Turbenthal/Wila

Zwei Kirchen geben sich das Ja-Wort

Wegen sinkender Mitgliederzahlen der Reformierten Kirche sollen die Gemeinden wenn möglich fusionieren. Wila und Turbenthal haben Ja gesagt zu einem Zusammenschluss per Anfang 2019.

Der Fusion mit Wila klar zugestimmt haben gestern die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Reformierten Kirchgemeinde Turbenthal.

Der Fusion mit Wila klar zugestimmt haben gestern die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Reformierten Kirchgemeinde Turbenthal. Bild: Heinz Diener

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Eine Zwangsheirat war es nicht gerade. Arrangierte Ehe ist wohl der treffendste Begriff für den Zusammenschluss der beiden Kirchgemeinden Turbenthal und Wila, der am Sonntag besiegelt wurde. Im Anschluss an den Gottesdienst haben die Kirchgängerinnen und Kirchgänger beider Gemeinden in ihrer Kirche über den Zusammenschlussvertrag sowie über die neue Kirchgemeindeordnung abgestimmt.

Bänke werden immer leerer

Im Turbenthaler Gotteshaus nehmen 71 Stimmberechtigte Platz und warten mucksmäuschenstill auf den Beginn der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung. Sitzplätze hätte es für rund doppelt so viele Personen. Die leeren Bänke stehen sinnbildlich für die schrumpfende Mitgliederzahl — die grösste Herausforderung der Reformierten Landeskirche.

 Die Anzahl der Kirchgemeinden soll sich bis 2019 durch Fusionen von 174 auf 39 reduzieren.

Vor einem halben Jahrhundert zählte sie im Kanton noch 625 000 Mitglieder, was 70 Prozent der Bevölkerung entsprach. Bis 2024 wird dieser Anteil laut Schätzungen der Kirche auf 25 Prozent sinken, was in absoluten Zahlen 410 000 Mitglieder heisst. Während die Steuereinnahmen sinken, bleiben die Ausgaben für Infrastruktur und Personal praktisch konstant. Ein Problem, dem die reformierte Landeskirche in Zürich mit dem Reformprozess «Kirchgemeinde plus» begegnen will. Angestossen wurde dieser 2012 durch ein Postulat in der Synode, dem kirchlichen Parlament.

Der erste Entwurf eines Reformplans, den der Kirchenrat – die kirchliche Exekutive — vorlegte, formulierte ein klares Ziel: Die Anzahl der Kirchgemeinden soll sich bis 2019 durch Fusionen von 174 auf 39 reduzieren. Die Zusammenschlüsse wollte die Landeskirche aber nicht als reine Sparübung verstanden haben, denn die Kirche solle durch den Reformprozess auch «näher, vielfältiger und profilierter» werden.

Weniger Druck auf Fusionen

In der Synode nahm man den ambitionierten Plan zur Kenntnis, allerdings mit wenig Begeisterung. Kritisiert wurde insbesondere der Zwang zu Fusionen. Also krebste der Kirchenrat zurück und setzt seither nicht nur auf Fusionen, sondern auch auf die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden. Ein Zusammenschluss werde zudem nicht verfügt, wie die Kirche auf der Webseite zum Reformprozess schreibt, sondern «kommt dann zustande, wenn die Mitglieder der beteiligten Kirchgemeinden diesen Zusammenschluss jede für sich demokratisch beschliessen».

«Der Zusammenschluss ist das einzig Richtige.»Eine Kirchengängerin

In der Kirche Turbenthal fasst Kirchgemeindepräsidentin Erna Brüngger die Geschichte des Zusammenschlusses zusammen, der durch das Projekt «Kirchgemeinde plus» angestossen wurde: «Wir haben Gespräche mit den Nachbargemeinden aufgenommen, und während einige noch zuwarten wollten, sind wir mit Wila einig geworden.» Die Fusion wurde vorbereitet, und an den zwei Mitwirkungsveranstaltungen habe es keine Stimmen gegeben, die eine Änderung des Zusammenschlussvertrages nötig gemacht hätten.

Ein kurzer Prozess

Die Fusion wird in Turbenthal von der Basis breit unterstützt: Von den 71 Stimmberechtigten sagen 55 Ja zum Zusammenschlussvertrag; niemand meldet sich mit Kritik zu Wort. Die Versammlung geht rasch ihrem Ende zu und man schreitet gemeinsam zum Apéro im Chiletreff.

 «Ich freue mich, nicht auf irgendeine Art von Zusammenarbeit anzustossen, sondern aufs Zusammengehen.»Marianne Heusi, Kirchgemeindepräsidentin Wila

Kurz darauf stossen einige Gemeindemitglieder aus Wila dazu, wo der Zusammenschlussvertrag mit 5 Gegenstimmen bei 42 Stimmberechtigten angenommen wurde. Die Wilemer Kirchgemeindepräsidentin Marianne Heusi hält eine kurze Ansprache: «Ich freue mich, nicht auf irgendeine Art von Zusammenarbeit anzustossen, sondern aufs Zusammengehen», sagt sie. Die Fusion bedarf noch der Genehmigung von Kirchenrat und Synode. Und dann will Heusi fürs Präsidium der fusionierten Kirchgemeinde kandidieren. Zu einer Kampfwahl zwischen den Präsidentinnen wird es voraussichtlich nicht kommen, denn die Turbenthaler Präsidentin Brüngger will aufgrund der Arbeitslast nur noch als Kirchenpflegerin kandidieren.

«Wenn man keine Wahl hat»

Die Stimmung beim Apéro ist gelöst, aber nicht gerade ausgelassen wie bei einer Traumhochzeit. «Der Zusammenschluss ist das einzig Richtige», sagt eine Kirchgängerin. Die neue Gemeinde werde nun eine grosse und eine kleine Kirche haben, und sowohl einen Mann wie auch eine Frau als Pfarrer. «Druck zum Zusammenschluss gibt es sowieso aus Zürich», sagt ein anderer. «Wenn man keine Wahl hat, ist es vernünftig, mit dem nahen Wila zusammenzugehen.» Ob der Zusammenschluss seinen Zweck wirklich erfüllen wird, bezweifelt jedoch eine der wenigen, die Nein gestimmt hat: «Eine grössere Gemeinde ist unpersönlicher. Das führt doch am Ende zu noch mehr Austritten.»

Erstellt: 14.01.2018, 17:40 Uhr

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