Winterthur

«Für mich eine Lebensaufgabe»

Am Mittwoch beginnt die neue Saison, die im Zeichen von Johannes Brahms steht. Chefdirigent Thomas Zehetmair im Gespräch über den grossen Sinfoniker.

Schulmeister stellen Regeln auf, kreative Komponisten umgehen sie: Thomas Zehetmair nimmt Partei für die Freiheit des Interpreten. Bild: Dan Brady

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Die Frage «Lieben Sie Brahms?» ist hier wohl keine. Welchen Stellenwert hat Brahms in Ihrem Musikerleben?
Thomas Zehetmair: Brahms ist wie viele der ganz grossen Komponisten eine Lebensaufgabe für mich. Es ist wie ein Lieblings­gemälde, beim Wiedersehen entdeckt man ein neues Detail, einen neuen Zusammenhang, hat man ein neues Aha-Erlebnis. Das Violinkonzert begleitet mich seit meiner Jugend, vor einigen Jahren habe ich intensiv an der Neuausgabe des Werkes bei Breitkopf mitgearbeitet und bei diesem Anlass meine Kadenz veröffentlicht.

«Brahms spricht zu uns jetzt», schreiben Sie im Vorwort des Saisonprogrammbuchs. Was sagt er uns heute?
Diese Musik hat nichts von ihrer Aktualität und Eindringlichkeit verloren und bringt emotional und intellektuell Geschenke im Überschwang.

Sie berufen sich auf die Meininger Brahms-Tradition. Erwartet das Publikum eine neue Sicht auf Brahms?
Neu sind doch eher die sinfonischen Klangmassen, die heute auf uns einströmen. Obwohl Brahms daran gelegen war, Aufführungen mit dem grossen Orchester in Wien zu realisieren, war er über die mangelnde Sorgfalt vieler Aufführungen wenig glücklich, während er von der Kunst des kammermusikalisch geschulten Orchesters in Meiningen immer hellauf begeistert war. Die klare Offenlegung der Strukturen und die rhythmische Freiheit, die sich mit der etwas kleineren Gruppe besser realisieren liessen, waren ihm wesentlich näher.

Von den schriftlichen Aufzeichnungen, die diese von Brahms geschätzten Interpretationen der Meininger Hofkapelle unter der Leitung von Fritz Steinbach schriftlich festhalten, ist seit einigen Jahren die Rede. Als Sie in Winterthur vor zwei Jahren mit Brahms’ 2. Sinfonie Ihren Einstand als Chefdirigent gaben, beeindruckte das sprechend ausdrucksvolle Modellieren der Themen, die klare Vision. War das – zum Beispiel die Phrasierung des Hauptthemas – schon dieser Meininger Hintergrund?
Danke für das Kompliment! Als ich vor etwa fünfzehn Jahren angefangen habe, mich mit dieser aufführungspraktisch wirklich wichtigen Quelle zu beschäftigen, war es nur per Fernleihe verschiedener Universitäten möglich, diese Schrift überhaupt aufzutreiben. Der Inhalt war faszinierend und hat mich geprägt – trotzdem ist es nur eine von vielen Ebenen, die mir wichtig sind.

Heisst das, so etwas wie Auf­führungen «in the style of the Meiningen performances» von Charles Mackerras – Michael Schwalb, der die Aufzeichnungen von Steinbachs Assistenten nun herausgegeben hat, erwähnt sie im Vorwort der Buchausgabe – liegt Ihnen fern? Im Saisonprogramm schreiben Sie von zwei Interpretationshaltungen, die eine suche die Regel, die andere – und für diese plädieren Sie – die Ausnahme. Ich nehme an, Willkür ist damit nicht gemeint?
Die Ausnahmen kommen doch nicht von mir! Schulmeister – und das meine ich im besten Sinn – haben zu allen Zeiten Regeln aufgespürt und postuliert, grosse, kreative Komponisten umgehen sie andauernd. Eine ungewöhn­liche harmonische Wendung aufzuspüren und richtig auszubalancieren, versteckte Zusammenhänge offenzulegen, die Vielschichtigkeit der Klangtextur herauszuarbeiten – das macht Freude und ist manchmal mit detektivischer Feinarbeit verbunden. Stereotype und Klangberge, das finde ich eher willkürlich, das wird den unglaublich differenzierten Strukturen nicht gerecht.

Was ist für Sie, wenn es überhaupt eines ist, das grössere Problem: Benannte oder bezeichnete Details der Gestaltung nicht zu übertreiben oder ihnen genügend Geltung zu verschaffen? Ich denke zum Beispiel ans Klopfen der Pauken in der Einleitung der 1. Sinfonie. Bei Blume liest man, «die Pauke nimmt nicht zu weiche Schlägel», oder, ebenfalls nicht gerade griffig, «die Pauke wirbelt nicht zu stark».
Blume spricht ganz pragmatisch Balance- und Artikulationsprobleme an – das klingt manchmal etwas pauschal und hat auch Anlass zu scharfer Kritik aus gegnerischen Lagern gegeben. Viel inspirierender sind die Ideen und Beschreibungen der agogischen und rhythmischen Freiheiten, auf denen Steinbach ausdrücklich bestanden hat. (Der Landbote)

Erstellt: 02.09.2018, 15:47 Uhr

Infobox

Mi/Do, 19.30 Uhr, Stadthaus.
Buch: Brahms in der Meininger Tradition – Seine Sinfonien in der Bezeichnung von Fritz Steinbach. Neuausgabe mit einem Vorwort von Michael Schwalb, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2014.

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