Winterthur

Der gezähmte Pirat

Zum zweiten Mal bewirbt sich Marc Wäckerlin als Aussenseiter um ein Stadtratsamt. Der Gemeinderat der Piraten ist in der letzten Legislatur politisch gereift. Er sieht sich als Alternative zum lokalen «Filz» und vertritt libertäre Positionen.

Eine Freiheit, die den anderen nicht schadet, sei eine gute Freiheit: Marc Wäckerlin, der Stadtratskandidat der Piraten, plädiert für einen Staat, der auf Eigenverantwortung statt Kontrolle setzt, und sprengt Konventionen.

Eine Freiheit, die den anderen nicht schadet, sei eine gute Freiheit: Marc Wäckerlin, der Stadtratskandidat der Piraten, plädiert für einen Staat, der auf Eigenverantwortung statt Kontrolle setzt, und sprengt Konventionen. Bild: Marc Dahinden

So tritt er auf: Sein Herzensthema ist die persönliche Freiheit, und die beginnt für Marc Wäckerlin schon in den Fussspitzen. Der Gemeinderat der Piraten verzichtet oft auf Schuhe, zu Hause wie im Büro, selbst bei tiefen Temperaturen. Es sei ihm einfach bequem so, sagt er, der sich nicht gerne gesellschaftlichen Zwängen unterordnet. Eine Freiheit, die den anderen nicht schadet, ist für Wäckerlin eine gute Freiheit.

Auch beim Treffen mit dem «Landboten» ist er barfuss. Er hat zu sich nach Hause eingeladen – ein angebautes Einfamilienhaus in Hegi mit etwas Umschwung in einem ruhigen Familienquartier – gemütlich, unspektakulär. Wäckerlin ist ein guter Gastgeber, offeriert Kaffee, Kekse, ist geduldig und höflich im Gespräch.

«Man mag mich, oder man mag mich nicht.»

Der Treffpunkt aber ist für ihn eher ungewöhnlich. Persönliches, gibt er nur ungern preis. Auf seiner Homepage findet man keinen Lebenslauf und nicht einmal ein Bild von ihm, dafür Beiträge über Politik, Konsumentenschutz und Computer. Es ist für Wäckerlin eine Prinzipienfrage. Er wolle als Politiker gewählt werden, sagt er. Nicht als Familienvater.

Damit punktete er: Im Stadtparlament ist Wäckerlin ein Aktivposten. Seit seiner Wahl 2010 hat er über 40 Vorstösse entweder selbst eingereicht oder miteingereicht. Das thematische Feld ist weit, Open-Source-Programme, die Trennung von Kirche und Staat oder die Begabtenförderung sind wiederkehrende Themen. Seit 2014 sitzt er in der Aufsichtskommission und damit am Puls der wichtigsten Geschäfte. Mit den seinem Fraktionspartner, den Grünliberalen, agiert er in der Finanzpolitik geeint und hat so zum Sparkurs des Gemeinderates beigetragen.

Für grosse Veränderungen fehlte ihm die Hausmacht, zwei Motionen scheiterten im Rat klar. Erfolg hatte er in Zusammenarbeit mit anderen Parteien, etwa als er ein erleichtertes Bewilligungsverfahren für Kleinveranstaltungen forderte.

Ein anderer Meilenstein liegt lange zurück. Die Initiative, mit der die Piraten eine demokratische Prüfung von Überwachungskameras verlangten. Der Stadtrat löste 2013 die wichtigsten Forderungen ein, worauf sie die Initiative zurückzogen.

Damit eckte er an: Mit der Redezeit im Rat ist sparsam umzugehen, sonst erlahmt der Betrieb. Diese Lektion musste Wäckerlin zuerst lernen. Wegen langer Voten und seiner Diskussionslust schlug ihm in seiner ersten Legislatur viel Unmut entgegen. Unterdessen ist der Pirat gezähmt. «Wer mich seit den Anfängen beobachtet, weiss, dass ich mir heute Mühe gebe, die Dinge auf den Punkt zu bringen.» Auch fruchtlose Rededuelle sind seltener geworden.

«Meine Wahlchancen sind nicht bei null aber sicher klein.»

Eine Niederlage kassierte Wäckerlin in dieser Legislatur, als er sich mit den Freunden des Holidi solidarisierte und eine Initiative zur Rettung des Holzmannes am Graben mitlancierte. Zwar kamen die nötigen Unterschriften zusammen, Stadt- und Gemeinderat erklärten die Initiative wegen formaler Mängel aber für ungültig. Für Wäckerlin war es ein kleinlicher Entscheid, typisch für eine Politik, die an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeiziele.

Das muss man wissen: Wäckerlin ist in Weisslingen aufgewachsen, studierte Elektrotechnik an der ETH und arbeitet heute als Informatiker im Sicherheitsbereich. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes, der im Herbst 17-jährig ein Mathematik-Studium an der ETH begonnen hat.

Der heute 46-jährige Wäckerlin war Mitgründer der Piraten in der Schweiz und 2010 der erste Vertreter seiner Partei, der in ein Amt gewählt wurde. 2014 kandidierte er schon einmal für den Stadtrat und realisierte mit 3830 Stimmen (bei einem absoluten Mehr von 11 140) ein Achtungsresultat. «Immerhin 12 Prozent haben mich gewählt», sagt er, «also mehr als jeder Zehnte.»

Neben seinem politischen Mandat ist Wäckerlin Präsident der Winterthurer Freidenker, die sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzen und für Atheismus und Agnostizismus als Alternative zur Religion werben.

Das sagt er über sich selbst: «Man mag mich oder man mag mich nicht», sagt Wäckerlin. Er versuche, ein klares Profil zu haben. Seine Wahlchancen seien nicht bei null, aber sicher klein. Er trete im Selbstverständnis an, den Winterthurern eine «Alternative zum politischen Filz» zu bieten. Wäckerlins politische Heimat ist Libertarismus, in einer gemässigten Form.

Er tritt nicht für die Abschaffung, aber für eine Beschränkung des Staates ein, wehrt sich gegen demokratisch Freiheitsbeschränkungen, auch wenn sie demokratisch beschlossen wurden. Nach Beispielen gefragt, nennt er das Baurecht. Die Stadt übertreibe, wenn sie Hauseigentümern die Bepflanzung ihres Vorgartens vorschreibe. Das Bauvolumen zu regeln, genüge vollends.

«Er ist finanzpolitisch ein Hardliner, härter als die SVP»Christian Griesser,
Gemeinderat Grüne

Und die Polizei? Natürlich brauche es Sicherheit. «Die Frage ist nur, ob es unsere Polizei braucht, die Leute anhält und büsst, die irgendwo mit dem Velo über ein Trottoir fahren.»

Würde er gewählt, könnte sich Wäckerlin jedes Departement vorstellen. Konkrete Pläne hätte er für das Schuldepartement, in dem eine Behördenrevision nötig sei. Einbringen will sich Wäckerlin auch bei der Sanierung der Pensionskasse, mit der die amtierende Regierung viel zu lange gezögert habe.

Das sagen die anderen: Christian Griesser (Grüne), der mit Wäckerlin in der Aufsichtskommission (AK) sitzt, sagt: «Er ist in der Kommission genauso wie im Rat, immer er selbst, ein Original.» Wäckerlin agiere unvoreingenommen, sei nicht systemgebunden und bisweilen unbequem. Finanzpolitisch sei er ein Hardliner, härter als die SVP.

In der Kommission nehme er sich viel Raum und erreiche wenig, sagt Griesser. «Aber er arbeitet genau und fragt hartnäckig nach.» Weil er auch Extrempositionen vertrete, werde Wäckerlin oft moralisch angegriffen oder nicht ernst genommen. «Das stört mich», sagt Griesser, obschon er mit Wäckerlin politisch kaum je einig sei.

Von «extremen Vorschlägen in alle Richtungen» erzählt AK-Mitglied Michael Gross (SVP). Wäckerlin sei ein Querdenker, der der Kommission guttue. In der Finanzpolitik hat der Pirat mit der SVP viele Berührungspunkte, Gross erwähnt vorab die Diskussion um die Pensionskasse.

Das bleibt in Erinnerung: Wenig ist in den Augen Wäckerlins so überflüssig wie Briefpost. Gar eine Abneigung hat er gegen Einschreiben. Auf seiner Homepage heisst es, diese würden nicht oder höchstens nach vorgängiger Verständigung abgeholt. «Einschreiben sind etwas sehr Unhöfliches», begründet er das Regime. «Man zwingt mich, zur Post zu gehen, das ist aufwendig.»

Wäckerlin fordert nicht nur von der Stadt die Digitalisierung, er hat sie daheim umgesetzt. Briefe scannt er einmal pro Monat ein, um sie zu verarbeiten. «Sonst stapeln sich Papierbeigen, auf denen ich nichts wiederfinde.» Das Programm für die Ablage hat er selbst geschrieben – auf Open-Source-Basis. Marc Leutenegger

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Marc Wäckerlin. Video: mcl/huy
(Der Landbote)

Erstellt: 10.01.2018, 18:21 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in diesen Tagen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Marc Wäckerlin (Piratenpartei).

Smart-Spider-Profil

Das Profil eines Libertären

Für Marc Wäckerlin gibt es nur «Ja» oder «Nein». Er braucht nie «eher ja» oder «eher nein». Mit seinem binären Stil fällt er aus dem Rahmen, und er ist der einzige Kandidat, der jede Antwort kommentiert hat. Das Diagramm zeigt seine Hauptanliegen: Der Staat soll nicht viel Kosten und das Individuum maximale Freiheit haben.

Trotzdem greift es zu kurz, um seine Position abzubilden. Sollen Rentner bis 67 arbeiten? Wäckerlin sagt ja, ergänzt aber, er sei dafür, das Pensionskassenobligatorium abzuschaffen. Höhere Anforderungen an die Einbürgerung lehnt er ab – mit dem Argument, Staatsbürgerschaften seien obsolet. Wäckerlin befürwortet Auslagerungen und Verselbstständigungen (Stadtwerk, KSW, Theater). Er ist für einen Verbleib im Schengen-Raum und gegen Grenzkontrollen – weil jeder Mensch die Grenzen frei überqueren dürfen soll.

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