasse, hat die Leitung des Gymnasiums Unterstrass übernommen. Bild: Enzo Lopardo

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Die letzten Lehrer verlassen das Gelände des Gymnasiums Unterstrass beim Schaffhauserplatz. An den Tischen auf dem Schulhof essen einige Schüler zu Mittag. Andere sonnen sich oder lesen. Diese entspannte Szenerie bietet sich durch die Scheiben des Direktionsbüros, drin unvermeidlich das USM-Mobiliar, ein Ficus im Sterbekampf, eine blau-graue Winterlandschaft als Bild an der Wand. Mittendrin steht Gianna Regnani, 19 Jahre alt, aus Winterthur, eben noch Schülerin der 4. Klasse, jetzt seit einer Stunde Direktorin. In der Schule ist es am Mittag zu einem gewollten Umsturz gekommen. Die Lernenden lehren, die Betreuten betreuen und die Geleiteten leiten die Schule.

Draussen kommt ein grosser, trainierter junger Mann mit einer Gruppe Schülerinnen ins Bild. Wohl der Sportlehrer. «Erraten, Luigi, 3. Klasse», sagt Regnani, und: «Ich wusste gar nicht, dass man von hier eine solche Übersicht hat. Wenn ich dann wieder Schülerin bin, werde ich mich beobachtet fühlen.» Vier Schüler in weissen T-Shirts überqueren den Schulhof: «Die Hauswartsgruppe».

Komme was wolle

Die junge Direktorin bewegt sich noch tastend durch das frisch eroberte Büro. «Es ist gross. Ich habe wahnsinnig viel Platz hier», sagt sie. Trotzdem geht sie ihre neue Aufgabe mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit an. Immerhin tragen sie und ihre Kolleginnen nun die volle Verantwortung für das Gymnasium. Die Lehrer haben sich in die Berge verzogen für eine Weiterbildung. Sie werden niemandem in der Schule zu Hilfe eilen.

Selbst durch bohrende Fragen lässt Regnani sich nicht aus der Fassung bringen. Ein Notfall? Ein Unfall? Ein Brand gar? «Wir sind mit den Lehrern am Vormittag nochmals das Sicherheitsdispositiv durchgegangen. Die Schülerinnen und Schüler wissen genau, was die einzelnen Alarmsignale bedeuten. Für den Fall eines Brandes gibt es einen Sammelplatz». Und selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass Luigis Sportklasse nicht mehr zurückkehrt, wüsste die Direktorin, was sie unternehmen würde.

«Das Gymnasium Unterstrass ist meines Wissens die einzige Schule weit herum, in der die Lehrerschaft den Betrieb den Schülern überlässt», sagt Regnani. Drei Tage dauert der Ausnahmezustand. Das Experiment wird alle vier Jahre wiederholt.

Im Grunde sei es erstaunlich, dass sich die Schulleitung und die Lehrerschaft auf ein solches Experiment einliessen. «Wir sind eine sehr progressive Schule. Einige von uns gehen freitags jeweils an die Klimademos. Dort habe wir auch den Slogan ‚System-Change, Not Climat-Change‘ gelernt.» Ohne die Veränderung des politischen und wirtschaftlichen Systems lasse sich die Klimaerwärmung kaum bremsen. «Trotzdem geht niemand davon aus, dass wir in den nächsten drei Tagen das Schulsystem stürzen werden». Dagegen sprechen in der Tat mehrere Faktoren. «Wir sind eine kleine, fast schon familiäre Schule», sagt Regnani, der enge Zusammenhalt fördere ein vernunftgesteuertes Verhalten. Das schaffe Vertrauen. Ausserdem komme die Schule den Anliegen der jungen Generation entgegen. Umweltwissenschaften bilden neuerdings einen Schwerpunkt im Lehrplan.

Evangelische Prägung

Das «Evangelische Lehrerseminar», aus dem die Schule in Unterstrass hervorging, feiert dieses Jahr sein 150-Jahr-Jubiläum. In Anbetracht des religiösen Hintergrunds könnte man spekulieren, dass die Lehrerschaft mit viel Gottvertrauen die Führung der Schülerschaft übergeben hat. Regnani winkt ab. «Wir sind keine wirklich religiöse Schule mehr. Die Schülerschaft ist total gemischt. Unter unseren Kollegen sind auch einige Muslime. Ich selbst bin nicht religiös.»

Allerdings werden in der Schule viele Lebensfragen immer wieder von der Bibel her diskutiert. Zudem wirkt das protestantische Menschenbild bis heute nach. Das stellt sich im Gespräch mit der jungen Direktorin heraus. Man glaubt an das Gute im Menschen, an seine Lernfähigkeit und an sein Verantwortungsbewusstsein. Genau darin liegt auch das Ziel des kontrollierten Umsturzes an der Schule: Die Lernenden sollen möglichst früh erfahren, was Verantwortung bedeutet. «Ausserdem können wir schon einige Berufe austesten», sagt Regnani. Zum Beispiel jenen der Schulleiterin.

Normaler Schulbetrieb

Derweil geht der Schulbetrieb normal weiter. Das zeigt sich auf einem Rundgang durch das Schulhaus. Im Lehrerzimmer ist es ruhig. Jana, 4. Klasse, bereitet eine Lektion in Psychologie vor. Im Chemiezimmer nebenan arbeitet Neulehrerin Noemi, 4. Klasse, mit einem Schüler. «Einer Kollegin vertraut man Lernschwierigkeiten vielleicht eher an als einem Lehrer. Das ist der Vorteil, wenn Schülerinnen Schüler unterrichten», sagt die neue Direktorin. Als nächstes steht noch die Stabsübergabe in der Mensa an: «Hoffentlich gibt es morgen etwas zu essen.» In diesem Augenblick betritt Sportlehrer Luigi das Schulgebäude.

Erstellt: 17.04.2019, 21:22 Uhr

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