Konzert

Alle Brillanz und Empathie

Die Geschichte des Musikkollegiums ist Gegenwart – zum Glück nur im Guten: Rahel Cunz spielte das Violinkonzert von Hans Pfitzner traumwandlerisch jenseits aller Gefährdung.

Die Konzertmeisterin als Solistin: Applaus und Blumen für Rahel Cunz.

Die Konzertmeisterin als Solistin: Applaus und Blumen für Rahel Cunz. Bild: Herbert Büttiker

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Die Beschäftigung mit ihm ist nicht nur musikalisch herausfordernd. Hans Pfitzner war ein grosser Komponist, aber er sah sich in einer noch grösseren Rolle als Retter der deutschen Musik vor Judentum, Internationalismus und Bolschewismus, und dafür kam ihm Hitler gerade recht. Die deutsche Musik, das war für ihn die romantische Tradition, das absolute Künstlertum, wie er es in seiner Oper «Palestrina» gestaltete. Leider konnte er sich nicht ans Absolute halten, sondern verbiss sich trotzig in den Kulturkampf – bis zum bitteren Ende. Wobei das Bitterste der vergällte Nachruhm war.

Ob man sich wieder auf ihn einlassen soll? Als Don Quichotte bezeichnete Peter Sulzer Pfitzner in seinem Buch «Zehn Komponisten um Reinhart» so milde als möglich. Zu den zehn ganz Grossen der Musik, die vom Mäzenatentum Werner Reinhart profitierten, gehörte er neben Strauss, Schönberg, Strawinsky und anderen.

Das Konzert des Musikkollegiums vom Freitag erinnerte an diese Beziehung und ans Musikleben im «Rychenberg»: Dort spielten die legendäre Geigerin Alma Moodie und Pfitzner am Flügel am 27. Januar 1923 das Violinkonzert zum ersten Mal. Nach dieser Uraufführung fand dann im Rahmen eines vom Komponisten dirigierten Abonnementskonzerts mit ausschliesslich eigenen Werken noch im selben Jahr auch eine Aufführung der Orchesterfassung statt.

Rahel Cunz, 2. Konzertmeisterin des Musikkollegiums als Solistin, Kevin Griffith als Dirigent und das Orchester, dessen Spektrum mit Harfe und Tuba gleichsam Himmel und Hölle umspannte, haben das Opus nun wieder hervorgeholt, das hier zuletzt 1967 zu hören war. Es wurde mit Bedacht umrahmt: Erzromantisch und dramatisch eröffnete Schumanns Ouvertüre zur Oper «Genoveva» den Abend, freundlich musikantisch gestaltete sich die zweite Konzerthälfte mit der Serenade Nr. 1 von Brahms, und hier wie dort beglückten feine Orchesterarbeit und schwungvolles Dirigat.

Unverdrossen enthusiastisch

«Feierlich verdrossen» schrieb Alma Moodie unter die ersten Noten des Pfitzner-Konzerts – einen markigen, aber doch strahlend befreiten Einsatz liess Rahel Cunz hören, und dann mochte es im Orchester brodeln und schwelen, sie vertiefte sich ganz unverdrossen in ihren virtuosen Part, und der Feierlichkeit nahm sie trotz grossen Intervallsprüngen, vertrackten Doppelgriffen und kniffligen Läufen und Figurationen hymnisch melodisch alle Schwere. Man spürte: das Konzert war als Huldigung an eine Geigerin komponiert, und zu erleben war, wie Rahel Cunz diese Huldigung nicht nur mit überragender Technik, sondern auch grosser Empathie annahm.

Im formal eigenwilligen, äusserlich einsätzigen Stück lässt Pfitzner die Solistin seltsamerweise im langsamen Teil pausieren. Es scheint, dass er die einsame Weise und Adagio-Tiefe mit dreifachem Forte-Höhepunkt seinem Orchester-Ego reservierte und der Solistin «nur» den Triumph enthusiastisch schwärmerischer Kantabilität und energischer und kapriziöser Virtuosität zudachte. Diesen Triumph erspielte sich Rahel Cunz hinreissend und im spannungsvollen Gegenüber zum suggestiv musizierenden Orchester souverän. Das Werk sprach so für sich.

Erstellt: 13.01.2019, 17:03 Uhr

Die Korrespondenz des Mäzens

Vor dem Konzert hat das Musikkollegium zu einer Veranstaltung zum Abschluss eines Forschungsprojekts der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium geladen. Das Musikwissenschaftliche Institut hat sich in den letzten acht Jahren dem brieflichen Nachlass von Werner Reinhart gewidmet – «eines der ganz grossen Dokumente der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts » (Projektleiter Laurenz Lütteken). Rund 5000 Briefe vom und an den Winterthurer Mäzen wurden eingescannt, in einer digitalen Datenbank erfasst, inhaltlich erschlossen und öffentlich zugänglich gemacht. Ulrike Thieles demnächst erscheinende Dissertation erarbeitete daraus ein Bild vom Wesen und der Bedeutung von Reinharts Mäzenatentum und bot in ihrem Vortrag einen interessanten Einblick. (hb)

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