Winterthur

Pfeilschnelle Luftduelle, bis einer im Netz zappelt

Für zwei Tage wurde die Axa-Arena zur Rennstrecke für Drohnen – mit freiem Eintritt.

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Es ist ein Rennen fast ohne Lärm, nur ein hohes Surren liegt in der Luft. In der Axa-Arena recken sich Aufblas-Säulen und Tore in die Luft, farbige LED-Bänder markieren die Piste. Auch die Flugkörper, die diese Hindernisse umkurven, leuchten – und nur einen kleinen Manövrierfehler braucht es, bis so ein Leuchtkäfer den Nebenmann touchiert oder in den Schutznetzen zappelt, die rund um die Rennstrecke von der Decke bis zum Hallenboden gespannt sind.

Dank Brille mittendrin

Die batteriebetriebenen Luftboliden sind etwas grösser als ein Taschenbuch. Ihre vier Propeller beschleunigen sie in unter zwei Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer. Gesteuert werden sie von vier Schalensitzen aus, die im oberen Rang neben dem Bistrostand aufgebaut sind. Hier absolviert Marvin Schäpper aus Liechtenstein am Freitagnachmittag seine Trainingsrunden. Heute ist sein 13. Geburtstag, aber das Rennen wollte er nicht verpassen. «Er baut alles selbst», sagt sein Vater Tom. «Ich bin nur der Chauffeur – und Sponsor.» Marvin sieht uns nicht; das Display seiner Rennbrille zeigt ihm, was die Kamera seiner Drohne einfängt. «First Person View» heisst das – und fühlt sich an, als sässe man im Cockpit.

Joris Zahnd, einer der Organisatoren der Swiss Drone League, schwärmt von der «Formel E der Lüfte». Er ist der Marketingmann der jungen Liga, die in Winterthur in ihre zweite Saison startet – jahrelang hatte er das fürs Tennisturnier Swiss Indoors in Basel getan. Schon im ersten Jahr gelang es der Drohnen-Liga, potente Sponsoren zu gewinnen: Eines der Hindernisse in der Arena ist das Dreieckslogo einer grossen Versicherung.

«Wir sind ein Start-up»

Über 80000 Zuschauer verfolgten die drei Rennen der ersten Saison, sagt Zahnd. Das ist ein bisschen getrickst: Alle Anlässe fanden während grösserer Messen wie des Comptoir Suisse in Lausanne oder der Automesse in St. Gallen statt – Laufkundschaft garantiert. Winterthurer ist also auch ein Testballon: der erste Anlass ohne Rahmenprogramm. «Wir erwarten 10 bis 1000 Zuschauer», sagt Zahnd und grinst – schwer einzuschätzen, trotz Gratiseintritt.

Mehr Zaungäste erwartet Zahnd im Online-Stream: Über 100000 Aufrufe hatten die Rennen letztes Jahr insgesamt. «Zehn Jahre brauchte E-Sports, bis es sich etablierte», sagt Zahnd. «Das möchten wir in drei Jahren schaffen. Noch sind wir aber ein Start-up.»

In den Katakomben, wo sonst der Medienraum ist, befindet sich auf langen Tischreihen die «Boxengasse». Hier basteln die 40 Piloten an ihren Fluggeräten. Damian Kobler, Pilotenname Dako FPV, ist mit dem Zug aus St. Gallen angereist. Seine Ausrüstung hat der 17-jährige Automatikerlehrling in einem Rollkoffer transportiert. Gleich drei identische Drohnen hat er dabei. «In meinem ersten Rennen auf der Automesse bin ich etwas zu oft gecrasht. Diesmal möchte ich vorbereitet sein.»

500 Franken pro Drohne

Etwa 500 Franken kostet eine Renndrohne, welche die Piloten nach eigenen Vorlieben aus Einzelteilen zusammenbauen, weitere 500 Franken die Brille und etwa 300 Franken die Fernbedienung. «Gar nicht so teuer für ein Wettkampfgerät», findet Michel Hauser aus Aesch BL. Er hat dreissig Jahre Modellbauerfahrung. Diese bringe ihm bei den Drohnenrennen allerdings wenig. «Ich fliege im hinteren Mittelfeld», sagt der 46-Jährige, der hier zu den Ältesten gehört. «Um vorne mitzufliegen, trainiere ich zu wenig.» Damian Kobler hingegen ist fast jeden Abend draussen und fliegt Kurven um Bäume und Laternen.

Samstagnacht um halb zehn endet der Final – Yanick Glauser alias Downwind gewinnt. Zahnd schätzt, dass im Verlauf der zwei Tage etwa 2000 Besucher vorbeigeschaut hätten, in der Spitze 300. Für die Win4-Crew beginnt eine kurze Nacht: Am Sonntagmittag wird hier wieder Handball gespielt, dann müssen Hindernisse, Netze und der extra verlegte Schutzboden demontiert sein.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.05.2019, 16:33 Uhr

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