Buchberg/Embrach

Weniger kann auch mehr sein

Kevin Rechsteiner reduziert seine Wohnfläche um 90 Prozent. Er möchte Ballast abwerfen um mehr Lebensqualität zu gewinnen. Es ist ein Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen.

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Der russische Autor Leo Tolstoi stellte sich in einer Erzählung der Frage: «Wie viel Erde braucht der Mensch?» – am Ende des Lebens genügt ein Quadratmeter. Kevin Rechsteiner aus Embrach befasste sich mit einer ganz ähnliche Frage: «Wie viel Wohnfläche brauche ich?» Er ist überzeugt, dass er nicht mehr als 20 Quadratmeter zum Wohnen braucht.

Den Anstoss zu dieser Erkenntnis erhielt der 35-Jährige auf einer Reise durch die USA. Dort merkte er während des Umherziehens in einem VW-Bus, dass all die Möbel und Dinge in seiner Loft in Freienstein-Teufen, mit 180 Quadratmetern Wohnfläche, zum Glücklichsein eigentlich gar nicht nötig sind. Kam hinzu, dass seine Frau nach dem Abschluss ihrer Doktorarbeit für eine Projektarbeit nach Norwegen reiste. Vorgesehen war ein Aufenthalt von eineinhalb Jahren. Der sich unterdessen aber in die Länge zieht.

Wohnwagen vom Zirkus

Rechsteiner entschied sich, seine Wohnsituation radikal zu verändern: «Meine jetzige Wohnung ist viel zu gross, ich lebe in einer Turnhalle.» Durch Zufall erhielt er die Möglichkeit, einen Wohnwagen des Zirkus Pipistrello zu kaufen. Vor einem Jahr begann er mit dem Ausbau seiner neuen «Wohnung».

Bis auf das Gerippe riss er alles heraus. Zuerst aber gab es das wichtigste Problem zu lösen: Wohin mit dem Vehikel? Dank einer guten Beziehung zur befreundeten Familie Susanne und Markus Simmler auf dem Lindenhof in Buchberg, durfte Kevin Rechsteiner dort den Wohnwagen neben einer Gerätescheune stationieren.

Das Anschliessen ans Wasser- und Kanalisationsnetz des Landwirtschaftsbetriebs war Knochenarbeit. Es galt, ein Graben mit einer Tiefe von 1,2 Meter auszuheben. Dafür ist elektrischer Strom im Überfluss vorhanden. Die Dächer der Scheune, des Stalls mit 25 Mutterkühen und des Wohnhauses der Familie Simmler sind mit Solarpanels belegt. Aber nicht nur die Dächer des Lindenhofs sind ausserordentlich.

Neben der Viehhaltung pflegen die Simmlers mehr als zwei Hektaren Reben. Den Wein können Gäste in der Besenbeiz, zusammen mit Fleisch vom Hof und anderen lokalen Produkten, geniessen. Und im Mai eröffnen die sie einen Hofladen. Ihr Lindenhof ist ein kleines Paradies in der Rheinschlaufe rund um Buchberg.

Bis jetzt läuft alles nach Plan

«Schief gelaufen ist bisher eigentlich noch nichts», freut sich Kevin Rechsteiner über den Verlauf seiner Umbauarbeiten. Dazu haben Firmen aus dem Embrachertal beigetragen, die ihm mit Ratschlägen unterstützten und das richtige Material lieferten. Rechtlich ist noch nicht alles geklärt.

Die Gemeinde Buchberg lässt vom Kanton noch prüfen, ob eine Bewilligung für die Stationierung des Wohnwagens zu erteilen sei. In der Schweiz gibt es bisher kein offizielles Projekt eines sogenannten «Tiny Houses», ausser auf Campingplätzen. Der 35-jährige Rechsteiner, eigener Unternehmer im IT-Bereich, ist aber zuversichtlich, dass er diese Bewilligung erhält.

In den nächsten Wochen wird die Küche angeliefert und die Dusche eingebaut. Das Tiny House isolierte Rechsteiner mit Holz- und Schafwolle. Die Heizung funktioniert bereits, ein elektrischer Heizkörper und ein Holzofen liefern Wärme. Auf die Frage, wann er einziehen werde, lacht er: «Wenn es fertig ist.» Er hofft, dass es in zwei Monaten soweit sein wird.

Die Kosten für den gesamten Umbau liegen zwischen dreissig- bis vierzigtausend Franken. Und Kevin Rechsteiner weiss, dass er die Situation neu beurteilen muss, wenn seine Frau aus Norwegen zurückkehrt. Denn für zwei Personen genügt die Wohnfläche des aufgebockten Wohnwagens beim Lindenhof eindeutig nicht. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 18.04.2017, 14:56 Uhr

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