Pfungen

Der Wunsch zu sterben und die Nächstenliebe

Ist es egoistisch, mithilfe von Exit aus dem Leben zu scheiden, wenn der Partner damit nicht ein­verstanden ist? Diese Frage entfachte eine angeregte Diskussion über Liebe und Autonomie in Pfungen.

Pfarrer Andreas Goerlich diskutierte mit den Besucherinnen in Pfungen über Sterbehilfe.

Pfarrer Andreas Goerlich diskutierte mit den Besucherinnen in Pfungen über Sterbehilfe. Bild: Patrick Gutenberg

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Unter dem Titel «Purer Egoismus oder die volle Selbstbestimmung» organisierte Pfarrer Andreas Goerlich eine Diskussionsrunde zum Thema Sterbehilfe. Am lauen Donnerstagabend fanden sich dazu sechs Besucherinnen im Pfarrgarten der reformierten Kirche in Pfungen ein. In der kleinen Runde wurde angeregt und doch sachlich über das aktuelle und kontroverse Thema diskutiert. Ausgangspunkt des Abends war der Film «Ein ganzes halbes Jahr» (Me Before You), in dem Will, ein Tetraplegiker, sich entschieden hat, nur noch ein halbes Jahr zu leben und danach mithilfe der Organisation Dignitas aus dem Leben zu scheiden.Will ist 30 und wurde durch einen Unfall querschnittgelähmt. Davor führte er ein erfolgreiches und ausgefülltes Leben. Seine Pflegerin Lou macht es sich zur Aufgabe, seinen Entschluss zu ändern und ihm zu zeigen, dass sein Leben lebenswert ist. Zwischen den beiden entwickelt sich im Lauf des halben Jahres eine Liebesbeziehung, die jedoch nicht ausreicht, um Will von seinem Vorhaben abzubringen.

Zwei Entwürfe von Liebe

In der Diskussionsrunde wurden die Gründe besprochen, die Will dazu motivierten, seinem Leben ein Ende zu setzen, und was aus der Perspektive von Lou dagegen spricht. Schnell wurde klar, dass es nicht einfach ist, für eine Seite Partei zu ergreifen. Denn: Verhält sich Lou egoistisch, indem sie Will nicht gehen lassen möchte, obwohl dies sein Wunsch ist? Ist Will ein Egoist, da er auf die Gefühle von Lou nicht Rücksicht nimmt, obschon sie ihn liebt? Oder handelt er geradezu selbstlos, weil er nicht möchte, dass Lou ihr Leben für ihn aufgibt?

In der Runde war man sich einig, dass man in der Gesellschaft immer mehr auf sich selbst schaut und unabhängig sein möchte. Darum bekomme die Selbstbestimmung einen so hohen Stellenwert. Dies möchte man dann auch darauf ausweiten, wie und wann man stirbt. «Eine Mitgliedschaft bei Exit ist beruhigend. Man hat damit eine Möglichkeit, muss sie aber nicht nutzen», stellte Margrit Nachbur fest.

Das Gleichgewicht finden

Gleichzeitig lebt man als Menschen aber auch in Beziehungen, sei es zu den Eltern, dem Partner oder Freunden. «Dies stellt den Menschen vor die Herausforderung, zwischen den Werten der Gemeinschaft und der Selbstbestimmung den richtigen Weg zu finden», erklärte Pfarrer Goerlich. «Da der Tod aber immer noch ein Tabuthema ist, möchte man sich damit nicht beschäftigen und spricht es nicht an», stellte Evi Fischer aus Pfungen fest. Aus Erfahrung rät der Pfarrer jedoch, das Thema schon frühzeitig mit seinen Angehörigen zu besprechen, damit diese dann auch über die Wünsche des Verstorbenen informiert sind. Fatal sei, sich bei Exit anzumelden, ohne die Angehörigen in diesen Plan einzubeziehen.

Letztlich muss jede Person für sich selbst entscheiden, welchen Weg sie zwischen Gemeinschaft und Autonomie wählt. Unter den Diskutierenden herrschte Einigkeit darüber, dass man die Handlung eines anderen Menschen letztlich nicht beurteilen kann, wenn man sich nicht selbst in dieser Situation befindet.

Erstellt: 22.07.2016, 16:28 Uhr

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