Rheinau

Bauern kritisieren ihren Verband

Wegen des drohenden Endlagers befürchten Weinländer Bauern Imageschäden für ihre Produkte. Sie werfen dem Zürcher Bauernverband vor, sie zu wenig zu unterstützen.

Lebhafte Podiumsdiskussion in Rheinau (v.l.n.r.): Bauernverbandspräsident Hans Frei und die Biobauern Heinz Höneisen und Martin Ott.

Lebhafte Podiumsdiskussion in Rheinau (v.l.n.r.): Bauernverbandspräsident Hans Frei und die Biobauern Heinz Höneisen und Martin Ott. Bild: Markus Brupbacher

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was er denn sagen würde, wenn das «Tor zum Endlager» vor seinem Scheunentor zu liegen käme? Die Frage des Gesprächsleiters, Biogemüsebauer Heinz Höneisen aus Andelfingen, beantwortete der Zürcher Bauernverbandspräsident Hans Frei am Sonntag an einer Podiumsdiskussion in Rheinau nicht.

Stattdessen verwies er auf das Gesundheitssystem, in dem Mitglieder seiner Familie arbeiten würden. Bei praktisch jedem Besuch im Spital hinterlasse man Spuren – radioaktiv strahlende Abfälle wie etwa durch das Röntgen. Diese Spuren müsse man endlagern, entsorgen, fuhr Frei fort. Da könne der Bauernverband nicht wegschauen, es gelte eine Antwort für die ganze Gesellschaft zu finden. Und im Suchprozess für ein Endlager müsse man ein Stück weit Vertrauen in die Wissenschaft haben. Diesem Prozess könne sich auch sein Verband nicht verweigern, sagte Frei.

«Wenn es um Landverlust durchs Endlager geht, ist der Bauernverband nirgends.»Martin Ott

Die Podiumsdiskussion fand gestern nach der offiziellen Gründung des Vereins Like Weinland statt («Ländliche Interessengemeinschaft kein Endlager im Weinland»). Hinter dem Verein stehen vorwiegend Weinländer Bauern.

Verband soll für Bauern da sein

Freis Argumentation samt dem Beispiel mit den strahlenden Abfällen aus der Medizin verwendet die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) häufig – von einem Branchenverband, der die Interessen seiner Mitglieder vertritt, erwartet man sie hingegen weniger. Und genau hier setzte die Kritik von Martin Ott an. Er ist der Leiter der biodynamischen Landwirtschaftsschule Rheinau und Leiter der Fachgruppe Sicherheit in der Weinländer Endlager-Regionalkonferenz.

Wenn es um den Kulturlandverlust durch revitalisierte Bäche gehe, «dann steigt der Bauernverband auf die Barrikaden». Wenn aber durch das «Tor zum Endlager» 15 Hektaren Kulturland verlustig gingen, «dann ist er nirgends». Beim Widerstand gegen das Endlager fehle ihm der Verband, sagte Ott. Und er korrigierte Frei: Die Rede sei hier nicht von schwach strahlenden Röntgenabfällen, sondern von hochradioaktiven Abfällen aus Atomkraftwerken.

Wäre die Praxis eines Arztes bedroht, fuhr Ott fort, würde sich der Ärzteverband auch für diesen einsetzen. Das Gleiche erwarte er vom Bauernverband, wenn das Endlager die Existenz von Bauern bedrohe. Ott vermutet hinter der Zurückhaltung des Verbandes die Verbindungen zu den atomfreundlichen bürgerlichen Parteien wie etwa der SVP. «Der Bauernverband muss für die Bauern da und nicht politisch sein.»

Nicht «im Sog der Politik»

Die Sensibilität für das Thema Endlager sei da, wehrte sich Frei. Und der Bauernverband gehe nicht zuerst die Parteien fragen, bevor er Position beziehe. Sein Verband stehe nicht «im Sog der Politik». Aber die Bauern und ihr Verband müssten in der Gesellschaft verstanden werden und eine Gesamtverantwortung tragen. Und dazu gehöre eben auch, eine Lösung für das Atommüllproblem zu suchen.

Frei bat um Verständnis dafür, dass er hier im Weinland nicht stärker gegen die Endlagerpläne auftreten könne, denn: Wenn man das Lager nicht im Weinland wolle, dann rücke automatisch Nördlich Lägern, die zweite Endlagerregion im Kanton Zürich, in den Fokus. Der Verband trage aber die Verantwortung für alle Bauern im Kanton. Der Verein Like betont allerdings, dass er auch gegen den Bau des Endlagers anderswo sei.

Von seinem Verband verlangen die Like-Bauern, dass er ihre Interessen als Landwirte vertritt – im Zürcher Weinland, aber eben auch anderswo. Die Verantwortung für die Endlager-Standortsuche liege beim Bund und nicht beim Zürcher Bauernverband, meinte ein Teilnehmer am gestrigen Anlass. (Der Landbote)

Erstellt: 26.08.2018, 18:12 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben