Rassismus

Wenn Schweizer diskriminiert werden

Fussballspieler des FC Schlieren schildern, wie sie Rassismus ­erleben. Mit Fremdenhass sind sie alle konfrontiert, egal ob sie Schweizer sind oder Ausländer, die hier aufwuchsen.

Schweiz oder Kosovo: Auf Shaqiris Schuhen prangen die Wappen seiner beiden Nationalitäten.

Schweiz oder Kosovo: Auf Shaqiris Schuhen prangen die Wappen seiner beiden Nationalitäten. Bild: Reuters

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Vom Gros der Schweizer Bevölkerung werden die Ausländer gut akzeptiert, wenn sie sich denn auch integrieren, so die landläufige Meinung. Mitte Dezember veröffentlichte die eidgenössische Kommission gegen Rassismus nun ein Bulletin, in dem sie aber darlegt, dass selbst ein Schweizer Pass, sozusagen die Integration auf dem Papier, nicht vor Rassismus schützt. «Man kann von der Integration nicht alles erwarten. Stereotype halten sich hartnäckig, ohne Rücksicht auf Nationalitäten oder den Stand der Integration», sagt Martine Brunschwig Graf, Leiterin der Kommission.

Klischees und Vorurteile führen dazu, dass insbesondere Leute, denen man die Andersartigkeit an der Hautfarbe oder Kleidung ansieht, beschimpft werden. «Schwarze Menschen, Sinti, Roma, Jenische, aber auch Juden sowie Muslime erfahren Rassistische Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Lebensweise», sagt Brunschwig Graf.

Sie ist überzeugt: Es muss eine politische Strategie her. Diese kann die Bevölkerung sensibilisieren, damit sie versteht, was Diskriminierung bedeutet. Lehrer sollten beispielsweise bereits in ihrer Ausbildung lernen, wie sie einen wertschätzenden Umgang mit der Heterogenität der Menschen pflegen.

Zwischen Scherz und Straftat

Oft bestehe ein schmaler Grat zwischen einem schlechten Scherz und einer strafbaren rassistischen Aussage. Dass es in der Schweiz kein Rassismusgesetz gibt, macht es nur noch schwieriger, Betroffene zu schützen. Überdies sind die Beweise für einen rassistischen Vorfall oft schwer zu erbringen. «Deshalb rate ich allen Betroffenen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden», sagt Brunschwig Graf.

In vielen Fällen hätten die Opfer aber Hemmungen sich zu beklagen. So sei es auch zu erklären, dass viele Täter ungeschoren davonkommen. Das heisst, vielfach sind die Betroffenen auf die Hilfe von Zeugen angewiesen. «Schweigen ist auf alle Fälle die schlechteste Reaktion», sagt Brunschwig Graf. Rassistische Äusserungen wegzulachen ist genauso wenig hilfreich, wie sie mit dem Ruf nach Meinungsfreiheit zu zementieren.

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus unterscheidet zwischen rassistischen Handlungen und rassistischen Ansichten. Da das Amt keine nationalen Zahlen erhebt, ist es schwierig internationale Vergleiche zu ziehen. Doch Brunschwig Graf geht davon aus, dass die Zahl in den letzten Jahren relativ konstant blieb. Dazu beigetragen hat, dass sich der Schweizer Staat klar gegen Rassismus ausspricht.

«Leider ist dies beispielsweise in den USA, in Brasilien oder Ungarn nicht so.» Die politischen Parolen spielen für Brunschwig Graf eine besonders wichtige Rolle, wenn es um die Rassismusbekämpfung geht.

In den letzten Jahren verlagerte sich die Hetze zunehmend ins Internet. Dort fühlen sich die Täter geschützt und schreiben Dinge, die sie den Betroffenen nie ins Gesicht sagen würden. Zudem konnte die Kommission einen Zusammenhang zwischen rassistischen Geschehnissen und internationalen Ereignissen feststellen.

«Zum Beispiel provozierte der islamische Terrorismus einerseits mehr Feindseligkeit gegenüber Muslimen und andererseits führten die Spannungen im Nahen Osten zu mehr antisemitischen Vorfällen in der Schweiz», sagt Brunschwig Graf.

«Der islamische Terrorismus provozierte mehr Feindseligkeit gegenüber Muslimen»Martine Brunschwig Graf, Leiterin eidgenössisches Kommission gegen Rassismus

Wenn auch die Politik als Bindeglied manchmal versagt, heisst es oft, dass Sport die Nationen verbindet. Dem kann Brunschwig Graf nur bedingt zustimmen. Wohl können gemeinsame Erfahrungen die Sportler verbinden, doch andererseits ist der Sportplatz auch ein Ort, an dem es zu rassistischen Ausschreitungen kommen könnte.

Damit die Schweizer Sportplätze Orte sind, welche die Leute wirklich verbinden, braucht es eine Gesellschaft, die Menschen nicht aufgrund ihrem Äusseren oder ihrer religiösen Haltung verurteilt. «Da sind wiederum Leiter und Trainer gefragt, die auf rassistische Handlungen reagieren und präventive Massnahmen ergreifen», sagt Brunschwig Graf.

Ortsunabhängiger Rassismus

Fremdenhass ist an Orten mit vielen Ausländern genau dasselbe Problem wie an Orten mit geringem Anteil an Ausländern in der Bevölkerung. «Es ist erwiesen, dass kein direkter Link zwischen Rassismus und der Anzahl Ausländer an einem Ort besteht», so Brunschwig Graf. Die Herkunft sei nicht das zentrale Problem, sondern eher die Sensibilität der Leute.

Offensichtlich scheint es überdies auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausländern zu geben. Denn nicht alle werden als störend empfunden. An Expats haben sich viele Schweizer bereits gewohnt, während manche gegenüber Asylsuchenden aus Eritrea oder Malaysia Vorbehalte hegen.

So sind beispielsweise amerikanische Bräuche wie Black Friday, Halloween oder Valentinstag bereits feste Bestandteile in vielen Schweizer Agendas. Während sich dieselben Leute durch eine andere Religion, Hautfarbe oder Lebensweise gestört oder gar bedroht fühlen.

Gespräche mit Jugendlichen des FC Schlieren, in der Zürcher Gemeinde mit der höchsten Ausländerdichte (45,9 Prozent), zeigen, wie junge Sportler Rassismus erlebten und wie sie damit umgehen. (siehe Boxen rechts) ()

Erstellt: 11.01.2019, 13:50 Uhr

«Die Schweiz ist meine Heimat»

Kevin da Silva Saxer (17)

Kevin da Silva Saxer ist halb Schweizer, halb Brasilianer. In seiner zwölfköpfigen Schulklasse in Schlieren gehörte er zur Minderheit. Er war einer von drei Schweizern. Manchmal wurde er als «Scheiss Schweizer», manchmal als «Scheiss Ausländer» betitelt. Doch das nimmt der 17-Jährige mittlerweile gelassen.

Er betont: «Ich habe noch nie in einem anderen Land gelebt. Die Schweiz ist meine Heimat.» Was die anderen denken, ist ihm nicht mehr so wichtig. Er selbst fühle sich weder als Schweizer noch als Brasilianer. «Ich bin ein Mischling», sagt er von sich. Doch seine Toleranz hat eine Grenze: Ernstgemeinte, abschätzige Kommentare, findet er ein No-Go.

Doch das erlebte er auch schon. Beispielsweise dann, wenn er mit seinen dunkelhäutigen Freunden unterwegs war. Da wurden sie schon hin und wieder rassistisch beleidigt. «Eine Schweinerei», meint da Silva Saxer. Aus diesem Grund findet er auch, dass man in der Schweiz noch mehr über Rassismus reden sollte. «Ich finde, es sollten alle Menschen gleich behandelt werden, egal ob sie schwarz, weiss, gelb, blau oder violett sind», sagt er und lacht.

In der Schule in Schlieren hätten gemäss seiner Erfahrung alle dieselben Voraussetzungen gehabt. «Die Lehrer wussten, wie sie mit uns umgehen mussten, da wirklich fast alles Ausländer waren.» Auch eine Lehrstelle fand er ohne grössere Probleme. Anfangs wollte er Polymechaniker werden, doch das gefiel ihm nicht. Deshalb fing er die Lehre als Automonteur an. Bereits heute weiss er, dass er nach den drei Jahren eine Weiterbildung machen will. Falls es nicht passiert, dass er der zweite Neymar wird. «Noch besser zu werden als er, das wäre super», sagt da Silva Saxer und lacht.

Müsste er wählen, für welches Land er spielen wollte, würde er sich für die Schweiz entscheiden. Das ist jedoch kein emotionaler Entscheid. Da Silva Saxer sagt: «Man muss dorthin gehen, wo man mehr Chancen hat. Das wäre bei mir die Schweiz.» lyl

«Ohne Schoggi oder Käse geht es nicht»

Nico Perez (18)

Dichtes schwarzes Haar und dunkle Augen, die neugierig in die Welt schauen. Nico Perez gehört zu den Menschen, die, egal wo sie sind, Freunde um sich scharen. «Kaum sage ich meinen Namen, fangen die Leute an zu rätseln, ob ich aus Spanien oder Lateinamerika komme», sagt er in breitem Züritüütsch. Doch meist sei das nicht böse gemeint, fügt der 18-Jährige rasch hinzu. Schon gar nicht, wenn er sagt, dass er aus Italien komme. Das gebe ihm eher einen charmanten Pluspunkt.

Rassistische Äusserungen habe er auch schon erlebt. In der Berufsschule sei er nun der einzige Italiener. «Da fallen schon mal Worte wie Tschingg oder so», sagt er. Doch er nehme das seinen Kollegen nicht krumm.

Da sein Italienisch nicht ganz so flüssig ist wie das Schweizerdeutsch, das in gewählten Worten aus seinem Mund sprudelt, fühlt sich der der schweizerisch-italienische Doppelbürger eher als Schweizer.

Ist er im Ausland, vermisst Perez besonders das schweizerische Essen. «Ohne Schoggi oder Käse geht es nicht», sagt Perez. Seine Freunde sind hauptsächlich Schweizer. «Doch ich komme mit allen gut aus, wenn sie keine Probleme machen.» Das gelte für Schweizer und Ausländer. Für ihn seien nicht die Nationalität, sondern die Taten der Menschen aussagekräftig.

Perez’ offene Art hat ihm auch bei der Lehrstellensuche geholfen. Spätestens beim persönlichen Kontakt habe er seinen zukünftigen Chef ganz überzeugen können. Nun macht er eine Ausbildung als medizinischer Laborant im Kantonslabor in Schlieren. Daneben verbringt er so viele Stunden wie möglich auf dem Fussballplatz im Zelgli. Sein Traum wäre einmal beim FC Juventus mitzuspielen. Dort kickt auch sein Lieblingsfussballer Giorgio Chiellini. Mit ihm teilt Perez nicht nur die Nummer drei auf dem Trikot, sondern auch die Position als Verteidiger. Was von seiner freien Zeit noch übrig bleibt, nutzt Perez zum Fischen an Seen in der Schweiz oder in Italien. lyl

«Meine Freunde finden, ich sei der grösste schweizer»

Besnik Ramadani (35)

Seit 22 Jahren dreht sich mehr oder weniger alles im Leben Besnik Ramadanis um Fussball. Bis ins Teenageralter kickte er selbst, «doch dann machte ich meinen Fuss kaputt, seither bin ich nur noch Joker», sagt der 35-jährige Trainer. Mit dem havarierten Fuss begann seine Karriere neben dem Platz. Ramadani steht bereits seit zwölf Jahren als Trainer beim FC Zürich unter Vertrag. Seit einem Jahr trainiert er nun die erste Mannschaft des FC Schlieren in einem 20-Prozent-Pensum.

Der FCZ und der FC Schlieren unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Grösse, sondern vor allem in der Ausrichtung: «Im FCZ geht es um Ausbildung, im FC Schlieren um Resultate», sagt Ramadani. Das führt dazu, dass er vor einem Match des FC Schlieren jeweils kaum ansprechbar sei vor lauter Anspannung. «Verlieren, das kann er sehr schlecht», sagt Roberto Procopio, Co-Trainer der Herrenmannschaft. Während Ramadanis Zeit stieg der Club auf. Momentan spielt er in der zweiten Liga auf Platz 9 von 14. Doch Ramadani ist sich bewusst, dass Ränge eine fragile Sache sind. Die Stärke seines Teams sieht er darin, dass es eine sehr launische Gruppe sei. «Sie können mich in positiver und negativer Richtung überraschen.»

Rassismus und Vorurteile sind dem gebürtigen Mazedonier längst bekannt. Auch wenn er unter seinen Freunden als «der grösste Schweizer» bekannt sei, erlebe er immer wieder rassistische Äusserungen auf und neben dem Platz. Wie er darauf reagiere? «Mit einem Lächeln.» Ramadani ist sich bewusst, dass der FC Schlieren in den Köpfen der meisten Zuschauer bereits mit einem Nachteil startet.

Viele erwarten, schon bevor der Match startet, dass es zu Ausschreitungen kommt. Diesen «Gefallen» will Ramadani niemandem tun. Deshalb zählen für ihn nur Disziplin und Respekt. «Da kann ein Spieler noch so gut sein, wenn er Probleme macht, kann er nicht mitspielen», sagt er. Denn pöbelnde Spieler kann und will sich der FC Schlieren nicht leisten. lyl

«Ständig sagten sie: Neger hier, Neger mach das»

Rachid dos Santos Paulo (20)

Wenn man Rachid dos Santos Paulo auf dem Rasen sieht, kommt das Auge kaum nach. «Im Sprint ist Rachid nicht zu toppen», sagt sein Trainer. Der 20-Jährige spielt Fussball, seit er vier Jahre alt ist. Sein grosses Vorbild ist Cristiano Ronaldo. «Der hat sich nicht unterkriegen lassen und ist immer dran geblieben», sagt er. Einige Jahre kickte dos Santos Paulo in der Juniorenmannschaft des FC Zürich. Seit eineinhalb Jahren ist er nun beim FC Schlieren.

«Hier gibt es immer etwas zu lachen», sagt der Angolaner. Das Team ist gut und hat einen super Zusammenhalt. Für mich ist der FC Schlieren wie eine Familie», sagt er. Ganz anders sah es in anderen Bereichen seines Lebens aus: Nachdem er die obligatorischen Schuljahre hinter sich gebracht hatte, begann dos Santos Paulo eine Lehre als Montageelektriker. Doch nach einem halben Jahr brach er ab. «Ich konnte das einfach nicht mehr ertragen. Ständig sagten sie: Neger hier, Neger mach das.» Es sei ein Schock für ihn gewesen.
Während seiner Schulzeit sei er immer gut integriert gewesen und habe keine grösseren Probleme gehabt. Die Schikanen während der Lehre überstiegen seine Spannkraft. Nun hat er eine neue Lehrstelle gefunden und wird eine Lehre im Logistikbereich starten. Sein Bruder hat bereits den Schweizer Pass, nun will er ihn auch beantragen. «Den Test habe ich bereits gemacht und bestanden», sagt er.

Doch der Ausbildungsort ist nicht der einzige Ort, an dem dos Santos Paulo unter Beschuss geriet. Wenn er sich mit seinem blondierten Haarschopf und den verwaschenen Jeans in den Zug setzt, bekommt er Ablehnung in Wort und Blick zu spüren. «Manche Leute setzen sich einfach nicht neben mich und andere reden über mich, als ob ich gar nicht da wäre», sagt er. Obwohl dos Santos Paulo immer noch Mühe hat, die Gesten und Kommentare wegzustecken, ist er sicher: «In der Schweiz geht es mir gut, auch was Rassismus anbetrifft. In anderen Ländern ist das noch viel schlimmer.» lyl

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