ESC 2017

Wenn ein Kunstgott die Zeitglocke läutet

Timebelle versucht heute für die Schweiz in das Finale des Eurovision Song-Contest einzuziehen. Dass es tatsächlich so weit kommen würde, hätten die drei Bandmitglieder noch vor kurzem kategorisch ausgeschlossen.

Emanuel Andriescu, Miruna Manescu und Samuel Forster (v.l.) versuchen für die Schweiz heute in das Finale des Eurovision Song-Contest einzuziehen.

Emanuel Andriescu, Miruna Manescu und Samuel Forster (v.l.) versuchen für die Schweiz heute in das Finale des Eurovision Song-Contest einzuziehen. Bild: zvg/timebelle

Es war so wie sie es sich erträumt haben. So wie es sich unzählige Male in ihren Köpfen abgespielt haben muss. Das Publikum tobt, goldene Glitzerschnipsel regnen von der Decke des SRF Studios. Die Band liegt sich in den Armen, schreit, lacht und vergiesst Tränen der Freude. Emanuel Andriescu, der besonnene Pianist im Nadelstreifen-Anzug, schlittert auf den Knien über den blitzblanken Boden und jubelt mit emporgereckten Fäusten wie ein Fussballer nach einem entscheidenden Tor.

«Timebelle» hat es geschafft! Die Band darf für die Schweiz an den Eurovision Song Contest.

Wie in solchen Momenten bei SRF üblich, betritt nun Strahlemann Sven Epiney die Bühne. Schliesslich wollen die überschwängliche Freude und die positiven Emotionen auch in hübsche Worte verpackt und den Zuschauern vor den Fernsehern publikumsadäquat präsentiert werden.

Der Sunnyboy schreitet also zur Tat und fragt Lead-Sängerin Miruna Manescu protokollgemäss: «Wie fühlen Sie sich jetzt?» Und die schöne, anmutige Frau in ihrem eleganten Abendkleid sagt:

«Fuck!»

Der englische Kraftausdruck war wohl nicht unbedingt die Reaktion, die das Schweizer Fernsehen, seinem sonnabendlichen Familienpublikum zumuten wollte. Und doch sagte das eine unflätige Wort mehr über das Innenleben der Künstlerin aus, als eine ganze Laudatio. Anders als die Standart-Floskel: «Ich kann es noch gar nicht richtig fassen», war die Reaktion Ausdruck davon, dass es die junge Frau wirklich kaum fassen konnte. Dass sie von ihren Emotionen überwältigt war und zu keinem wohlüberlegten Satz im Stande.

Von der Studenten-Band bis zum ESC

Ein paar Wochen später sitzen die drei Bandmitglieder in der Landbote-Redaktion und drücken sich um einiges gepflegter aus, als die emotions-übermannte Manescu in den SRF Studios. «Es ist schon eine grosse Last von uns abgefallen in diesem Moment», sagt Manescu beinahe entschuldigend und lächelt.

«Wir mussten uns zuerst finden. Unseren Musikstil, unsere Rolle, unseren Weg.»Emanuel Andriescu, Pianist von Timebelle

Um dies zu verstehen, muss man sich ein wenig mit der Geschichte der Berner Band auseinandersetzen. Einst als Studienmusikgruppe von Kumpeln gegründet, hat Timebelle mittlerweile eine langwierige Entwicklung durchgemacht mit vielen Höhen und Tiefen. Der Schlagzeuger Samuel Forster und der Pianist Emanuel Andriescu hatten sich einst während ihres Musikstudiums kennengelernt. «Emanuel ging einfach zu allen hin und quatschte sie an. So auch zu mir», sagt Forster heute und lacht. «Und gutmütig wie ich bin, ging ich darauf ein und liess ihn in unserer Band mitspielen.»

Einige Jahre lang tingelten die fünf Jungs unter dem Namen Balkan Import Ltd. halbseriös durch viele Kleinbühnen der Schweiz. «Wir mussten uns zuerst finden. Unseren Musikstil, unsere Rolle, unseren Weg.» Und zu diesem Prozess gehörte auch eine Namensänderung. «Wir stellten fest, dass ‹Balkan› im Namen sowohl viele Schweizer, als auch viele Balkanstämmige abschreckt.» Seit 2014 heisst die Band daher «Timebelle». Noch viel wichtiger als der neue Name war allerdings die Aquisition der Leadsängerin. Miruna Manescu kommt aus Rumänien. Und sie bildet seit 2014 mit ihrer Weiblichkeit, ihrer Kraft und ihrem Freigeist die perfekte Ergänzung zu den beiden akribischen und lebensfrohen Männern.

«Wir haben sie damals an einem Casting gehört und sofort gewusst - das ist sie! Diese Stimme wollen wir haben!», sagt Andriescu, mit demselben Enthusiasmus, den er damals gefühlt haben muss. Seither ist die 27-Jährige fester Bestandteil von Timebelle. Und seither verfolgen die drei zielstrebig ihren Weg. Schritt für Schritt haben sie das Profil der Band geschärft, sie sukzessive bekannter gemacht und erste Erfolge gefeiert.

«Der Anlass hat über 200 Millionen Zuschauer! Das ist für jeden Musiker eine Riesenchance.»

So rückte auch der Eurovision-Song Contest bald einmal in ihren Fokus. «Der Anlass hat über 200 Millionen Zuschauer! Ein Wahnsinn, und für jeden Musiker eine Riesenchance.» 2015 waren die drei ein erstes Mal ganz nah dran an der grossen europäischen Bühne. Der Song «Singing About Love» war ein eingängiger Ohrwurm, vom Publikum geschätzt und von der Band liebgewonnen. Mit ihm schaffte es Timebelle bis in die Schweizer-Endausscheidung und wähnte sich mit einem Bein bereits als Sieger.

Timebelle wähnte sich 2015 mit "Singing about Love" schon als Sieger. Quelle: SRF

In der Publikums-Wahl erhielt Timebelle am meisten Stimmen. Doch damals konnte dieses noch von einem Experten-Gremium überstimmt werden. Was prompt geschah: aus irgendwelchen Gründen sahen die Juroren in Mélanie René mit «Time To Shine» bessere Chancen für das Abschneiden der Schweiz. Und Timebelle, obschon in der Gunst des Publikums ganz oben, musste die bittere Pille einer knappen Niederlage schlucken.

Never again!

«Das war damals schon unbeschreiblich hart», sagt Forster heute. «So nah dran zu sein und doch dein lange gehegtes Ziel um Haaresbreite nicht zu erreichen, das musst du erst einmal verdauen.» Groll auf die Jury hegen die drei keinen, das wollen sie betonen.

Dennoch können sie nicht verhehlen, dass die Entscheidung schwer zu akzeptieren war. «Nach einer Phase der Trauer, die nach so einem Rückschlag unabdingbar ist, sagten wir uns aber. ‹Hey, lass uns noch besser werden, noch fokussierter, noch härter arbeiten›»Das machten die drei in Folge auch. Aber das Thema Eurovision-Song-Contest schien ein für alle Mal vorbei. «Wir haben uns damals geschworen, dass wir uns das nicht nochmals antun», sagt Manescu.

Aber wie das Leben so spielt, birgt es immer wieder unerwartete Wendungen. Für Timebelle kam der Sinneswandel durch niemand geringeren als einen Gott. Zeus-Sohn Apollo sollte der ESC-Karriere der drei Musiker unvermittelt neues Leben einhauchen. Denn die Tochter des bekannten Tennis-Experten Heinz Günthardt hatte im Namen des griechischen Kunstgottes ein Lied komponiert.

«Das Lied hat uns auserkoren, es ist zu uns gekommen – Schicksal»

«Im Herbst 2016 wurden wir angefragt, ob dieses Lied etwas für uns wäre», berichtet Andriescu. «Und für mich war sofort klar: Apollo ist wie auf uns zugeschnitten!» Mehr noch; im Pianisten reifte alsbald die Überzeugung, dass der Song für einen Wettbewerb wie den Eurovision-Song-Kontext geradezu prädestiniert ist. «Ich betrachtete es als Wink des Schicksals, das Lied hat uns auserkoren, es ist zu uns gekommen, dass wir es nochmals versuchen.»

Apollo(n), Sohn des Zeus und griechischer Schutzpatron der Künste –als Erbringer der zweiten ESC-Chance für Timebelle.

Zwar musste Andriescu bei seinen Bandkollegen einiges an Überzeugungsarbeit leisten, doch es hat sich gelohnt. Der Ohrwurm über den Kunstgott verhalf der Band zum überwältigenden Sieg mit fast 50% der Gesamtstimmen in der Schweizer Entscheidungsshow. Sodass die Eurovision-Zeit für Timebelle im zweiten Anlauf doch noch geschlagen hat.

So überzeugte Timebelle im Februar die Schweizer Zuschauer. Quelle: Youtube/SRF

«Wir werden nicht null Punkte machen, das verspreche ich», sagt Foster vor dem grossen Auftritt. Andriescu meint: «Das ist vielleicht die Chance unseres Lebens!» Und Manescu ergänzt selbstbewusst: «Wir glauben fest an uns. Wir fahren nach Kiew um zu gewinnen!»

Aus Schweizer Sicht gilt es heute Abend fest die Daumen zu drücken, dass dieser Coup gelingt. Und sei es nur schon um Manescus Siegesinterview zu hören.

Erstellt: 11.05.2017, 02:59 Uhr

Eine Band mit Winterthurer Bezug

Der Name Timebelle ist eine Homage an die Stadt Bern und deren Wahrzeichen, die «Zytglogge». Er soll auf die Anfänge der Band und den gemeinsamen Lebensmittelpunkt der drei Protagonisten hinweisen. Doch nicht nur zu Bern, sondern auch zu Winterthur hat die Band eine enge Verbindung.

Samuel Forster ist hier aufgewachsen. Bei Sulzer hat er einst eine KV-Lehre absolviert. Zu Beginn seiner Berner Studienzeit ist er jeweils mit dem Zug von Winterthur nach Bern gependelt. Bevor ihm drei Stunden Zug-Fahren pro Tag auf die Dauer zu anstrengend wurden. Doch Forster kommt immer wieder gerne zurück. «Winterthur ist eine sehr coole Stadt, mit der mich nach wie vor viel verbindet.»



Auch Pianist Emanuel Andriescu hat einen starken Bezug zu Winterthur. Zweimal pro Woche ist er hier zu Gast und unterrichtet als Lehrer für Saxophon und Klarinette seit 2015 an der Musikschule Intermezzo, die sich an der Schlossmühlestrasse befindet. «Meine Schüler waren sehr stolz auf mich, als sie uns im Fernsehen sahen», sagt er lächelnd. «Das ist mit meine grösste Motivation – wenn ich in diese leuchtenden Kinderaugen schaue, weiss ich, dass ich etwas Tolles mache.»


www.intermezzo-winterthur.ch

Der Berner «Zytglogge» verdankt die Band ihren Namen.

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