Oberwinterthur

«Es reicht heute nicht mehr, nur eine Beiz aufzustellen»

Die Dorfet in Oberi stand erneut im Zeichen der Römer. Ein Spagat zwischen echtem Geschichtsbewusstsein und fasnächtlich anmutender Aufmachung.

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Rom ist weit weg von Oberi. Gemäss dem Wegweiser, der am Wochenende an der Römerstrasse stand, genau 689 Kilometer. Doch das OK der Oberwinterthurer Dorfet will wieder am altrömischen Lebensstil anknüpfen und hat den Anlass in Römerfest umbenannt. «Die Dorfet hat nur eine Zukunft, wenn wir aktiv bleiben und etwas ausprobieren», sagt Dieter Müller vom Ortsverein. «Damit die Leute kommen, reicht es heute nicht mehr, einfach eine Beiz aufzustellen.»

Von Africanus bis zum Provokator Ajax: Der Moderator stellt die Gladiatoren vor. Video: maf

Müller geht mit gutem Beispiel voran und steht im Legionärsgewand hinter seinem Stand. Die Helme, die er für fünf Franken verkauft, sind jedoch aus China. «Die Qualität ist nicht so gut.» Die Wangenklappen würden oft abfallen. Dafür dürften die Kinder diese bei ihm gleich selber wieder annieten. «Die meisten wollen deshalb einen kaputten Helm», sagt er und grinst. Er ist überzeugt, dass das Motto mehr Leute anzieht und dem Besucherschwund entgegenwirkt, mit dem auch andere Dorffeste zu kämpfen haben. Sein Gradmesser seien die Sponsoren. «Das lokale Gewerbe trägt nun viel mehr zum Fest bei.»

Den römischen Alltagdetailgetreu darstellen

Die Römer dienten bereits im letzten Jahr als Motto, doch dieses Mal hat das OK weitere Ideen umgesetzt. Am Sonntag marschierte die Legio XI durch das Fest – ein Verein aus dem Aargau, der den römischen Alltag des ersten Jahrhunderts nach Christus möglichst detailgetreu darstellen will. Etwa die Zeit, in der in Oberwinterhur eine römische Siedlung namens Vitudurum entstand.

Die türkische Kaffeesatzleserin wirft einen Blick in die Zukunft ihrer Kundin. Bild: hd

Historisch weniger passend ist das ebenfalls neu dazugekommene Zelt von Maharaa, mit bürgerlichem Namen Nurten Avci. Die Frau mit türkischen Wurzeln kommt aus Rorbas und liest entweder aus dem Kaffeesatz ihrer Kunden oder legt Karten. Was das Kaffeesatzlesen – ein Ritual aus osmanischer Zeit – mit dem viel früher untergegangenen römischen Reich zu tun hat, kann sie nicht erklären. Trotzdem scheinen ihre Wahrsagerdienste gut anzukommen: «Ich habe einige Stammkunden, aber auch viele Leute von hier.»

«Wir versaufen unser Taschengeld»

An den Ständen der Vereine hat man sich Mühe gegeben, das Motto umzusetzen. Vielerorts jedoch nicht ganz überzeugend: Das Bier wird zwar als Cervisia verkauft, der Wein als Vinum, und das Wasser als Acqua, doch aus dem Lautsprecher dudelt «Wir versaufen unser Taschengeld» vom deutschen Schlager-Musiker Axel Fischer. «Die Leute kommen vor allem wegen der Dorfet, nicht unbedingt wegen dem Thema», sagt Corina Unger vom TV Oberi. In Anbetracht der sinkenden Besucherzahlen sieht sie aber doch einen Sinn im Aufwand fürs Umdekorieren. «So können wir uns wenigstens von den andern abheben.»

Mit Dreizack, Schwert und Wurfnetz: Die Gladiatoren schenken sich keinen Zentimeter. Video: maf

An vielen Bars trägt das Personal eine Tunika, manche auch eine Toga, die eine Schulter unbedeckt lässt. «Am Anfang fühlt man sich etwas nackt», sagt Roman Baumann vom TV Hegi. «Aber Oberi ist ja bekannt für seine römische Geschichte, deshalb passt das gut.» Wer seine Toga geschneidert hat, weiss Baumann nicht. Der Stoff erinnert an einen Brokatvorhang, als Gurt dient ein Stück Hanfschnur.

Ein Emmentaler leistet in Oberi Entwicklungshilfe

Einer, der sich mehr Authentizität wünscht, ist Simon Beyeler. Der selbständige Schmied aus dem Emmental hat dieses Jahr zum ersten Mal einen Stand am Römerfest. In der Schlosserei von Ruedi Vetterli stellt er Beschläge für römische Helme und Rüstungen her, auch Legio XI zählt zu seinen Kunden. Viele Besucher habe er an seinem Stand nicht. «Ich bin hier, um das Interesse am alten Handwerk und der römischen Geschichte zu entwickeln.» Sonst gehe er aber eher an Feste, wo man nicht sehe, dass die Zelte aus Plastik sind.

Simon Beyeler verkörpert das Motto perfekt. Vor der Schlosserwerkstatt von Ruedi Vetterli stellt der Schmied Beschläge für römische Rüstungen her. Video: maf

Neben Dorfet-Klassikern wie Autoscooter, Schiessstand oder Schoggifrüchte hat sich ein neues Angebot etabliert: Die Gladiatoren-Showkämpfe der deutschen Gruppe «Amor Mortis». Die Zuschauer sollen sich einen Kämpfer aussuchen und diesen lautstark unterstützen. Das kommt bestens an, insbesondere bei den Kindern. Aber auch die Erwachsenen amüsieren sich. Als einer der Gladiatoren sein Wurfnetz versehentlich um seinen Dreizack wickelt, tönt es aus dem Publikum: «So wurde also der Wischmopp erfunden.»

Wetterglück sorgt für guten Umsatz

OK-Chef Andi Müller ist überzeugt, dass durch das Motto auch Besucher von ausserhalb angezogen werden. «Wir erhalten viel Anerkennung aus dem Publikum.» Und die Zahlen scheinen ihm recht zu geben: Es seien mehr als 10 000 Besucher gekommen und die Vereine hätten ihren letztjährigen Umsatz bei Weitem übertroffen. «Aber ehrlich gesagt hatte das schöne Wetter dieses Jahr wohl mehr Einfluss als das Motto.»

Erstellt: 20.08.2017, 17:26 Uhr

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