Winterthur

Angreifer muss die Schweiz nicht verlassen

Obwohl er einen Hotel-Receptionisten in Winterthur brutal verprügelt hat, wird ein junger Türke nicht des Landes verwiesen.

Im Hotel Plaza gab es 2017 eine heftige Attacke, der Grund bleibt bis heute unklar. Bild: Madeleine Schoder

Im Hotel Plaza gab es 2017 eine heftige Attacke, der Grund bleibt bis heute unklar. Bild: Madeleine Schoder

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An einem Februarabend 2017 kam es im Hotel Plaza an der Technikumstrasse zu einer wüsten Attacke. Einer der Beschuldigten stand nur vor dem Bezirksgericht – es war bereits sein zweiter Anlauf. Den ersten Prozesstag hatte der türkischstämmige Mann im Juni platzen lassen, als er zu Beginn lautstark einen neuen Verteidiger forderte.

Dem jungen Mann, der mit seinem neuem Verteidiger nun zufriedener schien, wurde von der Einzelrichterin die Anklage der Staatsanwaltschaft vorgehalten. Demnach soll er vor bald drei Jahren in einen Streit mit dem Receptionisten des Hotel Plaza geraten sein. Dann habe er seinen Bruder und einen Kollegen herbeigeholt und gemeinsam hätten sie im Eingangsbereich des Hotels den Receptionisten verprügelt. Von Faustschlägen gegen den Kopf und Tritten in die Beine ist in der Anklageschrift die Rede. Zudem sei dem Opfer ein Porzellan-Sparschwein an den Kopf geworfen worden.

26 Tage U-Haft

Der Receptionist wurde bei dem Angriff mittelschwer verletzt. Der Hauptbeschuldigte wurde kurz danach verhaftet. Neun Polizisten waren laut Akten nötig, um ihm Blut abzunehmen. Hintergrund war offenbar sein Drogenkonsum. Er blieb 26 Tage in Untersuchungshaft.

Die Beweislage war schon zu Beginn des Prozesses erdrückend. Dies vor allem, weil detaillierte Videoaufnahmen des Geschehens vorliegen, welche die Anklage in den zentralen Punkten stützen. Dennoch bestritt der Mann, der in der Region im Restaurant seiner Familie tätig ist, grundsätzlich alle Vorwürfe; er habe sich nämlich bloss gewehrt. «Ich war ganz friedlich an der Bar des Hotels und wollte zum Lift, weil meine Mutter damals im obersten Stockwerk gewohnt hat», erzählte der Beschuldigte. «Da stand plötzlich der Receptionist vor mir und stiess Todesdrohungen gegen mich aus. Ich weiss bis heute nicht, warum.» Eventuell sei es dabei um Spielschulden seines Vaters gegangen. Der war nämlich auch im Hotel Plaza anwesend. Erst konfrontiert mit den Videoaufnahmen sprach er über die Prügelei, behauptete aber, er habe nur schlichten wollen.

Anlass bleibt nebulös

Der Verteidiger monierte, die Befragung des vermeintlichen Opfers sei zu undetailliert gewesen. Der Receptionist habe den Vater des Beschuldigten und diesen selber ja heftig bedroht. Kritik brachte er auch an der Übersetzung der Video-Tonspur an: Diese sei tendenziös. Alles in allem sei der Abend einfach unglücklich verlaufen.

Unklar blieb bis zuletzt, weshalb die Parteien überhaupt aneinandergerieten. Ging es um Drogen? Das insinuierte die Richterin, indem sie eine Aussage des Vaters des Beschuldigten zitierte. Oder ging es um die Spielschulden des Vaters im 2016 eröffneten Hotel Plaza, das damals noch unter anderer Führung als heute stand und wo ein dubioser Börsen-Spielsalon untergebracht war?

Neun Monate bedingt

Für die Richterin blieb dies ebenfalls unklar. Doch aufgrund der Videoaufnahmen und zahlreicher Aussagen verurteilte sie den zweifach vorbestraften Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten.

Er, der laut eigenen Aussagen noch nie in seinem Heimatort in der Türkei war, muss die Schweiz aber nicht wie gefordert verlassen. Er sei noch ganz knapp ein Härtefall, meinte die Richterin, da er schon als Kind in die Schweiz kam und die ganze Familie hier habe. Aber es sei seine letzte Chance: Denn er habe viel kriminelle Energie an den Tag gelegt und den Receptionisten mit den Faustschlägen nur mit Glück nicht schwerer verletzt.

Das Urteil kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Erstellt: 03.12.2019, 14:31 Uhr

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