Prävention

«Ich mache mir Sorgen um dich»

Im Vorfeld des Internationalen Suizidpräventionstages zeigt Anne Guddal von der Dargebotenen Hand auf, warum das Thema Suizid jeden von uns angeht.

Anlässlich des Internationalen Suizidpräventionstages hat der Suizidrapport Winterthur, um 12.45 Uhr auf dem Neumarkt 180 weisse Ballone steigen lassen.

Anlässlich des Internationalen Suizidpräventionstages hat der Suizidrapport Winterthur, um 12.45 Uhr auf dem Neumarkt 180 weisse Ballone steigen lassen. Bild: Enzo Lopardo

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Heute findet im Rahmen des Internationalen Suizidpräventionstages auf dem Neumarkt eine Aktion statt. Was geschieht da konkret?
Anne Guddal: Mitglieder des Suizidrapports Winterthur werden sich am Mittag versammeln und 180 weisse Ballone steigen lassen. Dies als Mahnmal und zur Erinnerung an die im letzten Jahr durch Suizid verstorbenen Menschen im Kanton Zürich.

Was ist der SuizidrapportWinterthur?
Der Suizidrapport ist ein Vernetzungsgefäss für Menschen, die beruflich oder nebenberuflich mit Suizid konfrontiert sind. Darin vertreten sind unter anderem Personen der Schul- und Jugendarbeit, der Stadt- und Kantonspolizei, Ärzte, Psychiater und Mitarbeiter der Dargebotenen Hand.

«Man weiss, dass die gleichen Menschen mit Suizidgedanken Warnsignale aussenden»Anne Guddal

Was erhoffen Sie sich von der Aktion?
Die Aktion möchte jede und jeden daran erinnern, dass man etwas gegen Suizid machen kann. Wir wollen aufzeigen, dass Suizidprävention wirkt, und die Leute deshalb ermutigen, Menschen in ihrer Umgebung zu fragen, wie es ihnen geht. Gleichzeitig möchten wir die verschiedenen Hilfsangebote, die es gibt, bekannter machen.

Viele Leute möchten sich nicht in die persönlichen Angelegenheiten anderer einmischen. Und dennoch sollen sie es tun?
Unbedingt. Die meisten Leute haben Angst, sie könnten etwas Falsches sagen oder sie müssten die Probleme anderer lösen. Aber das können sie nicht – und das verlangt auch niemand von ihnen. Es geht nur darum, jemanden direkt auf seine Situation anzusprechen. Beispielsweise mit den Worten: «Ich habe das Gefühl, dass es dir nicht gut geht. Ich mache mir Sorgen um dich.» Und dann heisst es erst einmal zuzuhören. Denn wenn jemand über seine scheinbar ausweglose Situation reden kann, dann ist dies für die betroffene Person sehr entlastend.

Soll man eine Person, die schwermütig oder verzweifelt ist, direkt auf das Thema Suizid ansprechen?
Das kommt darauf an, wie das Gespräch verläuft. Wenn ein schlechtes Gefühl zurückbleibt, dann ist es immer gut, die betroffene Person direkt auf allfällige Suizidgedanken anzusprechen. Im Sinne von: «Hast du schon mal die Idee gehabt, dein Leben zu beenden?»

Und wenn dies von der Person bejaht wird?
Dann kann man fragen, ob dies in letzter Zeit vorgekommen sei. Falls dem so ist, wäre es wichtig, dass diese Person professionelle Hilfe bekommt. Deshalb empfiehlt es sich, mögliche Anlaufstellen zu erwähnen oder das konkrete Angebot zu machen, selber bei einer Fachstelle anzurufen und allenfalls die betroffene Person dorthin zu begleiten.

Gibt es eigentlich ganz bestimmte Warnsignale in Sachen Suizid, auf die Angehörige,Bekannte und Arbeitskollegen besonders achtgeben sollten?
Man weiss, dass die meisten Menschen mit Suizidgedanken Warnsignale aussenden. Viele sprechen im Vorfeld direkt darüber und sagen beispielsweise Sätze wie: «Ich mag nicht mehr leben. Ich wäre lieber tot.» Dann gibt es aber auch die indirekten Andeutungen: «Ihr hättet es besser ohne mich.»

Muss man solche Aussagen immer ernst nehmen?
Ja. Das heisst nicht, dass sie immer in die Tat umgesetzt werden. Aber indem man die Thematik direkt anspricht, merkt man eher, wie ernst es der Person mit ihren Aussagen wirklich ist.

Was könnte sonst noch auf einen bevorstehenden Suizid hinweisen?
Wenn sich Menschen generell verändern. Wenn sie sich zum Beispiel zurückziehen und für Dinge nicht mehr interessieren, die ihnen früher wichtig waren. Dann gibt es aber auch das pure Gegenteil: Menschen, die auf einmal sehr offensiv leben und hohe Risiken eingehen. Nicht wenige Leute, die suizidgefährdet sind, erkundigen sich zudem via Internet über Suizidmethoden. Manche Menschen, die einen Suizid planen, verschenken im Vorfeld persönliche Gegenstände und nehmen so indirekt Abschied von jenen Leuten, die sie gern gehabt haben.

Hinterbliebene von Suizidopfern sind oft traumatisiert und haben meistens Schuldgefühle. Wie kann man ihnen beistehen?
Es ist normal, dass Hinterbliebene quälende Schuldgefühle haben. Um so wichtiger ist es, dass es Leute gibt, die ihnen beistehen. Je früher sie in ihrem Trauerprozess unterstützt werden, desto besser. So gibt es beispielsweise auch für Jugendliche, die einen Elternteil durch Suizid verloren haben, geleitete Selbsthilfegruppen.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.09.2018, 17:32 Uhr

Wo man Hilfe erhält

Zum Welttag der Suizidprävention vom 10. September ruft der Schweizerische Verband von Tel. 143 sein anonymes Präventionsangebot in Erinnerung, das rund um die Uhr und in allen Sprachregionen der Schweiz verfügbar ist. Weitere Anlaufstellen für Erwachsene: Notfallpsychiatrischer Dienst, Telefon 0800 33 66 55; Kriseninterventionszentrum der IPW Winterthur, Tel. 052 224 37 00; Polizei 117. Notfallnummer für Kinder und Jugendliche: Telefon 147. Anlaufstellen für Hinterbliebene: www.verein-refugium.ch (für Menschen, die ihren Partner durch Suizid verloren haben); www.nebelmeer.net (für Menschen, die einen Elternteil durch Suizid verloren haben); www.verein-regenbogen.ch (für Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern). (red)

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