Quartierleben

Auf der Schattenseite des Grossprojekts

Fans und Sportler feiern das Zentrum Win4 mit seiner neuen Arena. Weniger euphorisch sind die Anwohner im Gutschick-Quartier. Der Aussenbereich ihrer Freizeitanlage ist empfindlich geschrumpft. Bis ein Teil davon ersetzt wird, vergehen Jahre, begleitet von Baulärm.

Zwischen Wohnquartier und der Sportpark Deutweg, ist der Quartiertreff Gutschick gelegen.

Zwischen Wohnquartier und der Sportpark Deutweg, ist der Quartiertreff Gutschick gelegen. Bild: Till Hirsekorn

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Je 1600 Zuschauer zog es an die letzten Heimspiele von Pfadi Winterthur und dem HC Rychenberg in die Axa-Arena. Und auch an den Yellow-Cup strömen die Sportfans seit gestern wieder. Mit ihrer Zuschauer-Kulisse stellen die Gastgeber die Konkurrenz derzeit klar in den Schatten – mit ihren Neubauten aber eben auch die direkte Nachbarschaft, konkret: das Quartierzentrum nebenan.

Der Treff des Quartiervereins liegt am Rande des Sportplatzes Deutweg, im Hintergrund ragen die Wohnblöcke des Gutschick-Quartiers empor. Die neue, zusätzliche Halle, um die das Sportzentrum Win4 zuletzt erweitert wurde, reicht bis auf wenige Meter an den Quartiertreff heran, ein Holzbau mit sechs Mehrzweckräumen. Vom Vorplatz aus hört man, wie die Tennisbälle dumpf an die Fenster der neuen Halle prallen. Drinnen trainiert der Nachwuchs, während Leon (16) und sein Freund draussen auf der Grillstelle Zeitungspapier zerknüllen und ein paar Äste knicken für ein Feuerchen. Der Rest der Clique komme bald. «Alle von hier, alle vom Gutschick», sagt Leon. Der Platz mit der neuen Feuerstelle gefalle ihm zwar. Aber die Weitläufigkeit von früher vermisse er schon. «Vor allem die Aussicht auf die Fussballplätze». Eine Bretterwand verstellt diese und grenzt die Wiese mit dem gezügelten Spielplatz gegen die kommende Baustelle ab.

Früher verteilten sich Kinder und Jugendliche über das ganze Gelände. Heute begrenzen die neue Win4-Tennishalle und ein Holzzaun die Aussenfläche, und dies für die nächsten Jahre.

Der von Jugendarbeitern geleitete «treff.gutschick» bietet Kindern und Jugendlichen einen rund 30 Quadratmeter grossen Raum im Untergeschoss, freitags nutzt man einen zweiten dazu. Und vor gut zwei Jahren wurde er für die Jugendlichen wegen akuter Platznot um zwei weisse Container-Elemente erweitert, die White Box. «So haben ihn die Jungen getauft», erzählt Sämi Müller. Er sitzt als Vertreter der Freikirche Chile Grüze im Vereinsvorstand, ist Jugendarbeiter ist und politisiert für die EVP im Gemeinderat.

Wieder wird es eng

Müller zeigt vom Vorplatz aus in Richtung Grüzefeldstrasse. Von dem früheren Platz mit Bäumen, Spielturm und Kletternetz ist ein kleines Stück Rasen geblieben, und wo das Beachvolleyball-Feld war, steht heute die Einfahrt zur Tiefgarage. Die «Chill-City» im ehemaligen Verkehrsgarten ist weg, sowie der angrenzende Fussballplatz. Mit dem Bau von Win4 sei viel Aussenraum weggefallen, auf den die einzelnen Gruppen sich verteilt hätten, sagt Müller. Nun sei die Platznot im Treff wieder akut geworden. Weil die Zufahrt zur Baustelle wenige Meter daneben durchführt, musste man mit dem «Chinder-Treff» in die Gatterhütte auf dem Eschenberg ausweichen. «Weiterhin auf dem Vorplatz zu spielen, wäre zu gefährlich gewesen», sagt Müller. Für den Shuttle-Service kam die Stadt auf.

«Man sollte die Anliegen der Anwohner ernst nehmen. Sonst kippt die Stimmung hier schnell.»

Sämi Müller (EVP)

Wie geht es nun weiter? Sind Ersatzmassnahmen geplant? Wie werden die Bedürfnisse der Bewohner im Gutschick abgeholt? Das wollte Müller in einer Interpellation vom Stadtrat wissen. Konkreter Widerstand habe sich im Quartier zwar nicht gerührt gegen Win4, und bei der Planung des Aussenraums sass der Quartierverein mit im Boot.

«Viele Anwohner fühlen sich schon an den Rand gedrängt und empfinden es so, als man habe ihnen etwas weggenommen, ohne Rücksicht zu nehmen», sagt Müller. Und dies einem Quartier, das die Stadt beim letzten Monitoring als sozialen Brennpunkt ausgemacht hat. Viele leben hier von der Sozialhilfe oder haben ein tiefes Einkommen, und viele haben Migrationshintergrund. Man wolle, so Müller, keinesfalls Win4 gegen das Quartier ausspielen: «Aber man sollte die Anliegen der Bewohner ernst nehmen. Sonst kippt die Stimmung hier schnell.»

Stadtrat priorisiert klar

In seiner Interpellations-Antwort stellt der Stadtrat dem Quartierzentrum in der Verlängerung der verbliebenen Wiese einen neuen «Spielstreifen» in Aussicht. Der Streifen ist Teil des Masterplans für den Sportplatz Deutweg, den die Stadt ganzheitlich planen und als offenen, zusammenhängenden Sportpark gestalten will, auch unter Einbezug des Quartiervereins.

400 000 Franken sind für den Spielstreifen im Budget 2019 eingeplant. Doch weil die Baustellenzufahrt weiterhin gebraucht wird, kommt er frühestens in sechs bis sieben Jahren, nachdem der zweite Win4-Sporttrakt, der neue Kunstrasen und die neue Beach-Soccer-Anlage stehen. «Unumgänglich» sei, so der Stadtrat, dass der Treff durch die «rege Bautätigkeit beeinträchtigt» werde. Diese Zeit gelte es nun «bestmöglich zu überbrücken».

Gleichzeitig legt der Stadtrat klar offen, welche Anliegen er wie gewichtet. Kompensieren könne man den Verlust an Aussenfläche nur bedingt. Er sei jedoch der Meinung, «dass die Vorzüge der neuen Anlage (Win4, Anm.) für die gesamte Stadt diese Einschränkungen mehr als kompensieren und für das Quartier auch neue Qualitäten freigespielt werden.»

«Ein eigenes ‹Rüümli›!»

Was halten die zwei Teenager aus dem Gutschick vom neuen Zentrum für Leistungs- und Spitzensport? Bei ihnen ist der Funke noch nicht recht gesprungen, aber Aggression dagegen kommt auch keine auf. Beide zucken mit den Schultern. Was wünschen sie sich am meisten? «Ganz klar, ein eigenes ‹Rüümli› für unsere Clique.» Leider habe man bisher habe nur Absagen bekommen. Gelassen bleibt auch Müller, der Jugendarbeiter. Dazu, dass sich das Quartierzentrum auf weitere sechs Jahre Baulärm ennet der Holzwand einstellen muss, sagt er nur: «Schauen wir mal, wie es laufen wird». Leon und sein Freund grinsen, und stecken sich bei Minus fünf Grad die Hände in die Taschen ihrer Trainerhosen. (Der Landbote)

Erstellt: 04.01.2019, 18:04 Uhr

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