Rümlang

Wo der Lehrplan zum Kinderspiel wird

Als erste Schule der Schweiz hat die Sek Eduzis die Spielräume von «Boda Borg» in Rümlang getestet. Die Aufgaben sollen den Teamgeist und das Durchhaltevermögen fördern.

Die Schülerinnen und Schüler der Sek Eduzis versuchten sich an den Realitätsspielen von «Boda Borg» – mal mehr, mal weniger erfolgreich.
Video: Michael Caplazi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aus dem Gefängnis ausbrechen. Ein Mumiengrab entdecken. Den richtigen Schlüssel finden. Klettern, hangeln, kriechen: alles Situationen fern des Schulalltags, und doch Realität für Hunderte Schülerinnen und Schüler – wenn auch spielerisch. «Das beste Escape-Room-Erlebnis überhaupt!», fand Nicola, 13-jährig, einer von rund 500 Schülerinnen und Schülern, die in den Hallen von «Boda Borg» ihr Können getestet haben (siehe Infobox).

Die vier jungen Männer halten sich in jenem Raum auf, den bisher noch niemand geschafft hat. (Foto: Leo Wyden)

Die Sekundarschule Eduzis (Niederglatt, Niederhasli und Hofstetten) ist die erste Schule der ganzen Schweiz, welche das Spielkonzept ausprobiert. Am Dienstag waren alle aus der Seehalde in Rümlang zu Besuch, am Donnerstag jene aus dem Eichi – und das alles kostenlos. «Boda Borg ist noch in der Betaphase», erklärte Schulpräsidentin Sandra Monroy, «unsere Schule testet also die Spiele gratis und gibt dem Team dafür Rückmeldung.» Eine klassische Win-Win-Situation also, denn für alle 700 Teilnehmenden hätte die Schule einen fünfstelligen Betrag bezahlen müssen.

Mädchen bleiben mehr dran

18 Abenteuer («Quests») können in den Hallen von «Boda Borg» entdeckt werden. Sie spielen in unterschiedlichen Kulissen, einmal gehts um Tempo, einmal um Geschicklichkeit, dann wieder um Logik – und zuletzt um alles zusammen. Dabei weiss die Teilnehmerin zu Beginn nie, was sie erwartet; falls sie scheitert, geht der Parcours wieder von vorne los. Heisst: Man muss Fehler machen, um voranzukommen. Und die Abenteuer lassen sich nur lösen, wenn alle im Team mitmachen. «Ich löse solche Aufgaben gerne bis zum Schluss», sagte der 14-jährige Josia, «aber da die Mehrheit meines Teams zur nächsten Quest gerannt sind, musste ich mitgehen.»

Im Gefängnis galt es, verschiedenen Hinweisen auf die Spur zu kommen, um die Aufgabe zu lösen. (Foto: Leo Wyden)

«Frauenteams schlagen deshalb oft die Männerteams», sagt Stefan Jost, Geschäftsführer von «Boda Borg». «Mädchen bleiben mehr dran, versuchen eine Quest öfter, während vielen Jungs das Ego im Weg steht.» Das wisse er aus Versuchen in Schweden, wo das Spielkonzept entwickelt wurde. «Es geht nebst der eigentlichen Herausforderung immer auch um Stresstoleranz: Wie halte ich Frustrationen aus, und wer macht was im Team, damit wir die Aufgabe schaffen?»

Pestalozzi im Spielezentrum

Monroy erzählt, dass sie sofort an das Kopf-Herz-Hand-Bild von Pestalozzi habe denken müssen, als sie die Spiele zum ersten Mal sah. Heisst: Lernen geschieht ganzheitlich statt in Einzelteilen, körperlich wie mental. Eichi-Schulleiter Peter Kuster war zurückhaltender, «weniger aufgrund der Spiele als aufgrund der Organisation, die ein solcher Schulausflug abverlangt». Bald habe er aber gemerkt, dass es eine coole Sache sei. «Leute können sich unterschiedlich einbringen, und es gibt einen Haufen schön gestaltete Herausforderungen.» Wenn allerdings bei gewissen Posten immer dieselbe Person im Team scheitere, sehe er auch ein Problem. Da hält Monroy dagegen: «Das würde nur heissen, dass das Team die Situation anders nutzen muss, um die Aufgabe zu schaffen.»

Die Schülerinnen und Schüler hatten sichtlich Spass an der Abwechslung. (Foto: Leo Wyden)

Auf die Frage, was die Jugendlichen aus dem Anlass mitnehmen, nennen die beiden geschlossen die Teamfähigkeit – und zu verstehen, dass Lösungen nicht immer offensichtlich sind. «Ich habe gelernt, dass wir nicht zu schnell aufgeben sollten, wenn wir in einer Aufgabe feststecken», bestätigte die 13-jährige Carla. Das sind Kompetenzen, die der Lehrplan 21 vorsieht: mit anderen zusammenarbeiten, vernetzt denken und: eigene Stärken kennen und nutzen.

Erstellt: 21.11.2019, 19:20 Uhr

Über «Boda Borg»

Boda Borg wurde Mitte der 1990er Jahre in Schweden gegründet. Der Standort in Rümlang (ab 28. November offen) ist der erste im ganzen deutschsprachigen Raum – die meisten liegen in Schweden, dazu einer in Boston und einer in Irland. Das Konzept der Realitätsspiele besteht aus Räumen mit verschiedenen Mottos, in denen Teilnehmende Aufgaben erfüllen. Diese erfordern teils Köpfchen, teils auch Körperkraft. In Umgebungen wie einer Mine, einem Gefängnis, einem Musikkonzert oder einer Insel werden Geschicklichkeit und Logik, aber auch Teamfähigkeit und Durchhaltevermögen getestet. (sam)

Ein Musterbeispiel für «Gamification»

Menschen können an immer mehr Orten Punkte sammeln, in einer Rangliste aufsteigen oder ein Abzeichen verdienen – was wiederum die Motivation steigern soll. Diese Anwendung von Spielmechaniken ausserhalb von eigentlichen Spielen bezeichnet man als «Gamification» (engl. «game» = Spiel). Darauf sind heute viele Lern-Applikationen fürs Handy (etwa zum Sprachenlernen oder um die Fitness zu steigern) aufgebaut. Dass Schülerinnen und Schüler Kompetenzen wie etwa Teamfähigkeit oder Stresstoleranz in Realitätsspielen lernen, stellt ein Musterbeispiel für diese Lernform dar – und trifft den Nerv der Zeit.

Jedoch ist auch Kritik an dem Lernkonzept laut geworden: Ein Spiel sorge nicht mehr nur für Spass und Erholung, sondern diene primär dem Training für den Konkurrenzkampf auf dem Markt. Diese Vermischung von Marktinteressen und Spiel sei problematisch. Im schulischen Kontext wird ausserdem kritisiert, dass Kinder und Jugendliche lernen, nur noch über ständige Rückmeldung Erfolg zu spüren. Und nicht zuletzt werde die Hierarchie in einem Schulsystem nicht mehr deutlich, wenn Schülerinnen und Schülern zu «Spielern» und Lehrpersonen zur reinen «Spielbegleitung» ernannt werden. (sam)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!