FCW

Ein Tessiner solls richten

Als Umberto Romano ein paar Tage nach der letzten Vorrunden-Niederlage als Trainer des FCW gehen musste, hatten gewiss die wenigsten einen wie Livio Bordoli auf der Liste reeller Nachfolgekandidaten. Aber jetzt ist der 54-jährige Tessiner der neue Trainer auf der Schützenwiese.

Livio Bordoli wird Trainer auf der Schützenwiese.

Livio Bordoli wird Trainer auf der Schützenwiese. Bild: Heinz Diener

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Vielleicht war der Basler Bruno Rahmen, der ehrgeizige Assistent Markus Babbels in Luzern, eine Art Wunschkandidat – dessen Verpflichtung sich aber nicht machen liess. Wer deutlich phantasieärmer ist, mag sich Marco Schällibaum trotz seines jüngsten Misserfolgs in Aarau vorgestellt haben. Und man muss auch sagen, die Trainersuche Oli Kaisers, des Leiters Sport beim FCW, sei dadurch schwieriger und zeitaufwendiger geworden, dass er in der aktuellen Lage des Vereins nicht mit sehr vielen Pfunden wuchern konnte.

Denn weiterhin prägt eines den präsidentenlosen FCW: Es ist weiterhin nicht klar, mit welchen Mitteln die sportlich Verantwortlichen über diese Saison hinaus planen können. Sie wissen, was ihnen für den Abstiegskampf der kommenden Monate zur Verfügung steht – und sie müssen einen Trainer haben, der damit leben und daraus das Beste machen kann. Der auch fürs Erste mit einem Vertrag bis Ende Saison zufrieden ist. Und der den Job dem FCW als Chance sieht.

Der grosse Erfolg in Lugano

So einer ist Livio Bordoli, der mit seinen 54 Jahren nicht mehr als grosse Zukunftshoffnung durchgeht, der auch nicht das Palmarès einer absoluten Grösse seiner Zunft hat, aber doch einen Leistungsausweis, der in ihm eine solide Lösung sehen lässt. Seine besten Zeiten: In der Saison 2012/13 wurde er mit dem FC Chiasso Sechster der Challenge League – «am Ende einer Saison, die wir mit zehn Spielern begonnen hatten», sagt Bordoli heute. Im Spätsommer 2013 übernahm er den FC Lugano auf dem drittletzten Platz der Challenge League – Ende Saison war er Zweiter, hinter dem FC Vaduz. Ein Jahr später war er selbst der Aufsteiger.

Auch in Locarno hat er, in seiner ersten Rolle als Trainer in der Swiss Football League, gewirkt, kurz in Bellinzona. Und er hat zwei Gastspiele in der Deutschschweiz gegeben, vielmehr im Aargau. Beide waren kurz: 2010/11 war er mit dem FC Wohlen nach 26 Runden in Abstiegsgefahr, weshalb ihn der starke Mann René Meier entliess. Und nach dem Aufstieg mit Lugano zog er einen Wechsel zu Absteiger Aarau dem Bleiben beim FC Lugano und seinem impulsiven Präsidenten Angelo Renzetti vor. Aarau wurde zu einem Misserfolg, nach elf Runden war das Abenteuer zu Ende – begleitet von einigen bösen Zeitungsartikeln. Und eine Woche vor dem Spiel in Winterthur.

Als Spieler brachte es Bordoli immerhin in die Nationalliga A, und zwar mit jener AC Bellinzona, die in den späteren 80er Jahren mit dem grossartigen brasilianischen Stürmer Paulo César als Aufsteiger die Liga aufmischte. Auf dem Höhepunkt kamen 17 000 Zuschauer zu einem Heimspiel gegen Lausanne-Sports ins Comunale – «heute wäre das allein aus Sicherheitsgründen nicht mehr annähernd möglich. Und ich war Teil jener Mannschaft, ich schoss ein paar Tore, es war meine schönste Zeit als Fussballer.» Kubilay Türkyilmz begann seine Karriere, Paulo César wurde von GC abgeworben.

Als Teenager in Deutschland

Als 19-Jähriger, der nach seiner kaufmännischen Lehre «Deutsch lernen wollte, weil man ohne Deutsch im Tessin beruflich nichts erreicht», war er nach Deutschland gegangen – zum Kasseler Oberligisten CSC 03. Da erschien eines Tages der Coach des grossen Lokalrivalen Hessen Kassel beim Training des kleinen Nachbarn und fragte nach dem Tessiner, von dem er gehört hatte. Der Hessen-Trainer hiess Timo Konietzka, der Mann mit grosser Vergangenheit in der Schweiz – und er lud den Junior zu einer von seiner Frau gekochten Polenta ein.

«Ich bin überrascht gewesen über den Anruf aus Winterthur. Denn wer gut zwei Jahre weg ist vom Fenster, der wird gerne vergessen.»Livio Bordoli
Neuer FCW-Trainer

«Das war eine grosse Geste, die ich nie vergass – der grosse Trainer und der kleine Tessiner», sagt Bordoli. Nach Kassel spielte er ein Jahr beim FC Basel, der damals nicht halbwegs die Grösse von heute hatte. «Ich machte nur wenige Matches, aber mit Adrian Knup, der später eine grosse Rolle beim FCB spielte», erinnert sich Bordoli. Dann kehrte er zurück ins Tessin.

Jetzt nimmt er seinen nächsten Anlauf in der Deutschschweiz. «Ein wenig», sagt er, sei er schon «überrascht gewesen über den Anruf aus Winterthur. Denn wer gut zwei Jahre ein bisschen weg ist vom Fenster, der wird gerne vergessen.» Zweieinviertel Jahre ist es her, dass er Aarau verlassen musste. Und was beim regionalen Zweitligisten Losone Sportiva geschieht, wird in der Deutschschweiz kaum wahrgenommen. Dort hat er zuletzt das «Eins» trainiert, eine Juniorenabteilung aufgebaut, der Präsident ist ein Freund. Und deshalb war es auch kein Problem, dass Bordoli die Freigabe erhielt, als er gestern beim Vorsitzenden vorsprach.

Der FCW und seine Zuschauer

«Für uns im Tessin», sagt Bordoli, «ist der FC Winterthur ein Traditionsverein. Er hat Ausstrahlung, nicht zuletzt wegen seiner Zuschauer, die so zahlreich kommen und mir beispielsweise immer den Eindruck machten, loyal zur Mannschaft zu sein. Im Tessin reagieren die Fans schneller negativ, wenn ihnen etwas nicht passt.» Den FCW hat er noch ab und zu im Fernsehen spielen sehen, und wenn er morgen erstmals als Angestellter des Vereins auf der Schützenwiese trainiert, wird er drei seiner Spieler genauer kennen: Dennis Markaj und Leandro Di Gregorio waren Aussenverteidiger seines Aufstiegsteams in Lugano, Radice spielte unter ihm in Aarau. Markaj sei unbestrittene Stammkraft gewesen, erzählt Bordoli, Di Leandro sei in diese Rolle hineingewachsen. «Vor allem mit seinen Freistössen hat er ins geholfen.» Nicht weniger als zehn Tore bereitete Di Gregorio damals vor, ein Leistungsausweis, den er auf der Schützi nicht bestätigen konnte.

Aber Di Gregorio wird – wie selbstredend auch Radice und Markaj – morgen zum Training erscheinen. Als «normaler Kaderspieler, der sich beweisen kann und muss», wie es der neue Trainer formuliert. Unter dem alten, Umberto Romano, spielte Di Gregorio in dieser Saison keine Rolle mehr. In der Meisterschaft gehörte er nicht zum Aufgebot, nur im Cup in Gambarogno. Sonst tat er in der U21 mit.

Nur ein neuer Spieler wird sich morgen umziehen, der Ivorer Ousmane Dombia (25), der nach vier Jahren bei Servette und einem kurzen Gastspiel nach schwerer Verletzung bei Yverdon-Sport helfen soll, die Lücke im zentralen Mittelfeld zu schliessen. Die wurde ja, schon von Romano, als grösste Problemzone ausgemacht, zumal nach der neuerlichen (Kreuzband-)Verletzung Kreso Ljubicics. Auch der trainiert morgen noch nicht mit, soll es aber ab Montag tun. Auch Jungverteidiger Julian Roth braucht noch Zeit, bis er nach seinem Kreuzbandriss wieder bereit ist, mit dem «Eins» zu trainieren. Die Entwicklung Ljubicics wird auch darüber entschieden, welche Prioritäten bei den angestrebten Transfers für den Abstiegskampf gesetzt werden. «Ein, zwei gute Challenge-League-Spieler», so formuliert es Kaiser, sollen schon noch hinzukommen.

Natürlich kann sich der neue Trainer da einbringen. Zur Seite steht ihm dasselbe Personal wie Romano: Dario Zuffi als Assistenz-, Paolo Cesari als Torhüter- und Thomas Breitenmoser als Konditionstrainer. Mit Bordoli, denkt Kaiser, komme einer «der einige Sprachen spricht und den Schweizer Fussball kennt.» Für den Trainer ist es eine Chance. Für Kaiser, den Leiter Sport, eine massgebliche Prüfung, ob er in heikler Lage gut gewählt hat. Und für den ganzen Verein mit all seinen (Führungs-)Problemen wird dieser Abstiegs- sehr wohl zu einer Art Existenzkampf.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.01.2018, 23:00 Uhr

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