Abschied

«Auch heute wollen die Leute noch ein Autogramm»

Knapp 40 Jahre lang war Robert Bretscher Lokführer. Gestern fuhr die Schweizer Kunstturnlegende das letzte Mal in den Hauptbahnhof ein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Natel piepst ununterbrochen. Es liegt auf dem Führerstandpult, vor dem Robert Bretscher heute zum letzten Mal sitzt, nach fast 40 Jahren. Lokomotivführer sei schon immer sein Traumberuf gewesen, sagt er. Bevor er mit 25 Jahren seine Ausbildung begann, hatte der Winterthurer aber bereits eine beeindruckende Karriere als Kunstturner hinter sich. Von 1971 bis 1978 war er an allen internationalen Wettkämpfen dabei, zweimal an einer Olympiade. Er wurde dreimal Schweizer Meister im Zwölfkampf und gewann 22 Geräte­titel. Im besten Turnalter entschied er sich, aufzuhören, um Lokführer zu werden. Auch heute noch werde er ab und zu erkannt und um ein Autogramm gebeten.

Mit Herz und Seele

«Ich musste an die Zukunft denken», sagt Bretscher. Als Turner verdiente man nichts, es gab ­weder Preisgelder noch einen Vertrag. Viel Training brauchte es aber schon damals – bis zu 18 Stunden pro Woche. Es war der richtige Entscheid, ist der 65-Jährige bis heute überzeugt. Und betont, er sei damals im Guten gegangen, entgegen einem damaligen Artikel in der «Schweizer Illustrierten».

«Ich habe es nie bereut, meine Karriere aufgegeben zu haben.»


Robert Bretscher,
Kunstturnlegende

«Ich habe es nie bereut.» Im Gegenteil, er sei 39½ Jahre lang mit Herz und Seele Zug gefahren. Auch wenn sich in dieser Zeit viel verändert hat. «Die Belastung für das Zugpersonal ist grösser geworden, obwohl der mechanische Aufwand geringer wurde.» Man hat nun viel mehr digitale Hilfestellungen, die Handgriffe seien aber im Wesentlichen die gleichen geblieben. «Fehler sind mir zum Glück nie unterlaufen.» Trotzdem habe er auch weniger Schönes erlebt in dieser Zeit – zwei Suizide und ein Bahnunfall.

Der Kontakt blieb

Auf der Brücke gleich nach ­Aadorf steht sein Bruder und winkt ihm mit einem brennenden Besenstiel zu. Bretscher lacht und lässt den Zug tuten. Kurz dar­auf ertönt die Lautsprecherdurchsage. «Wir gratulieren zur Pensionierung. Machs gut. Adieu, merci und tschüss.» Die Passagiere klatschen. Mittlerweile ist es eng geworden in der Führerkabine. Seine Frau Fränzi, sein Bruder, der Vorgesetzte und seine zwei Söhne wollen ihn alle ein letztes Mal von Wil nach Winterthur begleiten. «Früher sind wir sehr oft mit ihm mitgefahren», sagt Sohn Christian. Am schönsten seien die «Ausflüge» in die Badi gewesen. Sowieso hätten ihre Eltern bereits damals modernstes Jobsharing gemacht. Ihre Mutter, Fränzi, war bis zum Swissair-Grounding Flugbegleiterin, danach wechselte auch sie auf die Schienen, als Kontrolleurin und Zugbegleiterin. «Unsere Schichten so zu legen, dass immer ­jemand zu Hause war, war überhaupt kein Problem», sagt sie.

Was mit vier Kindern und Job weniger oft ging, war, an jedem Turnfest mit dabeizusein. «Ich musste öfter mal absagen», sagt Bretscher. Denn der Kontakt zu seinen Turnkollegen und -kolleginnen ist bis heute geblieben. Wenn, dann müsse man schliesslich schon ein Bier trinken, und das gehe nicht, wenn man am nächsten Tag arbeiten musste. Seit gestern hat er dafür nun genügend Zeit. Und für seine – bald vier – Enkelkinder. «Obwohl ich meinen Job liebte, freue ich mich nun doch auf die Zeit nach der Arbeit.»

Und dann ist es so weit. Bretscher fährt den Zug ein letztes Mal in den Winterthurer Bahnhof ein. Mehr als 100 Menschen nehmen ihn auf dem Gleis 3 in Empfang. Vier Alphornbläser spielen, der Apéro ist angerichtet, ein grosses Plakat verkündet: «Herzliche Gratulation zur Pensionierung». Was folgt, sind ein paar verdrückte Tränen und viele Umarmungen und Hände, die geschüttelt werden wollen. Sein Vorgesetzter staunt: So viele ­Leute habe er bei einem Abschied noch nie gesehen. (Der Landbote)

Erstellt: 04.08.2018, 10:54 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!