Winterthur

Sommerkapriolen auf dem Platz vor den Archhöfen

Der witzig-schrille Minipark auf dem Platz vor den Archhöfen wird vom Publikum enthusiastisch genutzt. Offensichtlich entspricht er einem Bedürfnis. Doch die Stadt will dort keinen Dauerevent.

Ihnen sind die Kontroversen wohl wurscht Zwei Buben spielen in der Archhöfe-«Parkinszenierung» im kühlen Sand.

Ihnen sind die Kontroversen wohl wurscht Zwei Buben spielen in der Archhöfe-«Parkinszenierung» im kühlen Sand. Bild: Nathalie Guinand

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Es muss schon eine höllisch gute Idee sein, die einen Platz zumindest bis Ende August an einerhöllischen Verkehrsader wie der Zürcherstrasse in eine leicht schrille Oase der Entspannung verwandelt. Noch nie zuvor ist der öffentliche Platz vor der mächtigen Fassade der Archhöfe in einem so attraktiven, publikumswirksamen Ambiente erschienen. Praktischer Nutzen und der Zauber einer schrägen räumlichen Intervention passen da präzise zueinander.Im Auftrag der Wincasa AG, der das Betriebsmanagement der Archhöfe obliegt, hat ein Team aus Kunstrasenspezialisten und Holzbauleuten einen höchst künstlichen, temporären kleinen Park aufgebaut. Das knallig grüne, bis zum Bahnhofplatz ausstrahlende Spektakel besteht aus vier Inseln mit unterschiedlichen Themen: Zwei sind für die Kinder mit Planschbecken beziehungsweise Sandkasten ausgestattet, während für die Erwachsenen zwei Bühnen mit Platz für Liegestühle, Sitzbänke und Sonnenschirme eingerichtet wurden.

Eine Miniaturlichtung aus Büschen und Zwergbäumen simuliert die Harmonie von Kleinarkadien. Und gleichzeitig sticht die farbliche Dissonanz des Kunstrasens ins Auge, der konsequent über die Holzkonstruktion gezogen wurde und so den Podesten einen skulpturalen Anstrich verleiht.

Artifizieller Sommerplausch

Diese einzigartige Verbindung von Brauchbarkeit und theatralischer Aussenraum-Inszenierung sprengt den Rahmen des lokal Üblichen. Die hiesige Praxis neigt eher zur sedierenden Ruhe, ist der surrealistischen Verfremdungspraxis weniger zugeneigt. Laut Mediensprecher Peter Gull von der Stadtpolizei gehört der Vorplatz der Archhöfe nicht zu den offiziellen Stand- und Eventplätzen der Stadt Winterthur.

Dennoch bewilligt die Gewerbepolizei dort, nach Überprüfung des Gesuches, nicht kommerzielle Veranstaltungen. «Grundsätzlich ist der Platz für ein ruhiges Verweilen gedacht und soll nicht überbelegt oder -beansprucht werden. In der Vergangenheit hat sich das sehr gut bewährt», präzisiert Gull. Genau ans Verweilen dachte das Projektteam. Doch Marco Erb von der Firma Kunstrasenprofi Schweiz AG liess sich durch die Spielfreude seiner Tochter zusätzlich zu den beiden Kinderspielplatzstationen inspirieren. Sicherheitserfordernisse wie Höhe der Podeste und Tiefe des Planschbeckens mussten dabei ebenso bedacht werden wie die Robustheit des Kunstrasens. «Mit dem knallgrünen Kunstrasen wollten wir das Artifizielle des Projektes hervorheben, mit den Sträuchern und Bäumen ein kleines Stück Natur in die Mitte der Stadt bringen», erklärt Erb. «Allerdings hätten wir das kleine Wunder ohne die rasche und kompetente Realisierung der Holzkonstruktionen durch die Firma Zehnder Holzbau in dieser kurzen Zeit nicht geschafft», räumt Erb ein.

Für die Sicherheit und den Unterhalt der temporären Anlage sind Angestellte der Archhöfe besorgt. Sie stellen auch die Sonnenschirme und Liegestühle auf und bringen sie bei Regen und abends wieder ins Trockene. «Der Minipark ist vom Publikum seit der Eröffnung sehr gut angenommen worden», stellt Erb zufrieden fest. Er ist auch erleichtert, dass anfängliche Befürchtungen wegen Vandalismus sich nicht bewahrheitet haben.

Das Wagnis und Experiment kosten den Steuerzahler nichts. «Beim Aufbau haben Passanten gemault, dass man für eine solche Aktion Steuergelder verpulvere», erinnert sich Erb. Stefan Stieger, Centerleiter bei Wincasa, beziffert die Kosten in einem angemessenen Rahmen. Immerhin erhält das Publikum eine Leistung dank dieser privaten Imagewerbung auf öffentlichem Grund, gibt er zu bedenken.

Wohlwollen und Skepsis

Wie beurteilen die Fachleute diese sommerliche «Folly» vis-à-vis dem Busbahnhof aus einer übergeordneten Sicht? Stadtbaumeister Michael Hauser schätzt zwei Aspekte. «Die Intervention weckt bei mir Feriengefühle und sie ermöglicht, den Platz neu zu lesen, eben als einen temporären Minipark.» Doch gibt er auch zu bedenken, dass ein Platz zwischendurch zur Ruhe kommen muss. «Wir müssen den richtigen Rhythmus zwischen Aktion und Pause finden.» Ein dauerndes Eventfeuerwerk fände Hauser problematisch. Hingegen sei es wichtig, dass die Bespielung öffentlicher Plätze überhaupt thematisiert werde.

Vom mit vielen Preisen ausgezeichneten Landschaftsarchitekten Matthias Krebs vom Büro Rotzler Krebs Partner ist der Vorbehalt zu hören, dass es sich in erster Linie um eine Werbeaktion handle. «Aus meiner Sicht geht es nicht um eine künstlerische oder städtebauliche Auseinandersetzung mit der Thematik von Park und Platz in diesem Umfeld», gibt Krebs zu bedenken. Das Schrille gehöre zur Promotion der Archhöfe, die Ironien seien eher zufällig, meint Krebs, der auf das Werk der amerikanischen Landschaftsarchitektin Martha Schwartz aufmerksam macht. Auch sie braucht in ihren Projekten künstlichen Rasen, aber dort ist das Artifizielle Teil einer kritischen Auseinandersetzung. «Das aber ist bei den Archhöfen nicht der Fall», zerzaust Krebs die Parkinszenierung. Die Organisation lag in den Händen der Bülacher Werbeagentur RUF ASW AG, die das Werbeportfolio der Archhöfe betreut.

Wie im Stadtgarten

Solche Kontroversen sind den Nutzern und Nutzerinnen der Temporäridylle ziemlich wurscht. Das erbrachte eine Kurzumfrage am letzten frühen Donnerstagabend. Die Sonne schien, einige räkelten sich in den Liegestühlen im Schatten der eingetopften Bäumchen oder Sonnenschirme, eine Gruppe Jugendlicher war mit Fastfood beschäftigt, eine Frau rauchte zufrieden ihre Zigarette, während zwei Freundinnen beim Sandkasten am Plaudern waren, derweil ein Mann es sich im Liegestuhl bequem gemacht hatte und auf seine Frau wartete, die auf derSuche nach einem Sommerkleid war. Niemand nahm Notiz vom Verkehr. Die Stimmung war, als wäre man im abgeschirmten Stadtgarten. Auf die Frage, wie man das neue Archhöfe-Angebot beurteile, war einhellige Begeisterung die Antwort. Ursula Ruckstuhl fand die Park-Idee so nahe beim Bahnhof einfach «irrsinnig» und lobte die Designer fürihre Fantasie. Der Schüler Joey Thomann konnte nicht fassen, dass die Anlage Ende August wieder entfernt wird. «Es ist doch ein Treffpunkt für alle geworden», klagte er stellvertretend für seine Kollegen. Und Anja Grütter bedauert, dass es nicht mehr solche entspannenden Zonen gibt. «Ich hoffe, dass es hier im Winter eine Eisbahn gibt», gab sie gleich als Wunsch an die Adresse des Archhöfe-Managements mit. Da sind Geister geweckt worden.

Erstellt: 02.08.2016, 17:01 Uhr

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