Frauenfeld

Als das Mittelalter mystisch war

Ein Weihnachtsrelief aus dem Kloster St. Katharinental zeigt die Parallelen zum Dominikanerinnenkloster Töss auf. Gläubige versenkten sich an beiden Orten mit Hilfe solcher Andachtsbilder in fromme Meditation — bis man Erscheinungen hatte und Wunder erlebte.

Diesem Weihnachtsrelief aus dem  14. Jahrhundert  wird Weltrang  zugeschrieben.

Diesem Weihnachtsrelief aus dem 14. Jahrhundert wird Weltrang zugeschrieben. Bild: zvg

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Heute vor 784 Jahren wurde das Kloster Töss gegründet. Es war im Mittelalter ein wichtiges Zentrum der mitteleuropäischen Mystik, die von der Bodenseeregion ausging. Um die 100 Nonnen lebten im 14. Jahrhundert in der Anlage, deren Kirche, Kreuzgang und Gebäude 1854 der Rieter-Fabrik weichen mussten. Der Name Klosterstrasse erinnert noch daran.

Es war eine Zeit, in der man junge Frauen nicht nur unfreiwillig hinter Klostermauern abschob, wie es häufig erzählt wird. «Gottgefällig und ehelos war besser als schlecht oder gar nicht verheiratet», sagt die Kunsthistorikerin Elke Jezler, «viele hatten sonst nur die Option, Magd oder Dirne zu werden.» Ausserdem traten auch erfolgreiche Adlige, reife Frauen oder ganze Familienverbände in Klöster ein: «Man muss sich vorstellen, dass das Seelenheil einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft hatte als heute. Es ging um geistliche Fürbitte für die ganze Familie; deshalb teilten sich sogar Ehepaare auf verschiedene Klöster auf». Es sei — wie beim Heiraten — eine gezielte Strategie gewesen, um seinen Einfluss auf mehrere Orden zu verteilen.

Familien sollten spenden

Für die Glaubensgemeinschaften war es ebenfalls attraktiv, möglichst gut situierte Brüder und Schwester unter ihren Reihen zu wissen. Deren Familien konnte man — unter Verweis auf eben jenes Seelenheil — angehen, wenn man einen neuen Altar benötigte. Andachtsbilder wie das rechts gezeigte Weihnachtsrelief waren häufig Stiftungen, die der meditativen Versenkung der Gläubigen dienten. Dieses Objekt mit der Inventarnummer 1 interpretierte Elke Jezler kürzlich in einem Vortrag im Historischen Museum Thurgau im Schloss Frauenfeld, wo die Skulptur ausgestellt ist. Anlass war die 100-Jahr-Feier der Thurgauischen Museumsgesellschaft, die sich 1917 konstituierte, um Kulturgüter des Kantons zu sammeln, zu erwerben und Museen zu gründen.

Eine Glaubensregion

Das Weihnachtsrelief gehörte wahrscheinlich dem Kloster Katharinental bei Diessenhofen. Beide Dominikanerinnenklöster gingen aus Schenkungen des Grafen Hartmann IV. von Kyburg hervor, der 1233 einer Gemeinschaft frommer Frauen Hofstatt und Mühle an der Töss überliess. Am 19.12.1233 erfolgte dann die Bestätigung der Klostergründung durch den Konstanzer Bischof Heinrich von Tanne. Beide Gemeinschaften wurden vom Gelehrten Albertus Magnus betreut.

«Kulturgeschichtlich muss man über die heutigen Kantonsgrenzen hinweg denken», sagt Elke Jezler und zeigt auf, wie die Einflusssphären verliefen: Die Holzskulptur stammt aus der Werkstatt des bedeutenden Bildhauers Meister Heinrich aus Konstanz. Auf dem Foto schwach erkennbar, trägt sie noch Reste der einstigen feinen Bemalung, rosa auf der rechten Wange der Maria, rot im Umhang des nachdenklichen Joseph. Die Muttergottes ruht in einem mit Kissen und Tüchern reich drapierten Bett, ähnlich einem kostbaren gotischen Möbel. «Um so reicher die Auftraggeber werden», erklärt die Expertin, «desto vornehmer kommt auch die Heilige Familie in den Darstellungen daher.»

Die Wand, hinter der Ochs und Esel stehen, könne daher als Baldachin gelesen werden; die Tiere breiten dem König der Christen achtsam das Ehrentuch aus. Typische Stilmerkmale der Konstanzer Produktion seien auch der mandelförmige Schnitt des Gesichts und der Augen sowie die innige Zärtlichkeit zwischen Mutter und Kind. Im Katharinenthaler Schwesternbuch, das wie in den anderen Dominikanerinnen-Klöstern von Gnadenerfahrungen der Nonnen berichtet, wird ein mystisches Erlebnis beschrieben: Durch die intensive Meditationspraxis vor einer Holzskulptur erfuhr eine Schwester, wie das Füsschen des Jesuskinds in ihrer Hand zu Fleisch und Blut wurde. Auch im Kloster Töss, sagt Elke Jezler, dürften solche mystischen Erfahrungen gemacht worden sein.

Historisches Museum Thurgau Schloss Frauenfeld, Rathausplatz 2, Di — So, 13 bis 17 Uhr. Eintritt frei (Der Landbote)

Erstellt: 18.12.2017, 16:02 Uhr

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