Embrach

«Ich ging jeden Tag gerne arbeiten»

Fast ihr gesamtes Berufsleben war Esther Büchi in verschiedenen Funktionen an der Primarschule tätig. Am Mittwoch wurde sie nach 33 Jahren speziell verabschiedet: Am morgen standen die Schüler Spalier, am Abend folgte mit einem Apéro der offizielle Abschied der Schulleiterin.

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Esther Büchi, Sie werden in Kürze pensioniert. Ganz spontan: Worauf freuen Sie sich am meisten?
Esther Büchi: Auf mehr Zeit haben für mich und meine Interessen. Nicht mehr sieben Sachen miteinander erledigen müssen, weniger Eile haben und eine Sache in Ruhe von Anfang bis zum Ende führen. Diesen Luxus hatte ich selten.

Wie blicken Sie auf die vielen Jahren zurück?
Momentan mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Grundsätzlich aber mit viel Freude und sehr positiv. Begonnen hatte ich als Lehrerin-Wiedereinsteigerin in Teilzeit, als meine Kinder klein waren. Später durfte ich in der Funktion der Schulleiterin mit einem tollen Team aus Lehrkräften, Heilpädagogen und Assistenzen viel bewegen. Ich schätzte den Kontakt mit den Schulkindern und dem Schulteam, freute mich, von ihnen zu erfahren wie es geht, was sie erlebten und was sie bewegte. Ich hatte stets ein offenes Ohr für sie und freute mich auch über einen Besuch in meinem Büro. Mit Menschen zu arbeiten ist eine erfüllende Arbeit.

Wie haben Sie Ihr Familienleben mit vier Kindern, Ihr berufliches Engagement, die Tätigkeit in der Kirchenpflege und die Weiterbildung zur Schulleiterin unter einen Hut gebracht?
Dazu ist zu sagen, dass ich eine pflegeleichte Familie habe. Als unsere Kinder klein waren, durfte ich auf die wertvolle Mithilfe meiner Eltern zählen. Meine Kinder wurden schnell selbständig und sie haben mein berufliches und gesellschaftliches Engagement stets mitgetragen, ja die ganze Familie unterstützte mich in meinem Tun. Diese Einstellung gab mir die Freiheit mich beruflich weiter zu entwickeln. Dies waren und sind positive Voraussetzungen um im Beruf und gesellschaftlichem Leben Ziele zu erreichen.

Was hat sich verändert?
Vieles. Der Schulalltag ist hektischer, aber auch professioneller geworden. Zwei markante Tendenzen nehme ich wahr: Die heutigen Schulkinder erlebe ich als offen und mitteilungsfreudig. Die Distanz von Lehrpersonen zu den Schülern ist kleiner geworden und der Kontakt persönlicher. Dies kann zuweilen die Gefahr bergen, dass einem die Kinder nicht mehr als Respektsperson wahrnehmen.

Als ungute Entwicklung beobachte ich, dass die Kinder vermehrt zur Oberflächlichkeit neigen. Es hat sich ein Konsumverhalten gebildet und die Schule muss den Kindern immer mehr Neues bieten um deren Aufmerksamkeit auf den schulischen Stoff zu ziehen. Auch ist der Bezug zur Natur verloren gegangen. Man muss den Kindern einen klaren Weg weisen, damit sie sich aufs Lernen konzentrieren können. Die Kunst ist, individuell auf jedes Kind einzugehen und dennoch gradlinig zu sein.

Wie war es für Sie als Lehrerin zur Schulleiterin aufzusteigen und die Vorgesetzte ihrer Kolleginnen und Kollegen zu werden?
Diesen Schritt habe ich mir zuvor gründlich überlegt und bewusst gewählt. Als ich mich für diese Leitungsfunktion bewarb, musste ich dies vor dem versammelten Kollegium tun und persönlich begründen. Da war ich tatsächlich etwas angespannt. Ich musste gewissermassen aus dem Kreis der Lehrpersonen heraus treten, was bedeutete nicht mehr unmittelbar zu ihnen, also meinen Kollegen, zu gehören. Das Kollegium hatte mich dann gewählt und das Vertrauen ausgesprochen. Von Beginn weg wurde ich akzeptiert und wir sind zu einem guten Team zusammengewachsen.

«Die Distanz von Lehrpersonen  zu den Schülern ist kleiner geworden und der Kontakt  persönlicher. Als ungute Entwicklung beobachte ich,  dass die Kinder vermehrt zur  Oberflächlichkeit neigen.»

Esther Büchi

Nebst Höhepunkten, wie der Teileinweihung der Neubauten und der Turnhalle kürzlich, gab es bestimmt auch schwierige Zeiten. Welche ist Ihnen in Erinnerung?
Das Zusammenspiel von Lehrpersonen, Eltern und Kindern war nicht immer einfach, wenn zum Beispiel Eltern unwillig waren, beschlossene Massnahmen mitzutragen. Dann wurde es schwierig, besonders auch für das betreffende Kind. Eine grosse Herausforderung war vor drei Jahren, als die Flüchtlingswelle bei uns ankam mit 90 Kindern und 80 minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Wir hatten die Aufgabe, innerhalb von zwei Monaten, im Durchgangszentrum neue Klassen für fremdsprachige Kinder praktisch aus dem Nichts zu starten. Die Schule stellte Lehrpersonen an, Klassenzimmer fanden wir in der Klinik Hard, das Mobiliar suchten wir von überall zusammen. Dies konnten wir nur mit dem ausserordentlichem Einsatz eines jeden bewerkstelligen. Die Situation von Klassen mit Flüchtlingskindern ist sehr dynamisch und kann sich schnell ändern. Nach acht Monaten gab es diese Klassen nämlich nicht mehr, die Kinder wurden anderweitig beschult. Leider musste ich damals aus diesen Gründen einigen Lehrpersonen kündigen, was mir persönlich sehr schwer fiel.

33 Jahre an der gleichen Schule zu arbeiten ist aussergewöhnlich lang. Besitzen Sie ein angeborenes Durchhaltevermögen?
Ich kann sagen, dass ich jeden Tag gerne zur Arbeit ging, einerlei ob als Lehrerin oder Schulleiterin. Eine Lehrperson hat innerhalb des Lehrplans grosse Freiheit wie sie den Schulalltag gestalten will. Ausserdem fordert der Beruf Eigeninitiative. Dies kam meinem Naturell entgegen und gab mir die Energie jeden Tag mit Freude zu arbeiten. Als Schulleiterin hatte ich die Verantwortung für den gesamten Ablauf, für alle Schüler und die Lehrkräfte. Ein gut funktionierendes Team ist der Grundstein zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Dies ist uns im Schulhaus Ebnet gelungen. Etliche Lehrpersonen sind seit vielen Jahren an der Primarschule tätig. Mit dem Neubau kamen noch einmal viele Herausforderungen dazu, was interessant aber auch anspruchsvoll war und viel Aufmerksamkeit erforderte. Ich hatte sehr abwechslungsreiche Jahre, daher würde ich nicht von Durchhalten sprechen. Ich konnte auf den Rückhalt meiner Familie und meines Umfelds zählen. Ausserdem bin ich mit einer robusten Gesundheit gesegnet. Das half, anstrengende Tage mit Sitzungen und wichtigen Entscheidungen, gut zu bewältigen. Ich stand nie in der Gefahr auszubrennen.

Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft? Werden Sie Ihre umfangreichen Erfahrungen weiterhin einbringen?
Wie schon gesagt, will ich meinen geistigen Tank wieder mit etwas Neuem auffüllen, zum Beispiel an der Altersuniversität. Die nächste Bauetappe im Schulhaus Ebnet werde ich in der Baukommission begleiten und die Schule noch einige Zeit im Hintergrund unterstützen. Bezüglich Freiwilligenarbeit gab es Anfragen. Ausserdem freue ich mich auf lange Reisen. Ich wandere und reise sehr gerne. Künftig habe ich die Möglichkeit ausserhalb der Schulferien Urlaub zu machen. Gerne würde ich einmal die südliche Halbkugel bereisen, vor allem Südamerika interessiert mich. Im Winter ist die beste Zeit dafür, und diese Möglichkeit werde ich nützen.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin Kathrin Meyer mit auf den Weg?
Ganz wichtig ist: Offene Augen und offene Ohren zu haben. Mit Eltern, Lehrkräften und Behörden eine klare, ehrliche Kommunikation zu pflegen. Gradlinig sein. Damit bin ich immer sehr gut gefahren.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 12.07.2018, 15:46 Uhr

Zur Person

Esther Büchi, 65, verheiratet, vierfache Mutter und vierfache Grossmutter begann im Mai 1986 ihre Laufbahn an der Primarschule Embrach als Mundartlehrerin im Kindergarten. Danach wirkte sie in der Unter- und Mittelstufe. Die letzten zwölf Jahre war sie Schulleiterin im Schulhaus Ebnet mit 420 Primarschülern und einem Pädagogik-Team von 60 Mitarbeitenden. Sie lebt in Embrach. reu

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