Recycling

«Pyromanenlobby verunsichert weiterhin»

An der Frage, ob Kunststoffabfälle aus Haushalten wiederverwertet werden sollen, scheiden sich die Geister. Auch der Tonfall in der Diskussion ist gehässig. Der Grund: Eine Sammelfirma benötigt mehr Abfälle, um eine Sortieranlage zu bauen.

Der Gang zum Sammelcontainer: Kunststoffabfälle sammeln – sinnvoll oder nicht?

Der Gang zum Sammelcontainer: Kunststoffabfälle sammeln – sinnvoll oder nicht? Bild: Marc Dahinden

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Das vermehrte Sammeln und Wiederverwerten von Kunststoff konkurrenziere die Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) nicht. Dieser Meinung sind die KVA-Vertreter («Landbote» vom 16. August). Dies, obwohl der aus Erdöl hergestellte Plastik ein ergiebiger Brennstoff für die KVA ist, aus dem Energie in Form von Strom und Wärme gewonnen wird. Doch für eine echte Konkurrenz zwischen Kunststoffsammlern und KVA ist die gesammelte Menge schlicht zu klein.Und genau das möchte zum Beispiel die Thurgauer Inno Recycling AG ändern. Sie möchte also gleichsam mehr vom Kunststoff-Kuchen, dessen grösster Teil bislang in den KVA verbrannt wird. Entsprechend wenig gelassen ist das Vokabular der Firma.

Gehässiges Vokabular

So möchte nämlich Inno Recycling eine eigene Sortieranlage in der Region bauen. Damit müssten die gesammelten Kunststoffabfälle nicht mehr in Österreich oder Deutschland sortiert werden. Markus Tonner, Geschäftsführer der Recyclingfirma, rechnet damit, dass diese Anlage in zwei Jahren in Betrieb gehen kann. «Verunsichert aber die Pyromanenlobby weiterhin mit Halbwahrheiten die Konsumenten, kann es noch etwas länger dauern», schreibt Tonner. Mit Pyromanen meint er die KVA, die den Kunststoff zur Wärme- oder Stromerzeugung verbrennen. Ein Pyromane meint eigentlich eine Person mit dem krankhaften Trieb, Brände zu legen und sich beim Anblick des Feuers zu erregen.

Laut Tonner kostet die geplante «topmoderne Sortieranlage» rund 16 Millionen Franken. Um diese Investitionskosten tragen zu können, «benötigen wir eine Mindestauslastung von 10 000 Tonnen Kunststoff pro Jahr». Aktuell würden in der Schweiz aber gerade einmal knapp 5000 Tonnen Haushaltskunststoffe gesammelt. Doch Tonner sieht es positiv: «Wir sind somit bereits auf halbem Weg.» Und wenn die Politik seinem Unternehmen «etwas gut gesinnt» sei und sich die Mengen weiterhin positiv entwickeln, dürfte das 2-Jahres-Ziel erreicht werden.

Laut Tonner sieht ein Teil der KVA es mittlerweile gelassen, wenn Kunststoffmengen abfliessen. Trotzdem gebe es immer noch den «eklatanten Interessenskonflikt zwischen den KVA und der privaten Recyclingindustrie, die im Kunststoffabfall einen wichtigen Rohstoff erkannt hat». Die KVA verdienten ihr Geld damit, «indem sie den Kunststoff verbrennen».

«Satte 258 Kilometer»

Tonner präzisiert auf Nachfrage, was er mit «Halbwahrheiten» der KVA-Lobby meint. So behaupte diese etwa, dass sich über 70 Prozent des Haushaltkunststoffs gar nicht wiederverwerten liessen, sondern verbrannt werden. Er entgegnet, dass das Recycling-Potenzial bei 60 bis 67 Prozent liege «und nicht wie vorgegaukelt bei nur 30 Prozent». Mitte Juli wurde eine Studie veröffentlicht, die das Sammeln von Haushaltskunststoff als ökologisch wenig sinnvoll und teuer kritisierte («Landbote» vom 7. August). So entspreche der ökologische Nutzen des Kunststoffsammelns pro Person und Jahr etwa der Einsparung einer Autofahrt von 30 Kilometern. Dem widerspricht Tonner: Dieser Nutzen gemessen in Kohlendioxid-Einsparung betrage nicht 30, «sondern satte 258 Kilometer».

«Grosse Verwirrung»

«Zurzeit herrscht grosse Verwirrung rund um die Sammlung von Kunststoffen aus Haushalten», schreibt die Umweltschutzorganisation Pusch (Praktischer Umweltschutz) in ihrem Positionspapier. Grund dafür seien «widersprüchliche Informationen verschiedener Marktplayer». Pusch aber setze sich für eine «faktenbasierte Diskussion» ein. Und die Fakten «lassen keine Zweifel offen: Kunststoffe sollten aus Umweltsicht separat gesammelt und wenn immer möglich stofflich verwertet werden». Mit einer flächendeckenden Einführung der Kunststoffsammlung könne der Ausstoss an Treibhausgasen in der Schweiz um bis zu 262 800 Tonnen Kohlendioxid reduziert werden. «Aus der Sicht von Pusch gibt es keinen triftigen Grund, die Bevölkerung daran zu hindern, freiwillig einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten.»

(Der Landbote)

Erstellt: 24.08.2017, 16:53 Uhr

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