Podium

Letzte Gewissheiten gibt es nicht

In der ersten «Denkbar» im Gate 27 zur Entstehung der Welt hatte der Kreationist einen schweren Stand.

Am Freitagabend wurde in der ersten «Denkbar» über Gott und die Welt diskutiert.

Am Freitagabend wurde in der ersten «Denkbar» über Gott und die Welt diskutiert. Bild: PD

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Wie sind die Welt und das Leben entstanden? Begann alles mit einem göttlichen Schöpfungsakt oder liegen die Naturwissenschaften richtig? Darüber sollte in der ersten «Denkbar», einer neuen Veranstaltungsreihe der Evangelischen Allianz Winterthur, am Freitagabend diskutiert werden.

Ziel der Veranstaltung war es, unterschiedliche Überzeugungen miteinander in Gespräch zu bringen. Mit dem Künstler Erwin Schatzmann, dem Tierarzt Marcus Clauss und dem Chemiker Felix Ruther war das Podium mit farbigen Persönlichkeiten besetzt. Gegen sie hatte der Kreationist und Gymnasiallehrer Pascal Kallenberger einen schweren Stand. Die Sitzreihen im Saal waren voll besetzt.

«Ich glaube ganz klar an das, was ich glaube.»Pascal Kallenberger, Kreationist

Im Kern der Debatte stand die kaum ergiebige Frage, ob die Bibel wörtlich zu lesen sei oder nicht. Kallenberger versteht die biblische Schöpfungsgeschichte als Tatsachenbericht und beruft sich auf die Autorschaft Gottes. Auf Schatzmanns Frage, woher er denn wisse, dass die Menschen alles richtig aufgeschrieben hätten, verwies Kallenberger auf den Heiligen Geist. «Den hast du offenbar», meinte Schatzmann und erntete damit einige Lacher im Publikum.

Unfreiwillig hellsichtig

Die Beiträge waren für sich genommen interessant. Zum Dialog konnte es kaum kommen, weil die Fronten von Anfang an klar waren. In der Folge versuchte Kallenberger die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu widerlegen, und verlor sich in detailreichen Ausführungen.

So stellte er etwa die Ergebnisse der Dendrochronologie in Frage. Diese bestimmt das Alter von Bäumen anhand der Jahresringe. Demnach wäre, wie Ruther darlegte, die Erde mindestens 12000 Jahre alt – doppelt so alt, wie die Bibel behauptet.

«Ich glaube ganz klar an das, was ich glaube», fasste Kallenberger einmal in unfreiwillig hellsichtiger Weise seine Position zusammen. Weshalb er denn den Glauben auch noch mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stützen wolle, fragte der Tierarzt Clauss.

Damit traf er den Kern der Sache. Die Ansicht, die Wissenschaft könne uns sagen, wie die Welt wirklich beschaffen sei, ist spätestens seit der Quantentheorie obsolet. «Die Naturwissenschaft fragt nicht nach der Wahrheit», brachte es Ruther, ehemaliger Studienleiter der Vereinigten Bibelgruppen (VBG), die an Mittel- und Hochschulen tätig sind, auf den Punkt.

«Die Naturwissenschaft fragt nicht nach der Wahrheit.»Felix Ruther, Chemiker und ehemaliger Studienleiter der Vereinigten Bibelgruppen

Es gibt immer nur Theorien, die solange gültig sind, bis eine bessere entwickelt wird. Und Clauss meinte, er würde sogar die Frage, ob Gott existiert, lieber Gott überlassen. Mit anderen Worten: Der Mensch muss damit leben, dass letzte Gewissheiten nicht zu haben sind. Wer trotzdem darauf besteht, kann wohl tatsächlich nur auf eine göttlich autorisierte Schrift setzen, die möglichst wenig Fragen offen lässt.

Denkt man hingegen an die beeindruckenden Gedankengebäude, die das Mittelalter in der Deutung der Bibel hervorgebracht hat, dann kommen einem die «wörtliche» Lesart und ihre Vertreter doch recht fad vor.

Widersprüche

Das Publikum war zu Beginn aufgefordert worden, über die Mobiltelefone Fragen an die Podiumsteilnehmer zu senden. Es trafen überraschend wenig Wortmeldungen ein. Eine allerdings hätte mehr Beachtung verdient gehabt: Sie fragte, wie es denn möglich sein soll, Erlösung und Auferstehung wörtlich zu nehmen – wozu auch gläubige Naturwissenschaftler neigen – und nicht auch die Geschichte von Schöpfung und Sündenfall. Denn schliesslich sind beide eng aufeinander bezogen.

(Der Landbote)

Erstellt: 31.03.2019, 14:31 Uhr

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