Fussball

Ein 1:1 für alle

Nach einer halben Stunde fielen die Tore, zuerst für den FCW, dann für GC. Nach 94 Minuten stands vor 9000 Zuschauern noch immer 1:1 und es mussten alle sagen: Dieses Unentschieden ist korrekt.

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Der FCW wartet nun schon seit 47 Jahren auf einen Meisterschafts-Heimsieg gegen die Grasshoppers. Die Zürcher verpassten, was der grosse Aufstiegsrivale Lausanne-Sport im Spätsommer gleich mit einem 6:0 geschafft hatte: einen Dreier auf der Schützenwiese, gegen einen der ersten Herausforderer der beiden Topteams. Es hätten also beide Mannschaften mehr erreichen wollen, aber so wirklich verdient hätten es beide nicht. Die Grasshoppers waren anfangs eine Spur initiativer und auch torgefährlicher, aber in Führung ging der FCW. Die Winterthurer kassierten aber, kaum schien sich die Entwicklung zu ihren Gunsten auszusprechen, den Gegentreffer. Und in der zweiten Halbzeit war der FCW die mindestens um eine Spur bessere Mannschaft. Also sagte hinterher auch Fredy Bickel, der neue GC-Geschäftsführer: «Ja, jetzt ist dieses Unentschieden gerecht.» Noch bei Halbzeit hatte er das Gefühl gehabt, «dass wir eigentlich führen müssten.»

Am Ende sagte auch der Winterthurer Trainer Ralf Loose: «Ich kann mit diesem Unentschieden absolut leben.» Wie die meisten andern hatte er ein im Verhältnis zu den schwierigen Bedingungen «ein gutes Spiel gesehen». Es war in der Tat ein harter und trotz einiger Verwarnungen auch ausgesprochen fairer Kampf. Die Stimmung auf den Rängen war sauber, sieht man von den halt wie immer völlig überflüssigen Pyro-Aktionen ab, diesmal vor allem vom Zürcher Anhang.

Verschiebung drohte nie

Es war von der Tabelle her ein Spitzenspiel, der Kampf des Zweiten beim Vierten. Ein spezielles Spiel war es aber vor allem wegen der Bedingungen, ein Match auf einem Geläuf, das es selbst jedem Techniker schwer machte, den Ball unter Kontrolle zu halten und genau zu spielen. Ein Kampfspiel wars, mehr noch als der Cupmatch des FCW knapp zehn Tage zuvor gegen Thun. Was aber klar war: Eine Verschiebung drohte nie; den Anforderungen an die Regularien wurde der Platz gerecht, und es war auch nie daran zu zweifeln.

Immerhin, der Schiedsrichter war schon knapp drei Stunden vor Anpfiff da, um alle Eventualitäten auszuschliessen. Er lief dann nicht mal in Fussball-, sondern in Strassenschuhen auf den Platz, von seinem vierten Mann begleitet, einen Ball in der Hand. Den rollte er dann ein paar Minuten durch die Gegend und bestätigte, dass am Anpfiff nicht zu zweifeln sei. Es passierte auch nichts, was dem Platz zuzuschreiben gewesen wäre und den Match entschieden hätte. Also sagte, wie andere, auch Bickel: «Das 1:1 ist auch deshalb gerecht, weil nicht noch der eine oder andere durch einen Platzfehler verloren hätte.»

Nuno und Cvetkovic

Müssig ist es auch, darüber zu diskutieren, wer von einem guten Geläuf profitiert hätte – ausser das allgemeine Niveau. So wie die beiden Mannschaften aber zu werten sind, hatte der FCW wohl mindestens so viele spielerische Reserven wie die Grasshoppers – wenn nicht mehr. Diese Winterthurer Mannschaft ist ja, das hat sie längst bestätigt, in der Offensive individuell vorteilhaft besetzt.

Die beiden Tore waren eine Einzelleistung und eine gute Standard-Variante. Die Einzelleistung lieferte der Winterthurer Linksaussen Nuno Da Silva. Er übernahm den Ball noch hinter der Mittellinie von Davide Callà; er lief damit immer schneller und immer weiter; bis er im Strafraum angelangt war. Dort standen, neben Torhüter Mirko Salvi, auch nicht weniger als fünf Grasshoppers. Und zwei von denen, Aleksandar Cvetkovic und Andreas Wittwer, standen ihm dann Pate beim Abschluss – gleichsam im Doppelpass mit ihnen konnte Nuno zum erfolgreichen Torschuss ansetzen.

«Es war ärgerlich, dass wir sofort den Ausgleich kassierte», sagte FCW-Trainer Loose am Ende. Und sein Stürmer Roman Buess formulierte es so: «Wir hätten uns nach unserem Tor cleverer verhalten und mindestens bis zur Pause aus Sicherheit hätten spielen müssen.» Aber man müsse auch sagen, «dass GC dann ein gute Variante spielte.» Es war eine Freistossflanke, die Nikola Gjorgjev aus 22 Metern weit und über den ferneren Pfosten hinaus geschlagen hatte. Dort war Cvetkovic herbeigelaufen, der sich vorher ganz diskret aus dem Bereich geschlichen hatte, wohin solche Bälle in der Regel erwartet werden. «Es war ärgerlich», sah auch Loose, «dass ausgerechnet einer der Kopfballstärksten der Zürcher ganz frei stand.» Das allerdings entsprach offensichtlich den Berechnungen von GC-Coach Uli Forte …

Nur zwei Minuten und 18 Sekunden lagen zwischen den beiden Toren. In der zweiten Halbzeit gab es dann noch weniger nennenswerte Torszenen als vorher. Es waren kaum mehr Torhüterparaden erforderlich, auch nicht von Salvi von GC, obwohl die Winterthurer nun in der Tat mehr am Ball waren und auch ausdauernder wirkten. «Aber es war auf diesem Boden spielerisch sehr schwierig», sagte auch FCW-Stürmer Roman Buess. Gerade für einen wie ihn, der es immer wieder mit gleich mehr als einem Gegner zu tun hatte.

«Den Platz hinbekommen»

«Wir müssen den Platz schon hinbekommen», fügte Buess – eher grundsätzlich – noch bei. «Denn vor allem gegen Mannschaften, die – anders als GC – nicht mitspielen, wird es für uns sonst noch schwieriger, uns durchzusetzen, als es sonst schon ist.» So ist es: Man kann sagen, im Verhältnis zu den Verhältnissen sei das gestern «ein sehr gutes Spiel gewesen» (Loose). Aber das darf keinesfalls zu einer Art Dauerzustand werden. Nimmt man die individuellen Leistungen, so waren beim FCW alle vier Verteidiger stark, ausgesprochen auch die Aussenverteidiger, von denen Tobias Schättin auf der linken Flanke allmählich eine neue Konstanz auf gehobenem Niveau entwickelt. Das ist ein gutes Zeichen. Das waren ein weiteres Mal die Auftritte der beiden Sechser Ousmane Doumbia und Granit Lekaj, obwohl die Zürcher auf Doumbia doch besonders aufpassten. Aber eben, je weiter nach vorne es ging, desto schwieriger wurde es. Also schlug nur der schnellste Winterthurer, Nuno Da Silva, den Bedingungen ein Schnippchen. Aber ohne Mithilfe der Zürcher wäre auch ihm das nicht geglückt.

Der FCW kann also zufrieden sein, nach dem achten Pflichtspiel in Folge ohne Niederlage weiterhin vorne dabei zu sein. Die Grasshoppers sind weiterhin Zweiter, aber eine Mannschaft, die in jedem zweiten Spiel Punkte abgibt, ist nicht zwingend als Aufstiegsfavorit zu sehen.

Erstellt: 08.11.2019, 23:41 Uhr

Der 3. Dezember 1972

Zwei Minuten und 18 Sekunden führte der FCW, am Ende aber reichte es ihm doch nicht zum Sieg. Es wäre der erste Heimsieg in einem Meisterschaftsspiel gegen die Grasshoppers seit dem 3. Dezember 1972! Dazu gab es noch den 23. Oktober 2005, den Tag des legendären 4:2 im Cup gegen die Zürcher – dank den drei Toren Patrick Bengondos. Diese Daten bleiben nun stehen in den Annalen des Winterthurer Fussballs – mindestens bis im Frühjahr, wenn GC wieder auf die Schützenwiese kommt.

Im Dezember 1972 traten FCW und GC auf der Schützi zum ersten Spiel der Rückrunde, zum letzten des Jahres an. Es war ein Spitzenkampf, und zwar in der Nationalliga A. Denn der FCW hielt mit Trainer Willi Sommer in jenen Jahren vorne mit. Und Gast GC kam mit René Hüssy, Sommers Vorgänger auf der Schützi. 7000 Zuschauer bevölkerten das Stadion, und Sommer stellte so auf: Küng; Rüegg; Jungo. Bollmann, Fehr; Odermatt, Meili, Wanner; Nielsen, Risi, Meyer. Bei GC stand René Deck im Tor, später auch mal kurze Zeit beim FCW; der Ausländer war Rainer Ohlhauser, später kurze Zeit Trainer auf der Schützi; Mittelstürmer war Kudi Müller und offensiver Mittelfeldspieler Herbert Dimmeler. Der war im Jahr zuvor als Winterthurer Torschützenkönig geworden, nach einem Jahr bei GC war er zurück auf der Schützi.

Der FCW war an jenem 3. Dezember besser und siegte 3:1. Das 1:0 schoss «Mannix» Meili mit einer Einzelleistung in der 20. Minute, das 2:0 liess Topskorer Peter Risi kurz vor der Pause folgen. Kurz nach dem Wechsel gab Roland Citherlet – nach einer Unaufmerksamkeit Meilis – mit seinem 2:1 GC die Hoffnung auf einen Punktgewinn zurück. Die zerstörte dann Risi mit seinem 3:1 in der 87. Minute. Er traf nach einer Flanke Meilis.

So ging man danach in die Winterpause: Der FC Basel war mit 19 Punkten aus 14 Spielen (bei der Zweipunkteregel) Erster. Es folgte – dank dem besten Torverhältnis – der FCW mit 17; ebenso viele Punkte hatten GC als Dritter, Sion und Lugano. Sechster war Servette, Siebter der FCZ mit 17 Punkten. So eng wars damals. Am Saisonende war aus dem Wintermeister FCB der Meister geworden, GC war Zweiter, Sion Dritter, Servette Vierter, der FCW Fünfter. Das war schon stark, ein Jahr später war er gar Vierter und zu einem Platz im Uefa-Cup fehlte ihm im Duell mit dem punktgleichen Servette nur ein Tor! (hjs

Challenge League

FC Winterthur – Grasshoppers 1:1 (1:1)

Schützenwiese. – 9000 Zuschauer. – SR Fähndrich. – Tore: 33. Nuno Da Silva 1:0. 35. Cvetkovic 1:1. – FCW: Spiegel; Isik (91. von Niederhäusern), Bühler, Hajrovic, Schättin; Lekaj, Doumbia; Callà, Sliskovic (85. Bdarney), Nuno Da Silva (70. Radice); Buess. – GC: Salvi; Cabral (52. Arigoni), Basic, Cvetkovic, Wittwer; Salatic; Njie, Diani (75. Subotic); Gjorgjev (65. Asllani), Ben Khalifa, Pusic (65. Minzialo). – Bemerkungen: FCW ohne Liechti (verletzt), Mahamid (gesperrt), Hamdiu und Saliji (nicht im Aufgebot). – GC ohne Goelzer (verletzt), Roberto Alves, Kamber und Buff (nicht im Aufgebot); Subotic nach seiner Einwechslung Sturmspitze, Ben Khalifa zurückhängend. – Verwarnungen; 26. Cabral (Foul; fürs nächste Spiel gesperrt). 31. Bühler (Foul; fürs nächste Spiel gesperrt). 62. Cvetkovic (Reklamieren; fürs nächste Spiel gesperrt). 75. Salatic (Foul). 76. Radice (Foul). 80. Asllani (Foul). 88. Hajrovic «Foul»). – Sehr tiefes und holpriges Terrain, aber kein Regen.

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