Weinland

Als Baby den Eltern entrissen

Bis 1981 platzierten Behörden Babys in Heimen, wenn der Lebenswandel der Eltern nicht der bürgerlichen Norm entsprach. Eine Betroffene ist Marlies Landolt, die in Uhwiesen aufgewachsen ist.

Die heute 69-jährige Marlies Landolt ist ein freiheitsliebender Mensch.

Die heute 69-jährige Marlies Landolt ist ein freiheitsliebender Mensch. Bild: Marc Dahinden

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Marlies Landolt kennt ihre leiblichen Eltern nur aus Akten des Zürcher Staatsarchivs. Sie kann sich weder an ihren Vater, ein italienischer Eisenleger aus dem Stadtzürcher Langstrassenquartier, noch an ihre Mutter aus dem Kanton Bern erinnern, die sie als ledige 19-Jährige in Zürich geboren hatte. Denn die Behörden entrissen das im Januar 1950 geborene, uneheliche Baby den Eltern. Grund: «Liederlicher Lebeswandel», der nicht den bürgerlichen Normen entsprach.

Juristisch wehren konnte man sich dagegen nicht. Noch bis 1981 war es hierzulande möglich, Kinder und Erwachsene in Heimen so zu «korrigieren». Dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte hat eine unabhängige Expertenkommission im Auftrag des Bundesrats nun aufgearbeitet. Von März bis September präsentieren diese ihre Forschungsergebnisse in einer Wanderausstellung. Am Donnerstag findet in Andelfingen zusätzlich eine Podiumsdiskussion mit zwei Zeitzeuginnen statt. Eine davon ist Marlies Landolt.

«Beinahe gestorben»

Als Baby kämpfte Landolt in einem Zürcher Kinderheim um ihr Leben. «Ich bin dort beinahe gestorben, weil ich sehr untergewichtig war.» Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Doch dann schien Landolt Glück im Unglück zu haben: Ein kinderloses Ehepaar aus Uhwiesen nahm das damals neunmonatige Baby bei sich auf. Als die beiden 40 Jahre alt waren, durften sie die dreiährige Marlies gemäss damaligem Gesetz offiziell adoptieren. «Ich hatte Glück, dass ich nicht wie andere verdingt worden bin. Meine Adoptiveltern päppelten mich wieder auf.»

Doch die Adoption entpuppte sich rasch als goldener Käfig. Denn die Eltern gehörten der Pfingstmission an und waren entsprechend fromm: «Ich hatte keine Freiheit und wurde isoliert.» Landolt flüchtete sich in Bücher: «Ich las extrem viel. Das machte nämlich keine Unordnung.» Nicht jedes Buch durfte Landolt jedoch lesen, Pippi Langstrumpf war etwa verboten. Schulisch war sie stark, besonders in Sprachen und Geschichte. Doch ihre Eltern wollten nicht, dass sie ans Gymnasium geht. «Sei froh, dass du eine Lehre machen darfst», habe es geheissen. Sie machte dann das KV. Am Ende übte sie den Beruf ein Leben lang aus. Sie wäre gerne Anwältin geworden und hätte sich für mehr Gerechtigkeit eingesetzt, sagt sie heute.

Bei den 68ern engagiert

Die Rebellion während der Pubertät fiel nach Jahren der Isolation umso stärker aus. «Wie eine Champagnerflasche, die unter Druck aufplatzt», sagt Landolt. Ihre Eltern ersuchten die Behörden gar um Auflösung der Adoption, jedoch erfolglos. Landolt verliess das Elternhaus mit 19 Jahren und engagierte sich in der 68er-Bewegung, trat auch der kommunistischen Poch-Partei bei und demonstrierte für das Frauenstimmenrecht und das Recht auf Abtreibung: «Ich war völlig rebellisch und habe alles ausprobiert.»

Doch die Geschichte ihrer leiblichen Mutter wiederholte sich: Mit 20 Jahren, 1970, bekam sie einen unehelichen Sohn. Die Krankenschwester, die ihr im Spital Schaffhausen zum Kind gratulierte, fragte denn auch sogleich, ob sie ihr Kind nicht gleich weggeben wolle. Sie sei ja schliesslich ledig. «Zum Glück kam dann gleich der Chefarzt und hat diese Schwester herauskomplimentiert», erinnert sich Landolt. Sie zog ihren Sohn alleine auf und musste bei der Wohngemeinde Neuhausen schriftlich bestätigen, dass sie den Behörden finanziell nicht zur Last fällt. Ihrem Sohn hat sie viele Freiheiten gewährt: «Aber er war ein Nerd und sass oft zuhause vor seinem Computer.»

«Aus allen Wolken gefallen»

Nach dem Tod ihrer Adoptiveltern spürte Landolt die Adresse ihrer leiblichen Mutter auf: «Ich stand vor ihrer Haustüre, bin dann aber wieder gegangen. Ich wollte keine alten Wunden aufreissen.» Später rief sie einmal bei ihrer Mutter an. «Um ihre Stimme zu hören. Danach habe ich aber gleich wieder aufgelegt.»

Als ihre Mutter verstorben war, erhielt sie eines Tages vom Bezirksgericht eine Erbbescheinigung. Im Testament hatte ihre Mutter angegeben, dass sie keine eigenen Nachkommen gehabt habe. «Das hat mich schon sehr verletzt, dass sie mich dort nicht erwähnt hat.» Die Behörden bemerkten aber die Unstimmigkeit und sprachen Landolt das Erbe zu. «Nicht einmal die Geschwister meiner Mutter wussten, dass ich existiere und sind aus allen Wolken gefallen.»

Nachdem Landolts Sohn erwachsen war, konnte sie endlich nachholen, was sie ihr Leben lang schon einmal tun wollte: Die Freiheit geniessen und zusammen mit ihrem Partner die Welt bereisen.

Podiumsdiskussion «Fremdplatziert im Zürcher Weinland» diesen Donnerstag um 19.30 Uhr. Es diskutieren: Marlies Landolt und Heidi Ambiel-Etter (Zeitzeuginnen), Karin Fischer (Präsidentin KESB Winterthur/Andelfingen), Beat Gnädinger (Mitglied Unabhängige Expertenkommission/Staatsarchivar Zürich) Moderation: Silvia Müller (Andelfinger Zeitung), Ausbildungszentrum Andelfingen, Niederfelstrasse 3. Wanderausstellung «Ausgegrenzt & Weggesperrt», vom 26. bis 31. März auf dem Hechtplatz in Zürich. Danach ist die Ausstellung bis am 2. Juni in weiteren Schweizer Städten unterwegs.

Erstellt: 25.03.2019, 18:11 Uhr

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