Winterthur

Eine Wiedergeburt im Osten der Stadt

Der schweizweit einmalige Bahnhof Grüze wird rundum erneuert. Nach Jahren der Stagnation soll er im Winterthurer Verkehrsnetz eine neue, wichtige Rolle einnehmen.

Aus der Zeit gefallen und bald dem Erdboden gleich? Das Bahnhofhäuschen Grüze.

Aus der Zeit gefallen und bald dem Erdboden gleich? Das Bahnhofhäuschen Grüze. Bild: Marc Dahinden

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Die Schindeln sind verfärbt, die Fensterläden blättern ab, das Bahnhäuschen ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Durch die verriegelte Eingangstüre ein nostalgisches Bild: hölzerne SBB-Verkaufsschalter und ein alter Flyer einer Schweizer Reiseversicherung. Der Bahnhof Grüze scheint aus der Zeit gefallen. Lange wurde hier nichts mehr gebaut. Das Areal zwischen der Kehrichtverbrennungsanlage und einem Abladehof von Maag Recycling ist noch immer nicht mit dem Stadtbus erschlossen. Doch das soll sich alles ändern.

Die SBB machen den Anfang. In den kommenden Jahren wird die bestehende Treppe beim Hauptzugang zurückgebaut und mit einer Wenderampe ersetzt. Die Personenunterführung wird modernisiert, die Perrons auch. Behindertengerecht soll der Bahnhof danach sein und parat für grössere Passagierströme. Noch ist das Projekt nicht fertig ausgearbeitet, die Bauarbeiten finden aber wohl grösstenteils 2023 statt.

Noch nicht definitiv entschieden ist das Schicksal des alten Bahnhäuschens, das seit der Automatisierung vor einigen Jahren nicht mehr gebraucht wird. Die SBB hoffen, das Gebäude abreissen zu können, und prüfen dies derzeit. Dann würden der Platz beim Hauptzugang und die Veloabstellplätze neu überdacht. Die gesamte Modernisierung inklusive Arbeiten bei den Gleisen und der Entwässerung kosten circa 28 Millionen Franken.

2020 gilt es ernst

Das Projekt ist eng mit der Stadt Winterthur abgestimmt, denn diese plant gleichzeitig die ÖV- und Veloquerung Grüze, welche über die Gleise führt und einen direkten Zugang zum Bahnhof beinhalten soll. Die Querung Grüze befindet sich noch immer in der Planung, eine Volksabstimmung wurde schon mehrmals angekündigt. 2020 soll es, nach der Beratung im Gemeinderat, endlich so weit sein.

Mit einer Brücke soll die Veloquerung Grüze realisiert werden. Bild: mad

Städteplanerisch soll die Querung den Anschluss an Neuhegi sicherstellen. Die Brücke soll laut den Planern «die Funktion eines grosszügigen, urbanen Platzes» einnehmen. Die Umsteigemöglichkeiten zwischen S-Bahn und Bus sollen «eine zweite attraktive ÖV-Verkehrsdrehscheibe neben dem Hauptbahnhof» bilden.

Tausende Passagiere mehr

Eine weitere grosse Änderung dürfte noch etwas länger auf sich warten lassen: Das Projekt «Grüze Nord», das derzeit auf Bundesebene auf gutem Weg und Teil des Bahnausbauschritts 2035 ist. Mit dieser Erweiterung des Bahnhofs sollen dereinst auch die Züge nach Frauenfeld und Stein am Rhein in der Grüze halten, und nicht mehr nur jene nach St. Gallen und ins Tösstal. Finden diese Mosaikteile zusammen, wird der Bahnhof Grüze in einigen Jahren die Stationen Oberwinterthur und Seen überholen und hinter dem HB zum zweitwichtigsten Bahnhof der Stadt werden – mit grossem Abstand zu den übrigen Quartierbahnhöfen.

Heute weist der Bahnhof Grüze eine Frequenz von durchschnittlich 2200 ein- und aussteigenden Passagieren pro Tag auf. Es könnten fünf- oder sechsmal mehr werden. Zum Vergleich: Der HB weist eine Frequenz von über 100000 Passagieren auf, Oberwinterthur 5700, der Bahnhof Seen 3500. Wallrüti, Wülflingen, Töss und Hegi bewegen sich bei etwas über oder unter 1000 Passagieren.

Geschütztes Design

Seine erste hohe Zeit hatte der Bahnhof Grüze in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bald nach seiner Gründung 1855. Hier endete die Strecke Wil–Winterthur und auch die Linie, die aus dem Tösstal in die Stadt führte. Dieser Boom in den Anfangsjahren führte zu einer regen Bautätigkeit mit zahlreichen Gleisanlagen. Als die Zugstrecken bis zum HB verlängert wurden, schwand die Bedeutung.

Diese Dächer sind denkmalgeschützt. Bild: hd

Seit 1955 ist der Bahnhof übrigens schweizweit einmalig. Hier erstellte der Industriedesigner Hans Hilfiker, der Erfinder der Schweizer Bahnhofsuhr, zwei seiner neuartigen Perrondächer. In Serie ging die Produktion nie. Das Besondere an den Dächern sind die 90 Meter langen Rohrträger, die auf je drei Betonpfeilern ruhen. Flankiert sind sie von Regenwasserrinnen. Auf beiden Seiten prangen gut sichtbar die Plattformnummern. Im Innern der Rohre sind zahlreiche Kabelanschlüsse untergebracht. Die Dächer sind denkmalgeschützt.

* In einer früheren Version dieses Artikels ging bei der Auflistung der Bahnhof Oberwinterthur vergessen.

Erstellt: 05.08.2019, 09:14 Uhr

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