Cup

Viel Qualität und ein bisschen Glück

Eine Stunde lang in Überzahl erkämpfte sich der FCW einen durchaus verdienten 2:0-Sieg gegen den FC St. Gallen aus der Super League. Der Lohn ist ein Platz in den Cup-Achtelfinals.

Die endgültige Entscheidung auf der Schützenwiese: Die FCW-Spieler bejubeln das 2:0 von Nuno Da Silva in der 93. Minute.

Die endgültige Entscheidung auf der Schützenwiese: Die FCW-Spieler bejubeln das 2:0 von Nuno Da Silva in der 93. Minute. Bild: Freshfocus

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Zum fünften Mal in diesem Jahrtausend hat der FCW einen Gegner aus der Super League aus dem Cup geworfen. Mal musste der damalige Super-League-Leader Lugano geschlagen heim, mal waren es die Grasshoppers und zuletzt zweimal die Young Boys, vor zweieinhalb Jahren gar im eigenen Stadion. Diesmal sahen 8000 Zuschauer auf der Schützenwiese eine starke Leistung des FCW, die den Sieg durchaus rechtfertigte. Denn erstmals wieder seit dem Startmatch gegen den FC Aarau, der dennoch nicht gewonnen werden konnte, zeigten die Winterthurer, dass mehr in der Mannschaft steckt als sie in den letzten Wochen zeigten – auch wegen Verletzungen.

Davide Callà, ihr Captain Nummer 1, fehlte wegen einer Wadenverletzung auch gestern noch, dazu der erkrankte Captain Nummer 2, Luca Radice. Dennoch war der FCW von Anfang an zu einer Vorstellung bereit, die erkennen liess, dass er an seine Chance glaubt gegen diesen FC St. Gallen, der zwar zum Mittelfeld der Super League gehören mag, aber gewiss nicht ausser Reichweite eines FCW in guter Tagesform war.

Der Platzverweis

Die Ostschweizer begannen eine Spur stärker, aber allmählich kam der FCW so ins Spiel wie gewünscht, wurde er zu einem gleichwertigen Gegner. In der 20. Minute war deshalb schon die erste Klare Chance des Aussenseiters zu sehen. Anas Mahamid bereitete sie vor, Luka Sliskovic schoss, Jonathan Klinsmann wehrte mit dem Fuss ab.

Die Szene, die für den weiteren Verlauf des Spiels massgeblicher war als jede andere, spielte sich nach einer halben Stunde an. Mahamid lancierte mit einem brillanten Steilpass Roman Buess; der kam vor Klinsmann an den Ball; Buess flog durch die Luft, der Schiedsrichter zeigte dem Goalie die Rote Karte, der FCW hatte – mindestens eine Stunde in Überzahl vor sich. Es war schwierig auszumachen, ob Klinsmann Buess tatsächlich erwischt hatte. Die Fernsehbilder lieferten keine klare Antwort, und die war auch von Buess nicht wirklich zu hören: «Es war knapp», sagte der Basler, der vor einem Jahr noch ein St. Galler war, hinterher. Klar war, hatte der Schiedsrichter einen Kontakt gesehen, musste er Rot zeigen.

Da kamen natürlich die Erinnerungen auf ans Spiel des FCW vor kurzem gegen die Grasshoppers, als sie ebenfalls nach einer halben Stunde in den Genuss einer Überzahl kamen und sie nur sehr beschränkt ausnutzten. Sie büssten nämlich zweimal einen Vorsprung ein. Gestern wars nicht so, gestern reichte dem FCW ein Rückstand. Das lag nicht daran, dass der FC St. Gallen der schwächere Gegner gewesen wäre als ehedem die Grasshoppers. Es lag daran, dass der FCW die bessere Tagesform ausspielte, kämpferisch wie spielerisch.

Erstmals trifft Mahamid

Noch Sekunden vor der Pause hatten die Winterthurer das Glück, dass ein wohl als Flanke gedachter Ball des Spaniers Jordi Quintilla an die Lattenunterkante und von dort vor die Torlinie prallte. Es war ein Zeichen, dass die St. Galler in Unterzahl nicht schwächer zu sein brauchte. Aber in der 48. Minute kassierten sie den zweiten Rückschlag, den sie dann – wie sich herausstellen sollte – nicht mehr wettmachen konnten. Zuerst leitete Gabriel Isik als Rechtsverteidiger eine aufwendige und starke Vorarbeit auf der Flanke; sein Pass erreichte Mahamid, und der hatte Zeit und Raum, den Ball von der Strafraumecke in die weitere Torecke zu schieben. Der Schuss des Israelis war sehr präzis, aber nicht sehr scharf. Man hatte jedenfalls nicht den Eindruck, der Ball sein unhaltbar gewesen.

Fortan sprachen alle Vorteile für die Winterthurer. Zeitweise spielten sie diese gekonnt aus. Sie liessen den Ball zirkulieren und die St. Galler laufen. Aber die Ostschweizer waren doch fähig, die eine oder andere Chance herauszuspielen. Da traf es sich gut, dass FCW-Torhüter Raphael Spiegel zweimal gut reagierte, vor allem auf einen Ball Nicolas Hunzikers unter die Latte. Aber Hunziker schloss auch mal schlecht ab, und ein andermal – es war schon in der 90. Minute – hatte der in den Sturm geschickte Abwehrroutinier Milan Vilotic nicht Übersicht und Können, einen Ball ins Tor zu schieben, den Spiegel nicht hatte festhalten konnte.

Es war die letzte Chance der St. Galler auf eine Wende. Denn nach zweieinhalb Minuten der Nachspielzeit war der Match definitiv entschieden – für den FCW. Buess und – vor allem – Luka Sliskovic mit einem starken Dribbling leisteten die Vorarbeit. Der in der Endphase eingewechselte Nuno Da Silva brauchte den Ball nur noch über die Linie zu schieben. «Das sind manchmal die schönsten Tore», schmunzelte der Berner Oberländer hinterher – die «einfachen» eben.

Umstellungen gingen auf

Fussball-Winterthur jubelte, die St. Galler zogen geschlagen von dannen. «Das tut weh», sagte Präsident Matthias Hüppi, «wir hatten unsere Chancen, aber wir nutzten sie nicht.» Die Saison der Winterthurer erreichte nach schwierigen Wochen in der Meisterschaft einen ersten Höhepunkt. «Es war ein verdienter Sieg», sagte Ralf Loose der Trainer mit – unglücklicher – St. Galler Vergangenheit danach als erstes. «Wir haben uns viele Dinge erarbeitet. Die Rote Karte war gerechtfertigt und kämpferisch war das von allen eine Topleistung.» Dass es zu einem solchen Sieg auch eine Spur Glück braucht und die eine oder andere Parade des Torhüters, versteht sich.

Wichtiger war, zumal für den Trainer, aber, dass seine Änderungen aufgegangen waren. Man kann sagen, sie hätten nahegelegen, weil die letzten Spiele gezeigt hatten, dass die Besetzung des Mittelfelds mit der Doppelsechs Ousmane Doumbia/Gjelbrim Taipi nicht rund aufgegangen war. Also stellte Loose einen klaren Defensivspieler an die Seite Doumbias, nämlich Granit Lekaj. Dafür liess er Taipi eine Reihe aufrücken. Die Flügelspieler hiessen nicht Radice und Nuno, sondern Sliskovic und Mahamid. Und ins Abwehrzentrum kehrte Mario Bühler zurück, dafür verteidigte Isik rechts.

«Ich war, vielleicht mit einer Ausnahme, erstmals Sechser», sagte Lekaj, «und am Anfang musste ich die Position finden.» Und er tat es, in der zweiten Halbzeit gewann er viele Bälle, spielte er sie einfach weiter. Es standen also zwei Sechser in der Doppelsechs und nicht ein Sechser und ein Achter (oder gar Zehner). Das ist eine beruhigende Feststellung für den Trainer. Das gilt aber auch für den Fakt, dass er erstmals seit ein paar Wochen wieder ins Abwehrzentrum gestellte Bühler neben Chef Sead Hajrovic einen so guten Match machte, dass er die nach dem 0:6 gegen Lausanne um ihn aufgekommenen Diskussionen wieder erstickte. Bühler ist ein guter Innenverteidiger. Punkt.

Taipi fühlte sich in offensiver Rolle beser als in defensiver; Sliskovic kann seine Qualitäten auch mal auf der Flanke entfalten; und Sturmspitzer Buess machte einen ganz starken Match – auch wenn er später sagen sollte: «Mit der ersten Halbzeit war ich nicht ganz zufrieden.» Aber sein Spiel ist das einer mannschaftsdienlichen Sturmspitze. Und dann war da noch Anas Muhamid, der mit 21 Jahren jüngere der beiden FCW-Israelis. Er erhielt im achten Pflichtspiel der Saison seine erste Chance von Beginn weg. Und er nutzte sie insofern, als er die erste grosse Chance vorbereitete, dann den starken Pass zur Platzverweis-Szene spielte und schliesslich mit dem ersten Tor. Er bestätigte damit, dass sich seine und Mido Bdarneys Verpflichtungen auszahlen können. Allerdings hatte er, mit zunehmender Spielzeit, auch Szenen, in denen er sich zu viel zumutete und den Ball verlor.

«Im Mittelfeld ging es besser auch», folgerte schliesslich auch Trainer Loose. «Wir haben gezeigt, dass mit dieser Mannschaft einiges drin liegt.» Er war ja nur schon begeistert, «auf den Platz zu kommen und 8000 Zuschauer zu sehen.» Und ganz am Ende erledigte auch noch der Captain seine Pflicht: Davide Callà holte in der Libero-Bar die Kiste Bier, die sich seine Kollegen in der Tat verdient hatten.

Erstellt: 13.09.2019, 23:57 Uhr

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FC Winterthur – FC St. Gallen 2:0 (0:0)
Schützenwiese. – 8000 Zuschauer. – SR Hänni. – Tore: 48. Mahamid 1:0. 93. Nuno Da Silva 2:0. – FCW: Spiegel; Isik, Bühler, Hajrovic, Schättin; Doumbia, Lekaj; Sliskovic, Taipi (74. Bdarney), Mahamid (79. Nuno Da Silva); Buess. – St. Gallen: Klinsmann; Hefti, Stergiou, Rüfli (77. Muheim); Görtler, Quintilla, Costanzo (67. Babic); Itten, Guillemenot (32. Stojanovic), Ruiz. – Bemerkungen: FCW ohne Callà (verletzt), Radice (krank), Liechti (nicht im Aufgebot), Hamdiu und Roth (im Aufbau). – St. Gallen ohne Bakayoko, Letard, Lüchinger (verletzt), Demirovic, Ribeiro (noch nicht qualifiziert) und Wiss (nicht im Aufgebot); nach Klinsmanns Platzverweis der eingewechselte Stojanovic im Tor. – 45. Flankenball Quintillas an die Lattenunterkante. – Platzverweis: 32. Klinsmann (Notbremse). – Verwarnungen: 77. Rüfli (Foul). 63. Spiegel (Unsportlichkeit).

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