Klischee-Check

«Chinesen tätowieren ja auch nicht Chuchichäschtli»

Zwei junge Reporter überprüfen die eigenen Vorstellungen. Einer gibt Thesen vor, einer macht den Realitäts- Check. Fünfter Test: unterwegs an der Tattoo Convention.

Bis zum Schluss war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim «Ich schick di»-Onlinevoting zwischen Streicheleinheiten und stechendem Schmerz. Es war hauchdünn, aber am Schluss entschieden sich die «Landbote»-Leser für die Tattoo Convention und gegen den Kuschelabend. Hart vor herzig also.





Nicolas Prognosen



«Du bist der einzige Tattoolose weit und breit und wirst mit dem Langweiler-Vorwurf konfrontiert.»

«Die Tätowierer: überwiegend männlich, kahlköpfig, ganzkörpertätowiert, mit ordentlich Plugs verziert – aber gar nicht mal so furchteinflössend.»

«Ein Besucher sticht sich den Namen seiner siebten Freundin auf den Rücken, in der Überzeugung, diesmal sei es garantiert etwas Dauerhaftes.»

«Die dominierenden Sujets sind die Begriffe ‹Kraft›, ‹Hoffnung›, ‹Zuversicht› und ‹Willen›, die beliebtesten Sprachen Maori, Swahili, Japanisch und Aztekisch.»



Tims Klischee-Check



In der Eulachhalle rattern Nadeln über Menschenkörper. Die Besucher sitzen, kauern, knien und liegen in den verschiedensten Positionen, je nachdem, welcher Körperteil gerade an der Reihe ist. 78 Tätowiererinnen und Tätowierer werken hier, zudem zwei Piercer und ein Barbier.

Ein Engel prangt auf Leons Bauch. Der Heiligenschein fast beim Hals, die Füsse fast bis hin zum Bauchnabel gezogen. Leons Arm ist mit Papier eingekleidet. Oben ohne stapft der 20-Jährige über den Vorplatz der Eulachhalle. Die kurzen Militärhosen trägt er tief, Homer Simpson grinst neckisch von den Boxershorts. Neben ihm: Fredy Letsch, Tätowierer aus Wetzikon, der über Leon sagt: «Fürs erste Tattoo isch er würkli en härte Siech.»

Fredy zündet sich eine Zigarette an und gönnt sich eine Pause von der Massarbeit an Leons Körper. Seine Tochter rennt den beiden entgegen. Fredys Frau Sandy sitzt barfuss auf dem Treppchen ihres Wohnwagens und stochert in Nudeln herum. «Wir haben den alten Zweifel-Lastwagen selbst umgebaut», sagt sie stolz. Mit dem Gefährt reist die Familie von einer Tattoo Convention zur nächsten. Manchmal samt Katze.

Etwa 25 Stunden braucht Fredy für den kompletten Engel auf Leons Körper. Heute ist der linke Flügel dran. «Meine Mutter starb vor drei Jahren. Engel waren ihre Lieblingswesen», erzählt Leon.

Normalos stechen gut

Wo sonst Bälle fliegen, surren heute Nadeln. Ein Drittel der Tätowierenden in der Eulachhalle sind weiblich. Ja, es gibt sie, die Bilderbuch-Tätowierer, deren Kopfhaut nur der Gipfel ihres körpereigenen Kunstwerks ist. Doch neben ihnen arbeiten mitunter unscheinbare Frauen, Normalos und Bärtige. An der Kasse sitzt «Hammer Joe», Mitorganisator der Winterthurer Convention, die langen, grauen Haare mit einem Stirnband zusammengerafft. Wie lange gibt es den Anlass schon? Hammer Joe, etwas barsch und auf Französisch: «Das ist nicht wichtig.»

Auskunftsfreudiger ist daFredy Krummenacher, der von Hammer Joe einst die Tattookunst erlernte: «Zum dritten Mal organisieren wir die Convention», sagt er. Bin ich als Tattooloser ein Langweiler? «Nein. Wenn du nicht wirklich eins haben willst, tue es nicht. Mach kein Tattoo, nur weil Rihanna eins hat.»

Name des Partners? Verpönt

Ben ist einer der wenigen ohne Tattoos. Er nippt an einem Bier und schaut zu, wie auf dem Schienbein seiner Frau ein Kunstwerk entsteht. «Wir starten heute ein Lebenswerk. Bei jedem Geburtstag unseres Sohnes wird das Tattoo um eine Blume oder ein Tier erweitert», sagt Ben. Das nicht sein Name verewigt wird, verstimmt ihn nicht. «Wir sind da realistisch.» Bei allen Künstlern, mit denen ich spreche, gibt es bezüglich Partnernamen-Tattoos einen Konsens: Sie raten stark davon ab.

«Am Anfang machten wir es. Bis Jahre und eine Beziehung später jemand entrüstet ins Tattoostudio kam», sagt Sandy Letsch. Bei der Embracher Tätowiererin Tina Lee werden Partnernamen immer noch häufig nachgefragt, besonders nach den Sommerferien. «Ich versuche dann den Kunden nahezulegen, statt «Forever Sandra» vielleicht einen schönen Stern zu tätowieren», sagt sie. Sie selbst habe auch nur den Anfangsbuchstaben ihres Partners auf der Haut, trotz 15 Jahren Ehe.

Lolli gegen den Schmerz

An der Convention sind nicht die Tätowierenden, sondern eher die Tattoos furchteinflössend. Zum Beispiel ein zum Totenkopfkrebs mutiertes Sternzeichen, das Tina Lee auf Daniels Arm verewigt. Der 51-jährige Schlosser kaut auf einem Lollistängel herum, um sich vom Schmerz abzulenken. «Schriftzüge wollen die Leute immer wieder» sagt Fiona Lee. Vor einigen Jahren seien arabische und chinesische Zeichen der Hype gewesen. Sie selbst findet es komisch: «Ein Chinese tätowiert ja auch nicht Chuchichäschtli.»

Familie Letsch hat mittlerweile die Wäsche bei ihrem Wohnwagen aufgehängt. Der linke Engelsflügel von Leon ist fertig. So, dass der Himmelsbote, wenn Leon den Arm hebt, beinahe davonzuschweben scheint.

Fazit

Rihanna und Konsorten als Vorbild genügen nicht, um ein Tattoo zu stechen. Und langweilige Fragen werden an der Tattoo Convention auch mal abgestraft.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.06.2017, 09:24 Uhr

«Ich Schick di» (5/6)

In einer sechsteiligen Serie stellen die Reporter
Tim Wirth und Nicolas Hermann Klischees auf den Prüfstand. Wo der nächste Klischee-Check stattfindet, entscheiden die Leserinnen und Leser.

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