Wahlen

Frankreich und Europa staunen über das Macron-Wunder

Emmanuel Macron wurde aus dem Nichts französischer Staatspräsident. Nun steht seine junge Partei vor einem triumphalen Sieg im Parlament. Doch auf dem Erfolg liegt ein Schatten: eine extrem niedrige Wahlbeteiligung.

Perfekt inszeniert: Der französische Präsident Emmanuel Macron gab seine Stimme im Badeort Le Touquet am Ärmelkanal ab.

Perfekt inszeniert: Der französische Präsident Emmanuel Macron gab seine Stimme im Badeort Le Touquet am Ärmelkanal ab. Bild: Keystone

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Der Präsident nimmt sich Zeit. Vor dem Rathaus des schicken Badeorts Le Touquet am Ärmelkanal schüttelt Emmanuel Macron bei strahlender Sonne die Hände vieler Schaulustiger und posiert für Selfie-Bilder. Einem kahlköpfigen Mann küsst er sogar die Stirn. Dann gibt der 39-Jährige, begleitet von Frau Brigitte, seine Stimme ab.

Die Parlamentswahl - für Macron eine weitere Etappe auf dem Weg zur Macht. «Frankreichs Kennedy», wie er gelegentlich genannt wird, wirkt ruhig, kontrolliert, sogar entspannt. Doch der äussere Schein trügt. In Frankreich läuft eine von ihm und seiner Partei «La République en Marche!» ausgelöste Revolution der friedlichen Art ab.

Kometenhafter Aufstieg

  • Erster Akt: Die Wahl Macrons am 7. Mai zum jüngsten Präsidenten aller Zeiten. Zuvor galt der frühere Wirtschaftsminister und Investmentbanker lange als chancenloser Aussenseiter.
  • Zweiter Akt: Ein programmierter Sieg bei der Wahl zur Nationalversammlung, dem französischen Unterhaus.

«La République en Marche!» («Die Republik in Bewegung») und die verbündete Mitte-Partei MoDem kamen in der ersten Runde auf mindestens 32 Prozent der Stimmen. Bis zu 440 der zusammen 577 Abgeordnetenplätze könnten laut einer Hochrechnung auf Macrons Lager entfallen.

So läuft das Wahlprozedere der französischen Parlamentswahl. Quelle: keystone.

Endgültige Ergebnisse wird es erst nach dem zweiten Durchgang in einer Woche (18. Juni) geben. Bisher ist die Macron-Partei überhaupt nicht in der Volksvertretung präsent. Ihr Aufstieg ist beispiellos.

Sehr tiefe Wahlbeteiligung

Schattenseite des Erfolgs: Jeder zweite Wahlberechtigte blieb zuhause. Die Menschen seien nach einem monatelangen Marathon mit Vorwahlen und Präsidentenkür ermüdet, meinen Beobachter. Viele hätten im Mai Macron gewählt, um die Rechtspopulistin Marine Le Pen zu verhindern. Nun sei der Schwung raus. Im Eck-Café ist immer wieder zu hören, dass sich die Sympathie für Macron bei vielen in Grenzen hält.

Viele reiben sich die Augen: Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Sieg Le Pens bei der Präsidentenwahl als durchaus möglich angesehen wurde.

Sozialisten und die bürgerliche Rechte, die seit einem halben Jahrhundert die Geschicke des Landes bestimmten, sind ausgebremst.

Der rechtsextreme Front National (FN) von Marine Le Pen spielt nur noch eine Nebenrolle. Manche reiben sich die Augen: Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Sieg Le Pens bei der Präsidentenwahl als durchaus möglich angesehen wurde. Ganz Europa zitterte, denn die 48-Jährige propagierte ganz unverhohlen den Ausstieg aus dem Euro, wenn nicht gar der EU.

Viel zu tun

Mit einer Parlamentsmehrheit im Rücken kann der sozialliberale Staatschef Reformen in die Tat umsetzen, um sein Land gegen islamistischen Terror zu wappnen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Frankreich leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit von zehn Prozent und einem hohen Schuldenberg von 96 Prozent der Wirtschaftsleistung.

«Es ist eine solide Mehrheit zur Unterstützung des Präsidenten nötig, damit man morgen handeln kann, vor allem gegen die Strasse», sagt der Macron-Vertraute und Ex-Sozialist François Patriat ganz offen im Wochenblatt «Journal du Dimanche».

Er dürfte die Lockerung des Arbeitsrechts im Auge haben, die zu Protesten führen wird. Macron will die Reform im Eilverfahren per Verordnung durchpeitschen, was zu Unmut führt.

Jupiterhafter Chef

Der Macron-Tsunami wird viele Politikneulinge in die Nationalversammlung bringen. Unter Macrons Kandidaten sind der Chef der früheren Polizeieliteeinheit RAID, Jean-Michel Fauvergue, und die ehemalige Stierkämpferin Marie Sara.

Die künftigen Parlamentarier müssten «aufmerksam betreut werden, um ein Durcheinander zu verhindern» - so zitiert das Enthüllungsblatt «Le Canard enchaîné» den jungen Staatschef, der sich um jedes Detail kümmert.

Lange vor seiner Wahl sagte der frühere Wirtschaftsminister und Ex-Investmentbanker, sein Land brauche einen «jupiterhaften» Chef. Seit seiner Amtsübernahme im Mai wird der frühere Jesuitenschüler aus dem nordfranzösischen Amiens deshalb in den Medien häufig «Jupiter» genannt. Der war im alten Rom Chef aller Götter.

Der aktuelle Stand am Sonntagabend. Quelle: twitter/France 2

(huy/SDA)

Erstellt: 11.06.2017, 22:42 Uhr

Update folgt...

Le Pen zieht bei Parlamentswahl in Frankreich in zweite Runde ein

Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen zieht in die zweite Runde der Parlamentswahl ein. Die Front-National-Chefin landete in ihrem nordfranzösischen Wahlkreis im ersten Wahlgang an erster Stelle, wie sie am Sonntagabend sagte.

Le Pen erzielte nach eigenen Angaben knapp 45 Prozent der Stimmen und wird im zweiten Wahlgang gegen die Kandidatin von «La République en Marche!» von Staatschef Emmanuel Macron antreten.

Auch FN-Vize Florian Philippot landete in seinem Wahlkreis vorn und zieht damit in die Stichwahl am kommenden Sonntag ein. Dagegen schied Front-National-Generalsekretär Nicolas Bay in seinem Wahlkreis aus.

Die rechtsnationalistische Partei kam in der ersten Runde der Parlamentswahl Hochrechnungen zufolge auf rund 14 Prozent. Berechnungen sagen dem Front National nach der zweiten Wahlrunde höchstens zehn Abgeordnetenmandate voraus.
Die Partei würde damit ihr Mindestziel verfehlen, mit einer Fraktionsstärke von mindestens 15 Abgeordneten in die Nationalversammlung einzuziehen. In der letzten Nationalversammlung stellte der FN zwei Abgeordnete.

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