Winterthur

Einbrecher-Schreck «Kevin» wird lanciert

Der virtuelle Mitbewohner «Kevin», der vor Einbrechern schützen soll, kommt auf den Markt. Warum sich die Gründer um den Winterthurer Julian Stylianou sich trotz sinkender Kriminalität auf Erfolg einstellen.

«Das grösste Problem für die Opfer ist der emotionale Schaden», sagt «Kevin»-Vater Julian Stylianou. Foto: Marc Dahinden

«Das grösste Problem für die Opfer ist der emotionale Schaden», sagt «Kevin»-Vater Julian Stylianou. Foto: Marc Dahinden

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Von den produzierten 1000 Stück sind schon fast alle weg. Der Einbruchsschutz «Kevin» ist äusserst beliebt. In weniger als 19 Stunden haben die Gründer um den 33-jährigen Winterthurer Julian Stylianou letzten Februar die Grenze der Crowdfunding-Kampagne geknackt. 50000 Franken wollten sie einnehmen, am Schluss hatten sie mehr als das Doppelte. Und das für ein Produkt, das erst noch getestet wurde. Die Testphase ist nun vorbei, «Kevin» kann ab heute bei verschiedenen Händlern für knapp 300 Franken bestellt werden.

Das ist Kevin. Quelle: mitipi

«Kevin» ist ein kleiner, pyramidenförmiger Klotz, der mit Licht und Lärm Einbrecher abschrecken soll. So simuliert er beispielsweise abends mit Schattenspielen und Kampfschreien einen virtuellen Mitbewohner, der sich den Film «Kung Fu Panda» anschaut. Über Mittag spielt «Kevin» Kochgeräusche ab. Oder er imitiert Hundegebell, wenn die Familie einen Hund hat. Der kleine Klotz kann über eine App von überall her gesteuert werden, das abgespielte Programm wird von einem Algorithmus berechnet. Dieser stellt aufgrund verschiedener Variablen wie Zeitzone, Tageszeit und Wetterdaten logische Aktivitäten zusammen.

So funktioniert Kevin. Video: youtube/mitipi

Zuerst wollte Stylianou eine App programmieren, die Einbruchsopfern beim Kontakt mit Behörden und Versicherungen hilft. Im Gespräch mit Betroffenen sei ihm dann aber klar geworden: «Das grösste Problem für die Opfer ist nicht der finanzielle Schaden, sondern dass Einbrecher mit Gewalt in ihre Privatsphäre eindringen.» Opfer fühlten sich nach einem Einbruch oft nicht mehr wohl, schliefen nicht mehr gut.

Wir sehnen uns nach Sicherheit

Damit hat Stylianou einen Nerv getroffen. Bei den Kunden der grossen Elektronikanbieter seien Sicherheitsprodukte seit einiger Zeit vermehrt gefragt, wie die Sonntagszeitung schreibt. Galaxus verkaufe mehrere Zehntausend Überwachungskameras pro Jahr, mit überproportionalem Anstieg. 2016 waren es 16 Prozent mehr als im Vorjahr, 2017 stieg die Nachfrage gar um 28 Prozent. Auch Interdiscount, Jumbo und Media-Markt verzeichnen eine Zunahme beim Verkauf von Sicherheitsprodukten.

Die gestiegene Angst vor einem Angriff oder Einbruch ergibt statistisch gesehen aber keinen Sinn, denn die Schweiz wird immer sicherer: Die Kriminalitätsrate sinkt seit Jahren, die Anzahl der Einbrüche hat sich im Kanton Zürich seit 2009 mehr als halbiert. Verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik des Kantons vor zehn Jahren noch knapp 15000 Einbrüche, waren es 2017 nur noch 7355. In der Stadt Winterthur kamen 2017 auf 10000 Einwohner 45 Einbrüche. Auf dem Land sind es nochmals deutlich weniger.

«Darüber sind wir nicht traurig», sagt Stylianou. «Wir möchten schliesslich Einbrüche verhindern.» Und davon gäbe es immer noch zu viele.

Obwohl die Gründer von «Kevin» davon überzeugt sind, dass mit ihrem Gadget nicht mehr eingebrochen wird, möchten sie dennoch eine Hausratversicherung anbieten. «Abonniert man seine Sicherheit bei uns, profitiert man zusätzlich von einer Anti-Einbruchs-Garantie. Wird eingebrochen, obwohl «Kevin» genutzt wurde, erhält man sein Geld für ein Jahr zurück.» Der Preis soll je nach Grösse der Wohnung und Anzahl Mitbewohner im Jahr zwischen 240 bis 900 Franken betragen.

Eine «konventionelle» Hausratversicherung, die den gleichen finanziellen Schutz bietet, ist da schnell günstiger: Für eine vierköpfige Familie, die in einer 4,5-Zimmer-Wohnung in Winterthur lebt, gibt das Vergleichsportal Comparis jährliche Versicherungspreise von 250 bis 375 Franken an.

Expansion in die USA kein Thema mehr

Das Start-Up im Technopark, das momentan zehn Personen beschäftigt, dachte schon früh an Expansion. Nach dem Crowdfunding im Februar wollten sie bereits in die USA expandieren. Dieser Plan hat sich nun aber geändert. «Nach drei Wochen im Silicon Valley mussten wir feststellen, dass das nicht so einfach ist, wie es von der Ferne aussieht.» Um Investoren für ihr Produkt zu finden, hätten sie ein Netzwerk, und vor allem gute Kontakte gebraucht. Hinzu kam, dass sie für ein Produkt warben, dass noch nicht einmal auf dem Markt war. «Da waren wir vielleicht etwas naiv.»

Ihr Fokus liegt nun zuerst auf Deutschland. Im März übernehmen sie dort ein Unternehmen, damit sie «Kevin», der in China produziert wird, einfacher in die EU importieren können. «Später möchten wir uns auf Frankreich, England oder Spanien fokussieren.»

Erstellt: 12.02.2019, 15:17 Uhr

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