Zeitreise

Grosse Vielfalt, aber auch grosse Veränderungen am Obertor

Wenn Charlotte Hug auf die 1920er- und 30er-Jahre zurück blickt, könnte man fast wehmütig werden: Unzählige Lädeli, Händler und Handwerker belebten damals das Obertor. Und auch einige Originale.

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Schon in Charlotte Hugs Kindheit befand sich am Obertor in der Ecke zur Neustadtgasse eine Bäckerei - der Beck Braun. Ihm folgten später seine Kollegen Schmid, Schelbert und heute Riboli. Im benachbarten Haus mit den Rundbogenfenstern war das Kaffeegeschäft Fluck untergebracht, dessen Nachfolger Kaffee und Kolonialwaren Pfenninger war (und viel später der Coiffeursalon Anny bzw. Kaspar Diener).

In den beiden Liegenschaften mit den Nummern 11 und 13 waren vor ihrem Umbau 1970 verschiedene Geschäfte ansässig, etwa Zerhak Betten oder Pfeiffer Inneneinrichtungen. Ihnen folgte Iten Farben (bzw. Kaspar Diener) und das Eckhaus ist vielen noch als langjährigen Standort des Fundbüros bekannt.

«Im Lebenmittelladen Näf  wurde alles offen verkauft: Mit einer grossen Schaufel wurde der Reis aus der Schublade geschöpft und in einen Papiersack abgefüllt»

Charlotte Hug

Sehr viel früher beherbergte es aber ein weiteres Restaurant: Der Obere Adler. Der heutige Polizeihof war zu jener Zeit noch nicht «Sperrzone»: Hier befanden sich Gewerbebetriebe, wie der Schumacher Lorenz, die Huf- und Wagenschmiede Schenk und - sehr früh - bereits die Autoreparatur-Werkstatt von Achilles Matter.

Namen ändern, Branchen bleiben

An die Polizei schloss sich das Vorhanggeschäft von Albertine Heer an, deren Sohn später auch Singer Nähmaschinen verkaufte (nachmals Pianohaus Baur). Dann folgten der Uhrenmacher Heer (später Foto Fehlmann) und in der Nummer 23 der Schuhmacher Straub (später Jutz) - seit 1970 und bis heute (!) ist hier immer noch der Schuhmacher Hug tätig.

Auch im Haus zum Grünen Klee nebenan herrscht Branchen-Konstanz: Früher wie heute beherbergt es einen Coiffeursalon - einstmals Kuser, heute Hollywood. Daran anschliessend folgt das Doppelhaus mit dem «Gänglidurchgang» (wie man bei Hugs zuhause immer sagte – andere nannten die Passage Häxegässli). Links bzw. rechts des Durchgangs waren eine Chemische Reinigung und das Tabakwarengeschäft von Fräulein Kölliker (zuvor Cigarrenhandlung Kalchofner) untergebracht.

Es folgten im Haus zum Schwarzen Widder (Nr. 31) der Eichmeister Erb und sinnigerweise gleich nebenan die Weinhandlung Tanner. Daran schlossen sich die Metzgerei Schuppisser (später Bell) und die Bäckerei Ganz (heute Dietiker und Humbel) an.

Man sieht: Alles Wichtige im Leben war auf engstem Raum zu haben. Dazu könnte man eigentlich auch das Eckhaus zählen (später Goldige Egge; heute Manta), das jedoch die Adresse Oberer Graben 46 trägt: Im einstigen Restaurant Blume sollen dem Vernehmen nach die Rectores der Kantonsschulen ihren Morgenschoppen genommen haben.

«Grüezi Frau Meyer, ich hätte gern 10 Eier»

Vis à vis befand sich der Lebensmittelladen Näf, in dem der Schwager von Charlotte Hug sein Leben lang Prokurist war: «Dort wurde alles offen verkauft: Mit einer grossen Schaufel wurde der Reis aus der Schublade geschöpft und in einen Papiersack abgefüllt», erzählt sie - und gut erinnert sie sich auch noch an das benachbarte Blumengeschäft Moser.

«Die Eier wurden in Kisten mit Spreu geliefert wurden und die Frau Eiermeyer musste in der Kiste nach ihnen wühlen.» 

Charlotte Hug 

Doch bei den anschliessenden Gchäfte gibt es Lücken: «Ah, richtig, da war auch noch der Schuhmacher Kissling!», kommt es ihr in den Sinn, «Und dann käme ja die – inzwischen auch ehemalige – Obertor-Post, die noch bis zur Eröffnung 1943 im Haus der Rathaus Apotheke am Graben untergebracht war.»

Mit einem Sprüchlein erinnert sich Charlotte Hug an «Eier-Meyer» in der Nummer 28: «Grüezi Frau Meyer, ich hätte gern 10 Eier!», sagt sie, «Dazu muss man wissen, dass die Eier in Kisten mit Spreu geliefert wurden und die Frau Eiermeyer darauf in der Kiste zu wühlen begann.» Ihr Mann aber sei – gewissermassen gockelhaft - immer im Frack dahergekommen.

Benachbart war die Bäckerei Stutz beziehungsweise das Restaurant Fortuna (im gleichnamigen Haus, Nr. 26). Was dem Gebäude aber seinen zweiten Namen «Zur Nachtkappe» eingetragen hatte, wird sich wohl nie eruieren lassen ...

Ein etwas «schmieriger» Drogist

Etwa auf Höhe des heutigen Kiosks befand sich das Geschäft von Messerschmid Gut; die folgenden Läden sind Charlotte Hug nach all den Jahren (und Wechseln) nicht mehr bekannt.

«Der Drogist hat immer mit unseren Dienstmädchen geschäkert!»Charlotte Hutg

Eine sehr lebendige Erinnerung hat sie aber an die Drogerie Zellweger: «Guete Sunntig!», ruft sie aus, «Der hat immer mit unseren Dienstmädchen geschäkert!» Das sei ein etwas komischer, im wahrsten Sinne des Wortes «schmieriger» Typ gewesen, denn seine Haare habe er stets pomadisiert getragen. A propos: Unmittelbar hatte daneben der Coiffeur Sagarra sein Geschäft - zuvor war dort das Sportgeschäft Homberger untergebracht.

Käse sowie Milch kaufte man einst bei Beer in der Nummer 10; der Milchladen wurde dann von der Familie Leemann übernommen und weitergeführt. Darauf folgten der Metzger Stahel – sein Nachfolger hiess Müller und angrenzend daran folgte der Stoffhandel Waibel.

Womit wir wieder bei den «kugeligen» Beizen wären und sich der Kreis unseres kleinen Obertor-Rundganges geschlossen hätte – den Charlotte Hug ganz bequem in ihrer Erinnerung absolvieren konnte. Dankeschön fürs Mitnehmen!

(Der Landbote)

Erstellt: 06.09.2017, 17:49 Uhr

Obertor Geschichten - Folge 4/4

Das Leben und der Wandel am Obertor

Charlotte Hug (Bild) hat am 21. Juni 2017 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die letzten 97 Jahre lebte sie am Obertor.

Für den «Landboten» hat Alex Hoster ausführliche Gespräche mit Charlotte Hug geführt. In einer kleinen Serie blickt er gemeinsam mit ihr zurück auf ihr Leben und den Wandel der Altstadt – eine exemplarische Zeitreise in vier Folgen.

Sie lesen heute die letzte über Leben, Gewerbe und Wandel am Obertor.

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