Seuzach

«Ich bin aus einer anderen Welt gekommen»

Die katholische und die reformierte Kirche Seuzach organisieren drei Vorträge zum Thema Migration. Pfarrer Hans-Peter Mathes ist das Thema persönlich wichtig.

Hans-Peter Mathes ist zwar selber in die Schweiz eingewandert, trotzdem glaubt er, noch viel über Migration lernen zu können.

Hans-Peter Mathes ist zwar selber in die Schweiz eingewandert, trotzdem glaubt er, noch viel über Migration lernen zu können. Bild: Marc Dahinden

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Herr Mathes, im Januar startet die dreiteilige Vortragsreihe zum Thema Migration, die Sie als reformierter Pfarrer mitorganisiert haben. Sie sind in Rumänien aufgewachsen, also auch selbst migriert. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu dem Thema?
Hans-Peter Mathes: Mit 32 Jahren bin ich in die Schweiz gekommen. Ich bin in einer kleinen deutschsprachigen Minderheit in Rumänien aufgewachsen. Eigentlich war ich der Letzte meiner Familie, der noch ausgewandert ist. Die meisten meiner Verwandten haben zu der Zeit bereits in der damaligen Bundesrepublik Deutschland gelebt.

Warum sind Sie selbst nicht auch nach Deutschland gezogen?
Ich fand dort keine Arbeit. Damals gab es in Deutschland eine «Theologenschwemme». Sie hatten bereits zu viele Pfarrer und konnten sicher keinen aus Rumänien gebrauchen.

Die Sprache war für Sie kein Hindernis?
Nein, weil ich eben bereits deutschsprachig aufgewachsen war, musste ich nicht mehr Deutsch lernen. Das war natürlich ein grosser Vorteil für mich.

Wie haben Sie sich sonst in der Schweiz aufgenommen gefühlt?
Die Schweizer haben mich sehr an die Siebenbürger Sachsen, die Minderheit zu der ich zähle, erinnert. Anfangs eher skeptisch und verschlossen, dann aber sehr herzlich und hilfsbereit.

Hat es geholfen, dass Sie als Pfarrer in die Schweiz kamen?
Ja, ich denke schon. Hätte ich einen Beruf gehabt, bei dem ich weniger mit den Leuten in Kontakt gekommen wäre, hätte ich sicher viele meiner Ängste länger behalten.

Ich hatte Angst, nicht zu genügen, zu wenig über die Traditionen im Alltag informiert zu sein.
Hans-Peter Mathes, Pfarrer

Wovor hatten Sie denn Angst?
Ich hatte Angst, nicht zu genügen, zu wenig über die Traditionen im Alltag informiert zu sein. Ich bin eben aus einer anderen Welt gekommen.

Was war denn der grösste Unterschied für Sie?
Die grosse Palette der Möglichkeiten und die persönliche Freiheit mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Haben Sie einen Tipp für Leute, die in die Schweiz kommen?
Mein Theologieprofessor hat einmal zu mir gesagt: «Ich schätze es so sehr, dass du nicht immer sagst, wie es bei dir war, sondern fragst, wie es hier ist.» Ich denke, es ist wichtig, dass man sich nicht immer rückwärts orientiert.

Gibt es Projekte, bei denen Sie sich engagieren?
Ja, ich bin eng mit der schweizerisch-rumänischen Stiftung Papageno in Verbindung. Sie unterstützen sozial- und einkommensschwache Familien in Hermannstal und Umgebung. Hermannstal ist mein Geburtsort. Dort gibt es jetzt auch neu ein Kinderhospiz, das an ein Altersheim angegliedert ist. Auch dafür möchte ich finanzielle Unterstützung leisten.

Kamen Sie durch Ihren persönlichen Bezug auf die Idee, Migration zum Thema der Vorträge zu machen?
Diese Vortragsreihe steht im Rahmen des Projekts «Kultur im Januar», dieses gibt es bereits seit vielen Jahren, schon bevor ich hier Pfarrer wurde und nun bin ich doch schon 22 Jahre in Seuzach tätig. Jedes Mal im Frühling wählen mein Pfarrkollege der katholischen Kirche St.Martin und ich gemeinsam ein Thema aus.

Warum haben Sie sich dieses Mal für das Thema «Migration» entschieden?
Wir wollen immer ein Thema behandeln, das wir aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten können. Beispielsweise hatten wir im letzten Jahr drei Vorträge zum Pilgern auf dem Jakobsweg. In vorherigen Jahren haben wir auch schon das selbstbestimmte Sterben oder die Frage «Was ist eine Gemeinde?» behandelt.

Es sollen also Themen sein, zu denen es Diskussionsstoff gibt?
Beim Jakobsweg war das vielleicht weniger der Fall, aber auch dieses Thema haben wir kritisch betrachtet. Das jetzige Thema kann sicher kontrovers diskutiert werden.

Am ersten Abend werden sehr konkrete und aktuelle Fragen zur Situation in der Schweiz behandelt.

Ist das auch das Ziel?
Ja, das ist auf jeden Fall das Ziel. Wenn wir jeweils Referenten für die Vorträge suchen, dann sollen sie Präsentationen von 40 bis 60 Minuten vorbereiten. Danach soll es noch Zeit für Diskussionen und den Austausch geben.

Wie unterscheiden sich denn die drei Vorträge dieses Jahr?
Am ersten Abend werden sehr konkrete und aktuelle Fragen zur Situation in der Schweiz behandelt. Priska Alldis hält diesen Vortrag als Angestellte der katholischen Kirche des Kantons Zürich, wo sie für den Fachbereich Migration arbeitet. Beispielsweise erhält man eine Antwort auf die Fragen: «Was bedeuten bei den Bewilligungen die Buchstaben N, F und B?» oder «Wer darf arbeiten, wer nicht und warum?».

Worum wird es am zweiten Abend gehen?
Der zweite Abend wird das Thema dann rein historisch beleuchten. Der Historiker André Holenstein erzählt über die Geschichte der Schweiz als Migrationsland. Was ich auch für ein sehr wichtiges Thema halte.

Beim dritten Vortrag wird ein Projekt vorgestellt. Wie kam es dazu?
Es war mir wichtig, eine gelungene Form der Integration zu präsentieren. Darum wird am dritten Abend das Projekt der Integartions-Vorlehre präsentiert. Das wird sicher ein lebhafter Abend. Die drei Referenten sind Melanie Aardalsbakke, vom Mittelschul- und Bildungsamt, Markus Bieri, ein Arbeitgeber, der migrierte Lehrlinge bei sich anstellt und Samuel Nugusse, ein Auszubildender.

Je mehr Vertrautes man am neuen Ort vorfindet, desto eher kann man sich eingebunden fühlen.

Die Vortragsreihe wird von den beiden Landeskirchen in Seuzach organisiert. Was hat Religion mit Migration zu tun?
Je mehr Vertrautes man am neuen Ort vorfindet, desto eher kann man sich eingebunden fühlen.

Ist es also empfehlenswert, in ein Land zu reisen, wo die eigene Religion praktiziert wird?
Das kann sicher positiv sein. Es gibt aber bestimmt auch gegenteilige Beispiele, wo man sich unter anderen Religionen gut integrieren kann. Richtig verstandene Religiosität hat in ihren Grundsätzen rund um den Globus keinen Unterschied. Im Gegenzug müsste man aber sagen, dass instrumentalisierte Religiosität zu Spannungen führt.

Das Thema Migration ist schon seit Langem oder immer wieder aktuell. Sind die Leute immer noch zu wenig informiert?
Ich denke, mit Fragen wie beim ersten Abend kann man sicher bei einigen noch Wissenslücken schliessen. Zu denen zähle ich mich auch selbst. (Der Landbote)

Erstellt: 13.01.2019, 14:39 Uhr

Vorträge zum Thema Migration

Im Saal des Zentrum Oberwis an der Stationsstrasse 34 in Seuzach finden die drei Vorträge am 15., 22. und 29. Januar jeweils um 20 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Es wird jedoch eine Kollekte für eine Ferienwoche mit Flüchtlingsfamilien gesammelt.

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