Hooliganismus

Das lange Sündenregister des Stefan N.

Ob Stadionverbot auf der Schützi oder Striptease-Party mit dem Sicherheitschef der Grasshoppers: Stefan N., der nun in U-Haft soll, mischt seit Jahrzehnten an vielen Fronten mit.

Immer wieder vorne mit dabei: Der Winterthurer Stefan N., hier vor dem Spielabbruch in Luzern letzten Sonntag. Foto: Manuel Geisser

Immer wieder vorne mit dabei: Der Winterthurer Stefan N., hier vor dem Spielabbruch in Luzern letzten Sonntag. Foto: Manuel Geisser

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Langer prägnanter Bart, Glatze und hochgeschobene Sonnenbrille. Stefan N. zeigte sich den Fernseh-Kameras bei der «Schande von Luzern» am letzten Sonntag unvermummt. Der GC-Hooligan war der mutmassliche Anführer jener GC-Anhänger, die erneut einen Spielabbruch erzwangen und die Spieler zu nötigen versuchten, sich vor ihnen auszuziehen.

Manche Fussballfans, auch in Winterthur, trauten bei den TV-Bildern ihren Augen kaum: Schon wieder Stefan N.? Denn der vieltätowierte Hooligan, gegen den die Luzerner Staatsanwaltschaft nun U-Haft beantragt hat, ist weder bei GC noch im Rest des Kantons ein Unbekannter. Ein «bunter Hund» der Hooligan-Szene würde es eher treffen.

Strafantrag vom FCW

Wohnhaft ist er seit vielen Jahren in Winterthur, wie die Einwohnerkontrolle offiziell bescheinigt hat. Wie Recherchen des «Landboten» zeigen, geriet er hier mindestens einmal in Konflikt mit dem Gesetz. Denn bereits 2004 erhielt Stefan N. ein landesweites Stadionverbot, er war damals schon GC-Anhänger und Mitglied der Zürcher Hooligan-Szene. Ein Jahr später, am 23. Oktober 2005, besuchte N. dennoch ein GC-Cupspiel auf der Winterthurer Schützenwiese. Der FCW stellte als Heimclub anschliessend Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs.

Wegen diesem und weiterer Delikte stand Stefan N. schliesslich 2009 vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Das missachtete Stadionverbot wurde allerdings noch als das geringste Delikt eingestuft. So war Stefan N. 2005 beteiligt, als sich Berner-Hockeyhooligans vor der Berner Eishalle mit Fans aus Lugano prügelten. Und 2007 war er zusammen mit anderen GC-Hooligans an einer Schlägerei mit Anhängern des FC Basel dabei.

Familie im Auto bedroht

Ein Delikt mit vielen Fragezeichen blieb damals eine Auseinandersetzung in Aadorf. Stefan N. hatte zusammen mit drei Kollegen verteilt auf zwei Autos ein weiteres Fahrzeug gestoppt, in dem eine Familie aus Bern sass. N. und seine Freunde stiegen aus, doch die Familie verriegelte ihr Auto von innen und ein Familienmitglied begann zu telefonieren. Die Angreifer zogen von dannen, und beschädigten dabei noch den Kotflügel des Autos.

Stefan N. wurde damals wegen Nötigung, Hausfriedensbruchs und mehrfachen Landfriedensbruchs zu einer Geldstrafe von 7200 Franken verurteilt. 2400 Franken musste er sofort zahlen, für den Restbetrag wurde eine Probezeit von vier Jahren angesetzt. Ob es in dieses Probezeit zu weiteren Delikten kam, ist nicht bekannt.

Die Auflistung zeigt aber: Stefan N. war den Behörden nicht erst seit 2016 als gewaltbereiter Hooligan bekannt, sondern bereits seit über einem Jahrzehnt. Erst vorgestern deckte die «Berner Zeitung» auf, dass N. vor knapp zwei Monaten vom Regionalgericht Bern-Mittelland wegen Landfriedensbruchs verurteilt wurde. Er soll an Angriffen auf YB-Fans im Jahr 2016 beteiligt gewesen sein.

Mit Handschellen im Käfig

Stefan N., der in den 90er-Jahren in der Thurgauer Neonazi-Szene unterwegs war und sich Nazisymbole auf die Brust tätowieren liess, war zudem einer der Hauptakteure an einem der kuriosesten Vorfälle des Zürcher Fussballs der vergangenen Jahrzehnte. 2008 deckte der damalige Woz-Journalist Daniel Ryser auf, dass der Sicherheitschef des Grasshopper Clubs vier Jahre zuvor Striptease-Partys für die Hooligangruppe Hardturmfront organisiert hatte.

Drei Tänzerinnen tanzten damals in einem Käfig für die anwesenden Hooligans, im Käfig war auch Stefan N., der für die Show-Einlage Handschellen angelegt bekam. Zusätzlich brisant: Beim Sicherheitschef handelte es sich um den damaligen Präsidenten der Sicherheits-Kommission der Schweizer Fussball-Liga, Peter Landolt. Das Präsidenten-Amt musste er später abgeben, allerdings ist Landolt noch immer Letzigrund-Stadionmanager und nach wie vor von der Stadt Zürich angestellt.

Vorwürfe von Insidern

Landolt wollte auf Anfrage des «Landboten» nicht mehr über diese «alten Vorfälle» sprechen. Er bestätigt aber, was auch publik gewordene Bilder der Striptease-Party zeigen: Der Mann im Käfig war Stefan N., im Jahr 2004 also offenbar schon bestens bekannt und vernetzt in der Szene.

Stefan N. selber war für den «Landboten» nicht zu erreichen. Auch der Grasshopper-Club den ganzen Tag bisher nicht. Angesprochen auf die Vergangenheit des mutmasslichen Rädelsführers werfen aber mehrere Insider den Grasshoppers vor, bei den eigenen Fans zu wenig genau hinzuschauen. Die einhellige Meinung: Wenn Stefan N. auch im Jahr 2019 noch einen Spielabbruch erzwingen und eine ganze Mannschaft erpressen kann, läuft beim Club etwas richtig falsch.

Erstellt: 17.05.2019, 15:21 Uhr

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