Musikfestwochen

Musikkarrieren starten im Internet, manche auch auf der «Steibi»

Die Co-Leiterin Laura Bösiger sowie der Programmleiter Matthias Schlemmermeyer verraten, wie sie die Auftritte an den Musikwochen zusammengestellt ­haben. Die Stars von morgen spielen eine Schlüsselrolle.

Matthias Schlemmermeyer und Laura Bösiger in der Steinberggasse. Im Hintergrund entsteht die grosse Bühne für die Musikfestwochen.

Matthias Schlemmermeyer und Laura Bösiger in der Steinberggasse. Im Hintergrund entsteht die grosse Bühne für die Musikfestwochen. Bild: Madeleine Schoder

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Fünfzig Prozent der Bands an den Musikfestwochen kommen aus der Schweiz. Warum ist das so?
Laura Bösiger: Es sind sogar über fünfzig Prozent. Wir wollen Schweizer Nachwuchsbands fördern. In Winterthur können sie oft zum ersten Mal vor einem grossen Publikum spielen, vor tausend, zweitausend oder mehr Personen.

Wie wählen Sie aus, wer auftreten darf?
Matthias Schlemmermeyer: Qualität! Das ist unser einziges Kriterium. Die Schweizer Musikszene bietet einen Blumenstrauss guter Bands. Schweizer Quoten brauchen wir nicht. Ich bin kein Fan davon.

Dann würden Sie also bei einer Flaute in der Szene das Programm auch mit, sagen wir,
dreissig Prozent Schweizer Bands bestreiten?
Schlemmermeyer: Wir würden in einem solchen Fall wohl eher weiter suchen, tiefer schürfen.
Bösiger: Wir hatten in den letzten Jahren stets mehr als die Hälfte Schweizer Bands.

Wie finden Sie die Bands?
Schlemmermeyer: Ich gehe an Konzerte, sehe mir Vorbands an, besuche Festivals. Es gibt Nachwuchswettbewerbe. Dazu sind wir mit Musikagenten und Managern vernetzt.

Kommt der Nachwuchs auch aus der Region?
Bösiger: Durchaus. Da ist zum Beispiel Faber. Er kommt aus ­Zürich, das ja rein geografisch zur Region Winterthur gehört. Faber gewann als 13-Jähriger unseren Nachwuchswettbewerb Band-it. Letztes Jahr eröffnete er auf dem Kirchplatz die Musikfestwochen. Jetzt hat er sein erstes Album veröffentlicht und steht bei uns auf der grossen Bühne, zusammen mit Band of Horses und Philipp Poisel.

Ich dachte beim Stichwort ­Region auch an kleinere Orte.
Bösiger: Auch das gibt es. Wir haben die Tigershead aus Bazenheid im Programm. Mit ihrer elektronischen Musik könnten sie das Publikum überraschen. Die Tigershead spielen auf der Startrampe in der Steinberg­gasse. Der Name der kleinen Bühne ist Programm. Denken Sie an Crimer. Wir haben ihn als einen von neun unter hundert Bewerbern auf die Startrampe einge­laden. Noch bevor er diese bestiegen hat, ist er «Best Talent» bei SRF geworden. Crimer ist übrigens auch ein Regionaltalent. Er stammt aus Balgach im St. Galler Rheintal.

Stimmt die Einschätzung, dass die Schweizer Musikszene in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt hat?
Schlemmermeyer: In letzter Zeit haben mehrere Schweizer Musiker den internationalen Durchbruch geschafft. Ich denke da an Sophie Hunger, Zeal & Ardor oder an Boy. Das spornt junge Bands an. Sie sehen, dass der Erfolg möglich ist. So gibt es mehr Bands, mehr Wettbewerb und ­somit wiederum mehr Qualität.

Welche Leckerbissen oder Überraschungen gibt es im Programm 2017?
Schlemmermeyer: Für mich gehört Tash Sultana dazu. Das ist eine unglaubliche Geschichte: Die Singer-Songwriterin war noch vor kurzer Zeit als Strassenmusikerin in Australien unterwegs. Dann lud sie Videos von ihren Freiluftauftritten hoch, hatte bald mal eine halbe Million Followers auf Facebook. Wir buchten sie im Dezember 2016 für die Musikfestwochen. In der Schweiz kannte sie zu diesem Zeitpunkt noch fast niemand. Dann ging es ab durch die Decke. Inzwischen ist sie in Grossbritannien schon vor 3000 Konzert­besuchern aufgetreten. In Winterthur dürfte Tash Sultana wohl das letzte Mal kostenlos zu sehen sein.

Facebook, Youtube & Co. – wie hat das Internet das Musikgeschäft verändert?
Schlemmermeyer: Es ist auf jeden Fall schneller geworden und quirliger. Viele Musikkarrieren starten im Internet. Harte Fakten wie die Platzierung in den Charts dagegen fehlen zunehmend. Oft gibt es Blitzkarrieren. Insgesamt erhöht sich das Risiko für uns Programmgestalter: Die Auf­tritte funktionieren als Stream, floppen aber vielleicht bei einem Livekonzert.

Gehen solche Blitzkarrieren nicht auch wieder blitzschnell zu Ende?
Schlemmermeyer: Die Bindung des Publikums zu den einzelnen Künstlern ist jedenfalls flüchtiger geworden.

Und die Musik selbst? Wie hat sich die in letzter Zeit verändert?
Schlemmermeyer: Die Musik hat sich nicht stark verändert. Die Bands sind in der Regel technisch besser geworden. Die Elektronik nimmt mehr Raum ein. Vor allem aber beobachten wir eine Professionalisierung der Liveauftritte. Die Musiker kommen ausgeruht und gut vorbereitet auf die Bühne. Die Zeiten der zugedröhnten Rocker sind vorbei. Die Bands unserer Zeit verstehen einen Auftritt als seriöse Arbeit.

Das klingt jetzt etwas spröde. Geht da nicht auch etwas ­verloren?
Schlemmermeyer: Natürlich darf ein Auftritt nicht als Job daherkommen. Die künstlerische In­spi­ration, die Freude an der ­Musik muss sich aufs Publikum über­tragen.

Zum Publikum: Wie sieht das an den Musikfestwochen aus?
Bösiger: Wir haben ein sehr ­gemischtes Publikum. Die Bands müssen ganz verschiedene Menschen begeistern. Es wäre für sie wesentlich einfacher, nur für die eigenen Fans oder eine bestimmte Szene zu spielen. Das macht die Musikfestwochen für viele Bands jedoch auch spannender als die ganz grossen Festivals. Das verstehen wir als Kompliment.

Tragen die Musikfestwochen 2017 auch Ihre persönliche Handschrift?
Schlemmermeyer: Wir decken musikalisch ein sehr breites Spektrum ab. Unsere Vorlieben zeigen sich nur einzeln da und dort. The Dues spielten letztes Jahr auf der Startrampe. Ihr Auftritt hat uns so überzeugt, dass wir sie für dieses Jahr auf die grosse Bühne in der Steinberggasse eingeladen haben.
Bösiger: Die drei begehrtesten Slots im kostenlosen Programm – den ersten und letzten sowie den Abschlussslot am Samstagabend – haben wir an Schweizer Bands vergeben. Die internationalen Bands spielen zum Teil als Opening Act. Das ist schon etwas Besonderes. Bisher war es ja oft umgekehrt.

(Landbote)

Erstellt: 05.08.2017, 09:35 Uhr

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