Philosophie

Auch junge Menschen fragen sich, was das Ganze soll

Seit 2014 betreibt Beat Claude Sauter in Winterthur eine philosophische Praxis. Die meisten Leute kommen mit Sinnfragen zu ihm. Das Internet helfe bei der Suche nach Antworten nur bedingt, sagt Sauter.

Philosophieren war bei den Griechen eine gesellige Angelegenheit. Platons «Gastmahl», Ausschnitt aus dem ­Gemälde von Anselm Feuerbach.

Philosophieren war bei den Griechen eine gesellige Angelegenheit. Platons «Gastmahl», Ausschnitt aus dem ­Gemälde von Anselm Feuerbach. Bild: PD

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Sie haben jahrzehntelang an der Berufbildungsschule in Winterthur Philosophie unterrichtet. Wie bringt man heute junge Leute zum Denken?
Beat Claude Sauter: Indem man sie die eigene Denkfähigkeit entdecken lässt. Das gelingt zum einen mit dem Perspektivenwechsel, den die Lektüre philosophischer Texte auslösen kann, zum anderen mit der Einübung einer dialogischen Haltung: Man hört einander zu und schult sich zugleich im Gebrauch der Sprache. Das ist ein zentraler Aspekt der Charakterbildung, der in den Lehrplänen der Berufsschulen zusehends marginalisiert wird.

«Philosophie gehörte für manchen Zeitgenossen damals nicht in eine Berufsmaturität; in solchen Schulen sollte nicht Zeit mit unnützem Zeug vergeuden.»

Ich habe 1989 innerhalb der Berufsmittelschule damit begonnen, Philosophiekurse als Freifach anzubieten. Ab 1992 wurde dieses Fach innerhalb der neu aufgebauten Berufsmaturitätsschule zum permanenten Angebot, übrigens lange als einzige Berufsschule weit und breit. Mich hat die Aufgabe von Anfang an gereizt, junge Menschen mit Berufshintergrund in einem für die damalige Zeit revolutionär neuen Umfeld zu unterrichten. Philosophie gehörte für manchen Zeitgenossen damals nicht in eine Berufsmaturität; in solchen Schulen, fanden sie, sollte man sich aufs praktische Leben vorbereiten und nicht Zeit mit unnützem Zeug vergeuden. Doch der Zulauf gab mir Recht.

Je grundlegender philosophische Fragen sind, desto weniger haben sie mit dem Alltag zu tun. Interessieren sich Schülerinnen und Schüler auch für solche grundlegenden Fragen?
Zum zweiten Teil Ihrer Frage muss ich sagen, ja, unbedingt. Zum ersten Teil: es ist wohl eher das Umgekehrte der Fall. Je grundlegender eine philosophische Frage ist, desto eher vermag sie mir mein bis anhin unreflektiertes Verhalten aufzuzeigen; danach werde ich den Alltag mit neuen Augen sehen. Gerade weil wir uns in einer sehr strukturierten, von materieller Ablenkung und Machertempo durchtränkten Welt bewegen, ist die Lust zu eigenen Denkleistungen nicht nur bei jungen Menschen schnell geweckt.

Was sind Fragen, die Jugendliche heute bewegen, Ihrer Erfahrung nach?
Das lässt sich schwer generalisieren. Nach der Lektüre von Philosophen wie Kant und Rousseau machte ich jeweils am Schluss eines Jahreskurses mit den Schülern Fragestunden. Wir haben diese intensiven Stunden das Philosophische Forum genannt. Dabei häuften sich die Sinnfragen, auch die Fragen nach dem Tod und dem Sterben. Natürlich kamen auch Fragen nach der richtigen Berufswahl, nach Weiterbildungsmöglichkeiten oder Beziehungsfragen. Wenn es gelingt, die Fesseln der Denkgewohnheiten abzustreifen und eigene Denkmodelle zu entwickeln, dann wirkt sich das weit über den schulischen Rahmen hinaus positiv aus.

«Die meisten Leute kommen mit Sinnfragen.»

Seit 2016 sind Sie pensioniert, seither konzentrieren Sie sich auf Ihre philosophische Praxis Alkyon. Dort bieten Sie unter anderem philosophische Beratung an. Mit welchen Fragen kommen die Leute zu Ihnen?
Die meisten Leute kommen mit Sinnfragen, weil sie nicht mehr weiter wissen oder in einem Lebensabschnitt stecken, der sie zaudern lässt. Im Einzelgespräch kann man solchen Verwirrungen näher kommen und den Knoten allenfalls lösen helfen. Andere wollen an einem Lesezirkel teilnehmen, weil sie an philosophischen Fragen interessiert sind.

Was ist im Idealfall das Resultat einer philosophischen Beratung?
Dass sich der oder die Ratsuchende auf den Prozess einlässt, seine Sichtweisen zu überprüfen. Dazu braucht es auch eine gewisse innere Bereitschaft. Kürzlich war ein älterer Ratsuchender bei mir, der daran litt, dass er sich für alles Mögliche verantwortlich fühlte. Ihm hat letztlich der Text eines stoischen Philosophen geholfen, der die Frage erörtert, was mich etwas angeht und was strenggenommen nicht. In der intensiven Auseinandersetzung konnte er den Sinn des Textes auf sich selbst anwenden und die eigene Perspektive nachhaltig ändern.

Dank einer Vielfalt von medialen Angeboten sind wir heute so reichhaltig informiert wie wohl keine Generation vor uns. Sind auch philosophische Fragestellungen davon betroffen? Mit anderen Worten, erleichtert das Internet die Suche nach Antworten?
Nur bedingt. Wir sind wohl reichhaltiger informiert, aber im Hinblick auf eine philosophische Fragestellung kaum aufgeklärter. Wenn ich den Horizont meiner Entscheidungsfähigkeit nicht selbst abstecken kann, dann kann mir auch eine Anhäufung von Fragen und Antworten nicht helfen, die «richtige» Lösung herauszudestillieren.

«Erstrebenswert ist nicht nur, was uns «weiter» bringt, sondern was uns Wege aufzeigt, den inneren Dialog in Gang zu halten.»


Wenn man im Internet eine Flut von Informationen zu einem Thema findet, wie soll man als Laie dann unterscheiden können, welche Information geeignet ist? Da muss man lernen, zu unterscheiden und ein Urteil zu fällen. Dem gebildeten Anwender eröffnen sich zwar sehr hilfreiche Möglichkeiten. Gerade zu Philosophen und zu Themen der Philosophie kann man sehr gute Beiträge lesen. Aber es ist nicht die Antwort, die philosophisch von Interesse ist, sondern meine persönlich entwickelte Frage.

Welches Lebensziel ist aus philosophischer Sicht für den Einzelnen erstrebenswert?
Das sieht jeder anders. Ich denke, eine profunde und immer wieder auch mit anderen gemeinsam geübte Beschäftigung mit Sinnfragen kann zum Ziel führen. Erstrebenswert ist nicht nur, was uns «weiter» bringt, sondern was uns Wege aufzeigt, den inneren Dialog in Gang zu halten. Wenn wir lernen, uns von unseren Denk-Gewohnheiten zu distanzieren, eröffnet sich uns die Möglichkeit, Bande zu lösen und zu entwickeln. Entwicklung meint ja wörtlich zuerst ein Befreien von Bindungen.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.01.2018, 14:45 Uhr

Beat Claude Sauter, Jahrgang 1955, lehrte 38 Jahre lang Deutsch und Philosophie an der Berufsbildungsschule in Winterthur und dort seit 1988 auch an der Berufsmaturitätsschule. Seit 2014 hat er eine eigene philosophische Praxis und bietet Einzel- und Gruppenberatungen sowie Workshops an und hält Vorträge zu ethischen Themen. In Zusammenarbeit mit dem Zürcher Institut für Philosophische Praxis (Zippra) veranstaltet er das Café Philo zu aktuellen Fragen. www.alkyon.ch.
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