Illnau-Effretikon

Biobauern in ihrer Existenz bedroht

Familie Baumann wohnt in einem 170-jährigen Bauernhaus in Agasul – ohne Zentralheizung und ohne Badezimmer. Ein Rekurs blockiert ihr Umbauprojekt seit vergangenem Sommer.

Valentin und Andrea Baumann vor ihrem Bauernhaus in Agasul. Links das Scheunentor, das verbreitert werden soll.

Valentin und Andrea Baumann vor ihrem Bauernhaus in Agasul. Links das Scheunentor, das verbreitert werden soll. Bild: Enzo Lopardo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Korrekt: In der ersten Version des Artikels stand, dass ein Rekurs des Zürcher Heimatschutzes das Projekt seit drei Jahren blockiert. Korrekt ist, dass die Organisation im Juni 2018 einen Rekurs einreichte. Das Projekt zieht sich seit drei Jahren hin.

Zwei Grad. So kalt ist es im Schlafzimmer von Valentin und Andrea Baumann. Und auch in den Zimmern ihrer vier Kinder steigt das Thermometer in diesen Tagen kaum über drei Grad. Die Familie lebt in einem alten Bauernhaus in der Landwirtschaftszone im Illnau-Effretiker Weiler Agasul. 1849 wurde es gebaut. Und seither hat es sich kaum verändert. Eine Heizung gibt es in den Schlafzimmern keine. Und auch die Wände sind nicht isoliert.

Das Leben der sechsköpfigen Familie spielt sich im Winter hauptsächlich in der Küche ab. Dort steht ein Holzofen, er verbreitet wohlige Wärme. «Die Kinder machen auch ihre Hausaufgaben hier», sagt Andrea Baumann. Sie sind zwischen sechs und 14 Jahre alt.

Andrea und Valentin Baumann, beide Mitte 40, sind Quereinsteiger. Er lernte ursprünglich Mechaniker, sie Pflegefachfrau. 2011 haben sie den Hof von Andreas Eltern übernommen und auf Bio-Produktion umgestellt. Der Vater von Andrea lebt in den Räumen im Erdgeschoss, er hat dort Wohnrecht.

27 Hektaren Landwirtschaftsfläche und zehn Hektaren Wald bewirtschaftet die Familie. Sie besitzt zwölf Mutterkühe mit Kälbern, drei Pferde, 130 Hühner und einen Hahn. Auf den Weiden stehen zudem 130 Hochstammbäume.

Beim Verwaltungsgericht

Der Landwirtschaftsbetrieb sichert die Existenz der Baumanns. Doch die ist jetzt bedroht. Denn ein dringend notwendiger Umbau ist blockiert. Der Zürcher Heimatschutz hat im vergangenen Juni rekurriert. Das Verfahren ist beim Verwaltungsgericht hängig. «Wenn wir nicht umbauen können, müssen wir den Betrieb verkaufen», sagt Valentin Baumann.

Die fehlenden Heizungen und die schlechte Isolation sind nicht die einzigen Mängel im Haus. Die Familie teilt sich eine winzige Nasszelle, die nur mit einem Lavabo und einer Toilette bestückt ist. Um ein Bad oder eine Dusche zu nehmen, müssen sie zum Grossvater ins Erdgeschoss. Für den Maschinenpark haben sie in der Scheune keinen Platz. Eine alte niedrige Decke und alte Tier-Futterplätze versperren den Weg.

«Wenn wir nicht umbauen können, müssen wir den Betrieb verkaufen.»Valentin Baumann

Am Äussern des Hauses wollen die Baumanns kaum etwas verändern. Nur ein grösseres Scheunentor soll es geben und im Dach eine Lukarne, damit sie im Dachgeschoss Wohnräume einrichten können. Denn auch ein Wohnzimmer fehlt. Doch dafür braucht es Licht.

In einem Teil der Scheune soll ein Treppenhaus entstehen, damit die Wohnräume separat zugänglich sind. Das sei zwingend nötig, sagt Andrea Baumann. Zumal ihr Vater noch unter dem selben Dach lebe. Trotzdem bleibt genügend Platz, um Heu und anderes Futter zu lagern.

«Ein Versehen»

Im Moment blockiert ein formaljuristisches Detail das Bauprojekt. Die Bubehörde hatte in der Bauausschreibung den Vermerk vergessen, dass das Gebäude im kommunalen Schutzinventar erfasst ist. «Das war ein Versehen», räumt Hochbauvorstand Marco Nuzzi ein. «Ein Rekurs wäre aber trotzdem möglich und auch wahrscheinlich gewesen.»

Weil der Heimatschutz deswegen die Frist zur Anfechtung verpasst hat, sieht er den Fehler nicht bei sich. «Ohne diesen Vermerk erfahren wir nicht von einem Baugesuch», sagt Präsident Martin Killias. Um Verzögerungen wegen dieses Problems zu vermeiden, habe er vorgeschlagen, eine direkte Lösung zu suchen. «Von Verhandlungen wollte die Stadt jedoch nichts wissen», sagt er. «Sie hoffte, unseren Rekurs auf der formalen Ebene aushebeln zu können.» Tatsächlich ist das Baurekursgericht dieser Argumentation gefolgt und nicht auf den Rekurs eingetreten. Der Heimatschutz hat darauf den Entscheid weitergezogen.

 «Schliesslich betreiben wir ja auch eine Art Heimatschutz. Wir wollen den Betrieb in diesem alten Haus weiterführen.»Valentin Baumann

Dem Heimatschutz gehe es nicht darum, ein schützenswertes Gebäude in ein Museum zu verwandeln, sagt Killias. Doch es könne nicht sein, dass ein Bauprojekt zu sehr vom Schutzvertrag abweiche. Und das tue es in diesem Fall. Der Vertrag regelt, welche Teile wie erhalten werden müssen. Seiner Meinung nach dürften weder das Scheunentor noch die Lukarne gebaut werden. «Die Bauherrschaft hat sich an den Vertrag zu halten.»

Letzterer sei ein Kompromiss, sagt Valentin Baumann. «Er ist nach mehrmonatigem Verhandeln entstanden». Sie seien in ihrem Projekt auf viele Forderungen der Denkmalpflege eingegangen. «Mehr geht nicht, sonst können wir hier nicht leben. Das Ehepaar hofft nun, dass das Verwaltungsgericht zu seinen Gunsten entscheidet und auf den Rekurs abermals nicht eintritt. «Schliesslich betreiben wir ja auch eine Art Heimatschutz», sagt Valentin Baumann. «Wir wollen den Betrieb in diesem alten Haus weiterführen.» (Der Landbote)

Erstellt: 27.01.2019, 15:26 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.