Fussball

Der Traum von der grossen Liga

Anas Mahamid (21), ein Stürmer, und Muhammad «Mido» Bdarney (knapp 24), eine hängende Spitze, sind die zwei «Exoten» unter den Neuen des FCW. Die beiden arabisch-stämmigen Israelis spielen erstmals im Ausland und haben hohe Ziele.

Sturmspitze, vielfacher Junioren-Internationaler und erst 21 Jahre alt: Anas Mahamid, hier im Duell mit Holger Badstuber.

Sturmspitze, vielfacher Junioren-Internationaler und erst 21 Jahre alt: Anas Mahamid, hier im Duell mit Holger Badstuber. Bild: Heinz Diener

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Die Namen hatte hierzulande noch keiner gehört, als die drei zu Trainingsbeginn auf der Schützenwiese standen: Itzhak Raz, Anas Mahamid und Muhammad, genannt Mido, Bdarney wie die korrekte Transkription aus dem Arabischen lautet. Es hatte auch Oliver Kaiser, der Leiter Sport des FCW, keine genaueren Vorstellungen, was da Fussballer bringen könnten, die in der «Liga Leumit» spielten, wie die zweithöchste Liga in Israel heisst. Bei Klubs wie Hapoel Marmorek, Beitar Tel Aviv Ramla und Hapoel Ikhsal. Zwei von ihnen waren gar in die 3. Liga abgestiegen. Einen Versuch wars ja wert, dachte sich Kaiser, die Kontakte mit einem israelischen Berater mal zu nutzen. Und sollte das Vorhaben scheitern, wäre ein Heimflug rasch gebucht.

Ein Tor nach sechs Minuten

Von den Fakten und den Videoeindrücken her versprach Mahamid am meisten. Als Sturmspitze, als vielfacher Junioren-Nationalspieler und auch wegen seines Alters von erst 21 Jahren. Mido Bdarney, als zurückhängende Spitze vorgestellt, war schon zweieinhalb Jahre älter. Raz kam als Kandidat für die rechte Flanke. Die Trainingseindrücke waren bald einmal diese: Fielen in internen Spielchen Tore, schoss sie oft ein Israeli, immer wieder vorbereitet durch einen andern. Im ersten Freundschaftsspiel gegen den FCZ waren sechs Minuten gespielt, als Mahamid passte und Bdarney das 1:0 schoss. Raz blieb draussen, ein frühes Signal des Trainers. Im zweiten Testmatch, gegen Luzern in Brunnen, kamen Mahamid und Bdarney zur Pause mit der zweiten Elf. 2:1 für den FCW stand es, fünf Minuten später durch eine Doublette Bdarneys 4:1. Raz durfte die letzten zehn Minuten noch mitspielen.

Danach waren die Folgerungen klar: Raz war kein Kandidat auf einen Vertrag, die beiden andern aber sehr wohl – und eben: gleich beide. Denn Bdarney, anfangs etwas weniger «interessant», hatte im Laufe der Tage aufgeholt. Er war nun mindestens auf der Höhe seines Kollegen und schoss auch im dritten Test gegen YF Juventus ein Tor, kaum war er auf dem Platz. Was die beiden vor allem noch auszeichnete: Ihr Leistungswillen, ja ihre Gier, hier eine Chance zu erhalten, in Europa unterzukommen. Und Kaiser schaffte es, die Vereinsspitze vom Unternehmen zu überzeugen.

Zwischendurch flogen die beiden nochmals heim. Aber da war schon klar: Sie erhielten einen Zweijahresvertrag. Zu erledigen waren die Formalitäten, die etwas aufwendiger waren für zwei aus einem Land, das weder der EU noch der Efta angehört. Noch am Freitag werden die beiden nach München aufs Schweizer Generalkonsulat gefahren, um ein letztes Einreisepapier zu holen. Nachmittags sollen sie rechtzeitig fürs Training zurück sein. Dann ist alles erledigt. Längst bezogen haben beide auch eine Wohnung nahe der Schützi. Der eine muss sich nach dem Training nach links, der andere nach rechts wenden. Mahamid hatte schon ein paar Tage Besuch von Vater und kleinem Bruder, Bdarney hat zurzeit seinen Bruder zu Gast. Die erste kleine Reise machten sie nach Interlaken. Natürlich wissen beide, dass sie nicht die ersten Israelis beim FCW sind. Sie kennen Moshe Ohayon, der im Sommer 2006 ebenfalls als Unbekannter nach Winterthur kam und anderthalb Jahre später, als er zu seinem Stammklub Ashdod zurückkehrte, israelischer Nationalspieler war. Als Mahamid im August 2015 als 17-Jähriger für Hapoel Tel Aviv in der «Liga ha’Al», der 1. Division, debütierte, war Ohayon sein Teamkollege!

Moshe Ohayon – der Kollege

Ohayon ist Jude. Die beiden neuen FCW-Israelis aber sind als arabisch-stämmige Israelis Moslems, beide kommen aus «arabischen» Städten im Norden des Landes; Mahamid aus Umm al-Fahm, Bdarney aus Sachnin. Beide machten früh ihre ersten Schritte in der 1. Division, Mahamid eben bei Hapoel Tel Aviv, Bdarney bei seinem Stammklub Bnei Sachnin. Beide brachten es schon in ganz jungen Jahren auf knapp 20 Einsätze in der Eliteliga. Und sie liessen sich danach in die 2. Division ausleihen, als sie nicht mehr wie erhofft weiterkamen. Von beiden tönt es gleich: «Sachnin war immer im Kampf um den Klassenerhalt, also wurde auf Erfahrung gesetzt», sagt Bdarney. «Wenn ich spielen konnte, schoss ich Tore. Aber ich erhielt kaum eine Chance.» Und Mahamid: «Auch Hapoel gab jungen Spielern kaum eine Chance, weil es den Abstieg verhindern wollte.»

Dabei war Mahamid ein so talentierter Stürmer, dass er es in jede israelische Nachwuchs-Auswahl von der U16 bis zur U19 brachte. Besonders stolz zeigte er seine Bilanz mit der U19: 17 Tore aus 23 Spielen waren es da. Mal ging es in einer EM-Ausscheidung gegen die U19 der Schweiz, 2:0 gewannen die Israelis, für die Schweizer Claude Ryfs spielte beispielsweise Roberto Alves. Persönlich näher kamen sich Mahamid und Bdarney, als sie an einem College in Haifa ein Sportlehrerstudium aufnahmen. «Das haben wir jetzt natürlich unterbrochen», sagt Bdarney. Geht es nach ihnen, ist es gar abgebrochen. Das hiesse ja: Wir haben unsere Chance in Winterthur genutzt.

Muhammad «Mido» Bderney ist der erfahrenere der beiden FCW-Israelis. Bild: Urs Kindhauser

Zuletzt haben sie leihweise in der (zweitklassigen) «Liga Leumit» gespielt, Mahamid bei Beitar Tel Aviv Ramla, mit dem er immerhin im oberen Playoff Tabellensiebter wurde. Bdarney aber stieg mit Hapoel aus der Kleinstadt Ikhsal bei Nazareth in die 3. Liga ab. Dennoch war es für ihn die beste Saison, mit acht Toren und drei Assists in 32 Spielen. Er denkt, dass Ikhsal «nicht abgestiegen wäre, wenn ich nicht in einer entscheidenden Phase der Rückrunde verletzt gewesen wäre.» Teamkollege bei Ikhsal war übrigens Anes Dabbur, der ältere Bruder Munas Dabburs, hierzulande bekannt von seinen zwei Gastspielen bei den Grasshoppers und Stammkraft des Nationalteams.

Munas Dabbur – das Vorbild

Munas Dabbur, der prominenteste arabisch-stämmige Fussballer Israels, ist denn auch das Vorbild der beiden FCW-Israelis. «Nach der guten letzten Saison», sagt Bdarney, «kamen schon Angebote aus der ersten Liga. Aber ich sagte meinem Manager: Ich will ins Ausland. Also kam ich hierher.» Was das sehr ambitionierte Ziel ist, formuliert er gleich mit: «Über die Schweiz in eine der fünf grossen Ligen Europas kommen.» Das gilt auch für Mahamid. Munas Dabbur aus Nazareth schaffte das ja. Von GC, wo er in 105 Pflichtspielen 56 Tore schoss, über Salzburg stieg er zum FC Sevilla auf, und der spielt in Spanien in der Tat in einer der fünf grossen Ligen. In der kommenden Saison ist er immerhin direkt für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert.

Der Vertrag beim FCW ist ein erster, kleiner Schritt der beiden jungen Israelis auf dem Weg in die Welt des grossen Fussballs. Noch nicht mal mit einem Stammplatz können sie zu Saisonbeginn rechnen. Im Match gegen den VfB beispielsweise zeigte sich, dass es – neben dem Talent – noch mehr physische Durchschlagskraft braucht. Aber schon zwei Tage später bestätigte Mahamid mit drei Toren und einem starken Assist beim 5:1 gegen Brühl St. Gallen, wie genau er und sein Freund «Mido» wissen, wo das gegnerische Tor steht. Das ist eine rare Gabe. Und an einem wird es darüber hinaus kaum fehlen: am unbedingten Leistungswillen.

Erstellt: 18.07.2019, 19:21 Uhr

Taipi und Bühler – Start auf der Schützi

Zwei Tage vor dem Saisonstart am Samstag gegen den FC Aarau war das Kader des FCW komplett: Erstmals trainierten am Donnerstag Nachmittag die beiden mit, die als letzte Neue verpflichtet wurden: Innenverteidiger Mario Bühler (27) und Mittelfeldspieler Gjelbrim Taipi (26).

Bühler beendete Ende vergangener Saison sein Engagement in Vaduz und wurde einstweilen bis Ende Jahr verpflichtet. Der Grund: Die verletzungsbedingten Ausfälle der Innenverteidiger Granit Lekaj und Marin Cavar zwangen Leiter Sport Oliver Kaiser zu dieser Massnahme. Bühler spielte in den letzten neun Jahren 55 Matches in der Super League (für Luzern und Vaduz) und 106 in der Challenge League (für Wohlen und Vaduz). Siebenmal traf er in des Gegners Tor.

Der in Serbien geborene Kosovare Taipi, der von GC definitiv übernommen wurde und für zwei Jahre unterschrieb, hat sechs Jahre im Schweizer Fussball hinter sich. 45mal spielte er für St. Gallen und GC in der Super League, 114mal für Wil und Schaffhausen in der Challenge League. Als Torschütze tat er sich nur in der Challenge League hervor, und zwar 19mal. Bühler und Taipi sind schon gegen Aarau spielberechtigt. (hjs)

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