FC Winterthur

«Die Mischung stimmt – auf allen Ebenen»

Oliver Kaiser (39) ist in der zweiten Saison als Sportchef verantwortlich fürs Gedeihen des FCW. Im Gegensatz zur ersten verspricht sie ein Erfolg zu werden. Jedenfalls gingen im ersten Meisterschaftsdrittel die Pläne auf.

Einst Junior, jetzt Sportchef beim FCW: Oliver Kaiser.

Einst Junior, jetzt Sportchef beim FCW: Oliver Kaiser. Bild: Marc Dahinden

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Oliver Kaiser war einst ein vielversprechender Junior des FCW. Mit 16 kam er, in der Saison 1995/96 unter Trainer Martin Andermatt, ins «Eins»-Kader. In der Rückrunde machte er sein erstes Spiel, dann war er anderthalb Jahre lang Stammkraft. In Juniorenauswahlen traf er Trainer wie Köbi Kuhn, Michel Renquin und Karl Engel. Allein, es stellten sich früh Rückenprobleme ein. Der aufstrebende Linksfuss wurde vom Rücken gestoppt. Er unternahm später, in der Saison 1998/99 unter Peter Knäbel, nochmals einen Anlauf. Der war nur kurz, wie danach auch einer beim SC Veltheim.

Die Rückkehr ins Fussballgeschäft schaffte Kaiser dann im Büro des prominenten Spielervermittlers (und ehemaligen FCW-Spielers) Wolfgang Vöge. Der wurde allmählich, vor allem in den letzten Jahren der Amtszeit des Präsidenten Hannes W. Keller, als «sportlicher Berater des Vorstands» zu einer sehr präsenten Figur um die erste Mannschaft des FCW, zum mehr oder minder «heimlichen» Sportchef. Diese Rolle war allerdings manchenorts umstritten. Auch deshalb zog sich Vöge zurück. Es trat Kaiser auf, seit nun anderthalb Jahren in der klaren und offiziellen Rolle eines Leiters Sport (oder Sportchefs). Natürlich gibt es das gute Einvernehmen Kaisers und Vöges weiterhin. Aber es ist eindeutig, dass der junge Sportchef in seine neue Rolle hineingewachsen ist und zumal in der Zusammenarbeit mit Mannschaft und Trainer die einzige Ansprechstation ist.

Die wichtige zweite Saison

Kaisers Problem: Es missriet auch die erste Saison unter seiner sportlichen Führung. Auch er konnte den Trend, im Winter den Trainer zu wechseln, nicht auf Anhieb stoppen. Also war klar, dass er sich in seiner zweiten Saison beweisen muss – dem Fussballjahr, das im vergangenen Juli anlief und sich bisher so gut anliess. Kaiser glückte, immer nach den bis heute gültigen Eindrücken, die Transferkampagne so gut wie seit Jahren keine des Vereins mehr. Aber es ist auch klar: An Selbstkritik fehlt es ihm nicht. Wäre die zweite Saison ähnlich missglückt wie die erste, wäre er gewiss selbst zum Schluss gekommen, er sei an diesem Posten nicht der richtige Mann.

Diese Frage aber stellt sich jetzt nicht mehr – und es wäre eine bittere Enttäuschung, stellte sie sich nach diesem guten Start wieder. Kaiser allerdings bleibt zurückhaltend. Er weiss, es ist ein hartes Stück Arbeit, sich zu bestätigen. Gut ist, dass dieses Bewusstsein auch in der Mannschaft herrscht. Und so sieht Kaiser die Dinge vor seinem ersten grossen Spitzenspiel, gegen Servette.

«Das die Mannschaft jetzt so passt, das ist nicht nur Können, sondern auch Glück.»Oliver Kaiser

Oliver Kaiser, Sie müssen ein glücklicher Mann sein. Vor einem Jahr war der FCW zu dieser Zeit mit sieben Punkten Letzter, jetzt ist er mit 24 Zweiter und steht vor einem absoluten Spitzenspiel …

Oliver Kaiser: Ich will da mal ein bisschen ausholen. In dieser Zeit kamen viele Umstände zusammen. Für mich fiel der Startschuss auf die neue Saison schon Anfang 2018 mit der Ankündigung des Rückzugs des FC Wohlen. Danach konnten wir frei von Abstiegsdruck analysieren und uns Zeit lassen, damit wir auch möglichst wenige falsche Entscheide fällen. In jene Zeit fiel auch, dass wir zum ersten Mal mit Davide Callà zusammensassen. Dass die Mannschaft jetzt so passt, das ist nicht nur Können, sondern auch Glück. Aber man kann schon sagen, es passten im Moment alle Puzzleteile zusammen – Mannschaft, Trainer, Sportchef.

«Es ist einfach so: Es klappt in der Kabine und das merkt man auf dem Platz.»Oliver Kaiser

Ihre erste Bilanz ist also positiv?

Jetzt kann man sagen, dass wir die Lehren gezogen haben aus der miserablen Saison. Und es sind die Transfers in der Tat gelungen – auch mit den Rückkehrern. Callà spielt seine Rolle in der Kabine wie gewünscht; aber eben auch Sead Hajrovic, Denis Markaj, Granit Lekaj oder Luca Radice – das ist ein gesunder, ehrlicher Kern. Oder Raphael Spiegel und Remo Arnold, die einfach Profis sind. Und dann hat Ousmane Doumbia sportlich einen grossen Sprung gemacht. Es ist einfach so: Es klappt in der Kabine und das merkt man auf dem Platz. Die Mannschaft hat eine sehr gute Arbeitsmoral.

Neu ist auch der Trainer, Ralf Loose …

Wir haben uns für ihn entschieden, weil er zu uns passt. Er bringt Erfahrung mit, er hat ein gutes Gespür für die Spieler, schenkt den Jungen Vertrauen. Und er konzentriert sich aufs Wesentliche.

Welche Vorstellungen hatten Sie zu Saisonbeginn – nach einem, ja zwei völlig missratenen Jahren?

Zuerst war einmal klar, dass wir möglichst schnell eine gewisse Konstanz erreichen wollten, um uns von der Abstiegszone fernzuhalten. Wir haben aber auch gewusst: Wenn alle den Level erreichen, den sie haben, dann ist einiges möglich in dieser ausgeglichenen Liga.

Die Distanz nach hinten haben sie jetzt, sie könnten sich also neue Ziele setzen. Tun Sie das auch?

Nein. Wir wissen, dass wir wohl 40 Punkte brauchen, um unserer Sache sicher zu sein. Und so lange wir die nicht haben, gibt’s keine neuen Ziele. Was jetzt ist, stimmt zwar für den Moment, heisst aber nicht, dass es auch nach 36 Runden noch stimmt. Denn wir haben auch ein knappes Kader und bisher hatten wir kaum Verletzungspech.

Es ist die zweite Saison, die sie als Sportchef verantworten. Für Sie ist es also eine Saison der Bewährung nach der missratenen ersten – ein neuerlicher Misserfolg wäre auch für Sie persönlich bedenklich. Man müsste dann sehr wohl die Frage nach ihrer Eignung für diesen Job stellen …

«Es ist klar, dass ich mich selbst nach meiner ersten Saison wohl am meisten hinterfragte.»Oliver Kaiser


Es ist klar, dass ich mich selbst nach meiner ersten Saison wohl am meisten hinterfragte – zum Thema, wie bringe ich den Klub wieder in andere Gewässer. Ich hatte vor der zweiten Saison den Anspruch an mich, nun muss es gelingen. Wäre das nicht der Fall, müsste man mich schon sehr kritisch sehen und allenfalls Konsequenzen ziehen. Ins gesicherte Mittelfeld zu kommen, dass muss schon mal sein.

Danach sieht es mittlerweile in der Tat auch aus. Und Sie fühlen sich auch frei in ihren Entscheidungen?

Ich bin frei in meinen Entscheidungen, natürlich.

Es sind noch fünf Spiele bis zur Winterpause, die den bisher fast ausschliesslich positiven Eindruck noch bestätigen, aber auch mindern können. Dann folgt die Zeit, da sich der Verein entscheiden muss, ob er die Lizenz für die Super League beantragt …

So ist es. Aber das ist ein Thema, über das ich mir den Kopf noch nicht zerbreche. Zuerst mal müssen wir uns bis im Winter bestätigen.

Dazu wäre allerdings die Anmerkung zu machen: Beendet der FCW die Vorrunde in der Spitzengruppe, kann er seiner Gemeinde doch nicht zumuten, die Lizenz für die Super Lague nicht mal zu beantragen … Zurück zum Verein: Hat sich im Klub etwas geändert in dieser Zeit, da die Mannschaft wieder erfolgreicher wurde? Er ist ja weiterhin ohne Präsident …

Nicht, was die Strukturen betrifft. Da hat sich nichts geändert. Aber die Bereiche sind klar zugeordnet. Im Alltag ist es ohne Folgen, dass wir keinen Präsidenten haben. Wir funktionieren.

Gibt es die Chance, im Winter personell etwas zu unternehmen – beispielsweise, wenn die Aufstiegschance konkret wirken würde?

Da stellt sich für mich auch die Frage, ob man nicht zu viel macht, wenn man etwas macht – in der Hoffnung, es sei doch nur noch wenig nötig, um den Sprung zu schaffen. Wir dürften nicht alles über Bord werfen, nur weil wir mal um den Aufstieg spielen. Im Winter müssen wir die Dinge genau analysieren, auch im Bewusstsein dessen, dass im Erfolg die meisten Fehler begangen werden.

Wenn Sie an die Planung der kommenden Saison denken, gehen Sie wieder vom bisherigen Budget aus?

Davon gehe ich aus. Es ist das Budget einer Mannschaft aus dem Kern des Mittelfelds.

Wenn Sie abschliessend die Lage des FCW in Kürze beschreiben müssen, was sagen Sie?

Die Mischung stimmt – auf allen Ebenen, Mannschaft, Trainer, Sportchef. So sieht es jedenfalls aus. Keiner driftet ab, jedem ist klar, was es nur schon braucht, dass es so weitergeht wie bisher in dieser Saison. Und dann brauchen wir auch eine Spur Glück.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.11.2018, 21:02 Uhr

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