Stadtkultur

Die Kunst wird aus dem Paradies vertrieben

Die sechste Skulpturen-Biennale im Weiertal zeigt die Grenzen der modernen Kunst auf und überschreitet sie.

Ein Affe aus rotem Zucker, der sich in der Natur auflöst: Vielleicht ein Spiegelbild des Menschen. Skulptur von Sandra Knecht.

Ein Affe aus rotem Zucker, der sich in der Natur auflöst: Vielleicht ein Spiegelbild des Menschen. Skulptur von Sandra Knecht. Bild: Nathalie Guinand

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«Ist das noch Kunst?» Gerade moderne Skulpturen rufen häufig diese Frage hervor. Zum Beispiel das Werk «Traversina – Magic Treshold» von Mirko Baselgia. Es besteht nur aus einer Schrifttafel mit einem Handlungshinweis: Man soll barfuss einen Stecken oder sonst eine Trennlinie überschreiten und spüren, wie man in eine andere Sphäre gelangt. Zum Beispiel eben in den Paradiesgarten des Kulturorts Weiertal, wo gut zwei Dutzend Skulpturen zu sehen sind. Der Kurator der Ausstellung, Christoph Doswald, hat die «Traversina» am Eingang zum Kunstgarten aufgestellt. Bei Baselgia steht eine Handlung und damit ein Prozess im Vordergrund. Das ist eines der Merkmale der Weiertaler Biennale 2019. Viele Skulpturen verändern sich auch unter der Einwirkung der Natur. Die Zeiten der ewig konservierten Kunst in Museumshallen sind vorbei. «Paradise, lost», lautet entsprechend der Titel der Ausstellung.

Schmelzende Kunst

Ein Affe ganz aus rotem Zucker hockt in einem Gehäuse oben an einem Baum. Das Licht bleicht den Zucker aus, Hitze weicht ihn auf und Insekten fressen ihn, verteilen ihn in der Natur. Wenn man den Affen als ein Spiegelbild des Menschen verstehen will, so löst sich der Mensch in der Natur auf, die ihn geschaffen hat. Die Zuckerskulptur ist ein Werk von Sandra Knecht.

Katja Schenker hat einen Schneemann gebaut. Er ist schwarz und besteht aus Asphalt. Doch auch er wird in der Sonne vergehen. Damit das nicht allzu schnell geschieht, wird er von einem Sonnenschirm geschützt und zeitweilig abgedeckt, wie Gletscher in den Alpen. Der schwarze Schneemann stellt so einen Bezug zu drängenden Umweltfragen dar. Damit, dass der schwarze Mann Efa heisst, spielt das Werk auch mit der Problematik der Geschlechter- und Rassendiskriminierung. Die Thematisierung von Zeitfragen ist ein zweites Merkmal der Skulpturen-Bieannale im Weiertal.

Ein fast leeres Ölfass von Vanessa Billy weist darauf hin, dass die Menschheit die Rohstoffe der Erde zu schnell verbraucht. Das Fass ist aus Glas, also verletzlich, so wie die Natur in der wir leben. Doswald hat das Ölfass an einen Seerosenteich gestellt. Im Kontrast zu dieser Idylle verstärkt sich die Aussage von Billys Kunstwerk noch.

In einem Unterstand liegt eine abgenutzte weisse Matratze. Man sieht kaum, dass sie aus hartem Kunststoff gegossen ist. Für den Künstler Kesang Lamdark verkörpert sie das Paradies: Eine Matratze, auf dem man träumen kann. Gerade die Nacktheit, Kargheit der Matratze lässt den Gedanken freien Raum. Dennoch kann Lamdark nicht verhindern, dass der Betrachter in seinem Werk auch einen Hinweis auf die Not von Flüchtlingen sieht. Zumal der Künstler tibetische Wurzeln hat und zu einer Gruppe von Menschen gehört, die einmal von Fremdherrschaft und Unterdrückung in die Flucht getrieben wurden. Es ist oft der Zeitgeist, der Interpretationen prägt, die vom Künstler selbst gar nicht beabsichtigt waren. Oder wenigstens nicht bewusst.

Nur von der Strasse aus zu sehen: «The end is near» von Beni Bischof.

Kunst zitiert Kunst

Auf dem grossen Teich des Kunstgartens schwimmen aufblasbare Fabeltiere, wie sie im Handel erhältlich sind. Die Kunst schafft einzig der Wind: Er führt Regie in einem ebenso kitschig schönen, wie ironisch lachhaftem Wasserballett. Wieder ist die Bewegung hier das Wesentliche. Auf einem der Fabelvögel liegt eine schlaffe Figur. Es könnte der Künstler Olaf Breuning selbst sein, der sich erschöpft niederlegt, nachdem er sein Werk vollendet hat. Doswald sieht darin die Reflektion des Künstlers über seine Stellung in der Gesellschaft.

Hier zeigt sich ein drittes Merkmal der Ausstellung. Viele Kunstwerke beziehen sich auf die Kunst selbst. Sie zitieren bekannte Künstler und greifen Muster aus der Kunstgeschichte auf. Die Kunst versinkt in sich selbst.

«The end is near» verkündigt eine grosse schwarze Tafel im Kunstgarten. Sie ist gegen aussen gerichtet und nur von der Strasse her zu sehen. Damit sprengt sie den Rahmen der im Garten eingehegten Ausstellung. «The end is near» von Beni Bischof ist eine halb ironisch Ankündigung und gleichzeitig eine Einladung, eine absolut spannende Ausstellung zu besuchen.

«Paradise, lost»: Kulturort Weiertal, Rumstalstrasse 55, Winterthur. Vernissage: Heute, 17 Uhr. Mi-Sa 14-18, So 11-17 Uhr. Bis 8.9.

Erstellt: 24.05.2019, 17:40 Uhr

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