Interview

«Ich musste bei mehreren Aufsätzen eine ungenügende Note geben»

Das Bestehen der Prüfung ans Kurzzeitgymnasium sei keineswegs selbstverständlich, sagt Deutschlehrer Daniel Wehrli.

Der Deutschlehrer Daniel Wehrli hat in drei Tagen 30 Aufsätze korrigiert.

Der Deutschlehrer Daniel Wehrli hat in drei Tagen 30 Aufsätze korrigiert. Bild: PD

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Diese Woche wurden kantonsweit Gymiprüfungen durchgeführt. Haben Sie schon mit dem Lesen der Aufsätze begonnen?
Ja, ich habe sie schon fertig korrigiert. Am Freitag um 12 Uhr mussten wir die Aufsätze abgeben.

Wie viele Aufsätze haben Sie etwa korrigiert?
Ich habe 30 korrigiert. Sieben Personen haben Aufsätze gelesen, das heisst, es wurden etwa 230 Aufsätze korrigiert – am Schulhaus Büelrain.

Wann haben Sie angefangen zu korrigieren? Das muss ja ein ziemlicher Stress gewesen sein.
Die Aufnahmeprüfung war dieses Jahr erstmals an einem Dienstag, sonst ist sie jeweils am Montag. Man nahm auf den Fasnachtsmontag Rücksicht. Am Dienstag um 12 Uhr konnten wir die Aufsätze holen, und am Freitag um 12 Uhr mussten wir sie korrigiert abgeben – also haben wir drei Tage Zeit gehabt. Wir werden in der Zeit, in der wir korrigieren, vom Unterricht freigestellt. Wir dürfen Schule geben, aber wir müssen nicht. Die Schüler werden in dieser Zeit beschäftigt.

Wann erhalten die Schüler Bescheid, ob sie bestanden haben oder nicht?
In etwa einer Woche. Am Freitag mussten wir die korrigierten Prüfungen abgeben, die Noten werden eingetragen, und dann werden die Dokumente an die Experten geschickt, die sie bis am Dienstag gegenlesen. An einer Sitzung am Dienstag wird besprochen, ob alle mit den Ergebnissen einverstanden sind.

Wie viele Schüler fallen erfahrungsgemäss durch?
Mittlerweile zählen die Vornoten nicht mehr, was das Bestehen erschwert. Ich habe Noten mit einem Durchschnitt von 3,75 erteilt – kein sehr hoher Wert. Wir haben jedes Jahr Personen, bei denen man sich fragt, wieso diese sich überhaupt für die Prüfung angemeldet haben. Die Streuung ist recht gross, ich habe Noten zwischen 2,0 und 5,75 erteilt. Bei der Prüfung wird klar die Spreu vom Weizen getrennt.

«Man merkt, dass in der Volksschule weniger Wert auf formale Korrektheit gelegt wird.»Daniel Wehrli,
seit 32 Jahren Lehrer 
an der Kantonsschule Büelrain

Ein ewiges Thema: Bei der Mathematik gibt es richtige und falsche Antworten, bei den Aufsätzen gibt es mehr Ermessensspielraum. Ist das wirklich so, oder gibt es beim Korrigieren der Texte mehr Vorschriften, als man denkt?
Es gibt ganz genaue Vorgaben. Zum einen sind diese Aufsatzthemen sehr genau formuliert und enthalten direkte Anweisungen, was verlangt wird. Dies ist das erste Kriterium für den Aufsatz: Wurde die Aufgabenstellung gelesen und erfüllt, oder hat der Schüler oder die Schülerin nur den Titel des Aufsatzthemas gelesen und dann irgendetwas dazu geschrieben?

Und das zweite Kriterium?
Wir bekommen vom Kanton ein sogenanntes Kriterienraster mit 12 Kriterien zu Inhalt, Aufbau und Sprache. Zu allen Aufsatzthemen gibt es eine Art Lösungsvorlage, an der wir uns orientieren. So werden die Aufsätze überall etwa gleich korrigiert.

Sie unterrichten seit 32 Jahren. Was hat sich in den letzten Jahren an der Sprache der Jugendlichen verändert?
Auf die formale Korrektheit, also Grammatik und Rechtschreibung, wird in den Volksschulen sicher nicht mehr so viel Wert gelegt wie auch schon. In den ersten zwei Jahren am Gymnasium müssen wir zum Teil Sekstoff nachholen, den die Schüler eigentlich kennen sollten.

An was liegt das?
Heutzutage werden Kreativität und gute Ideen stärker gewichtet als früher. An den Volksschulen werden auch weniger Diktate durchgeführt, dies ist mittlerweile fast ein wenig out.

Was sind die häufigsten Fehler?
In Aufsätzen werden «das» und «dass» oft nicht unterschieden. Und: In der Sek müsste man besser unterscheiden lernen, für welche Textsorten umgangssprachliche Formulierungen adäquat sind und für welche nicht. Bei einer Erörterung haben Slangwörter oder Ausdrücke in Mundart nichts zu suchen, doch das scheint vielen Prüflingen nicht bewusst zu sein.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.03.2019, 08:43 Uhr

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