Wiesendangen

Beim Wachstum haben sie andere Ansichten

Lucia Gerber (GLP) und Bettina Huber (FDP) wollen den freien Sitz im Wiesendanger Gemeinderat übernehmen. Die Kandidatinnen im Gespräch.

Die Grünliberale Lucia Gerber (links) und Bettina Huber von der FDP wollen beide in den Gemeinderat. Am 21. Mai wird sich zeigen, wer den Platz von Ulrich Gamper (SVP) einnimmt.

Die Grünliberale Lucia Gerber (links) und Bettina Huber von der FDP wollen beide in den Gemeinderat. Am 21. Mai wird sich zeigen, wer den Platz von Ulrich Gamper (SVP) einnimmt. Bild: Heinz Diener

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«Für eine Wahl mit Auswahl»: Damit wirbt die GLP für Ihre Kandidatur, Frau Gerber. Ist das Ihre einzige Motivation?

Lucia Gerber: Nein, sicherlich nicht. Aber die Wiesendanger konnten bei Wahlen schon länger nicht mehr wirklich wählen. Es gehört aber zur Demokratie zu sagen, dass einem dieses oder jenes besser gefällt. Aber natürlich denken wir auch, dass Vertreter der Ökologie im Gemeinderat leicht untervertreten sind. Wir streben aber keine Revolution an, in vielen Themen denken wir sehr ähnlich wie die FDP.

«Ein Wiesendangen mit gesunden Finanzen», so steht es auf ihren Inseraten, Frau Huber. Droht eine Steuererhöhung?

Bettina Huber: Momentan sicher nicht, die Gemeinde ist finanziell sehr gut aufgestellt und so soll es auch bleiben. Eine Steuererhöhung auf Vorrat ist nicht in meinem Sinne. Aber die Aufwände im Bereich Gesundheit, Soziales und Schule werden steigen. Von dem her ist klar, dass der Steuerfuss nicht jahrzehntelang zehn und mehr Prozentpunkte tiefer bleiben wird als jener der Nachbargemeinden.

Stark gewachsen ist die Wiesendanger Bevölkerung mit heute gut 6300 Einwohnern. Der Kanton sagt, dass da noch mehr geht. Ein grosser Streitpunkt ist die revidierte Bau- und Zonenordnung. Ihre Position dazu?

Gerber: Wir sind mit dem verdichteten Bauen einverstanden, aber gegen die zwei geplanten Neueinzonungen (Gewerbe- und Wohngebiet, Anm. d. Red.). Die Bauern sterben irgendwann aus, weil es irgendwann kein Land mehr gibt, auf dem man bauen kann. Es gibt etwa in der Stadt Winterthur viel eingezontes Gewerbegebiet, das noch nicht überbaut ist. Regional betrachtet, ist es eine Einzonung auf Vorrat.

Sie sehen das anders, Frau Huber.

Huber: Ja, ich finde es ganz wichtig, dass Wiesendangen solche Arbeitsplatz- und Wohngebiete anbieten kann. Wir haben unterdurchschnittlich wenig Arbeitsplätze in der Region, gerade für das produzierende Gewerbe. Das Arbeitsplatzgebiet ist nicht nur für die Gemeinde, sondern für die ganze Region wichtig. Ich engagiere mich für ein Wiesendangen, das nicht einfach nur eine Wohngemeinde sein soll. Ich will, dass man im Ort arbeiten, wohnen, leben kann.

Das führt zu mehr Verkehr.

Huber: Es wird mehr Arbeitsplätze und damit auch etwas mehr Verkehr geben, klar. Aber das Gebiet ist ausserhalb des Dorfes direkt beim Autobahnanschluss und belastet uns dadurch kaum. Laut Bund und Kanton soll 80 Prozent des Bevölkerungswachstums in den urbanen Zonen stattfinden, das Dorf Wiesendangen gehört zu diesen Zonen. In den Aussenwachten darf man gar nichts mehr bauen. Wir haben also gar nicht viele Möglichkeiten.

Soll Wiesendangen denn wachsen?

Gerber: Wir könnten laut Gemeinde jetzt noch um etwa 1500 Personen wachsen, es ist genügend Potenzial vorhanden. Mit den Auf- plus Einzonungen könnten wir locker auf 10 000 Einwohner kommen. Ich weiss nicht ob das am Ende wirklich noch Wiesendangen ist.

Viel Spielraum ist aber nicht vorhanden, wenn der Kanton Druck macht. Gerber: Man kann sich auch unter Druck setzen lassen. Der Richtplan ist das eine, wie man ihn umsetzt bleibt die Entscheidung des Dorfes. Es ist den Leuten wichtig, den Charakter des Dorfes zu erhalten.

Huber: Aber wir haben ein Bevölkerungswachstum in der Schweiz und dieses soll in gut erschlossenen Orten wie beispielsweise Wiesendangen stattfinden. Wir verfügen über eine gut ausgebaute und auf 7500 Einwohner ausgerichtete Infrastruktur. In der revidierten Zonenordnung werden weniger Neueinzonungen und auch Auszonungen vorgeschlagen, zudem verfügen wir über geringere Reserven als weniger attraktive Gemeinden.

Beim Verkehr in Wiesendangen scheiden sich ebenfalls die Geister. Können Sie sich Tempo 30 in Wiesendangen vorstellen, wie es Einwohner vorschlagen?

Huber: Ja, grundsätzlich ist die FDP für eine Temporeduktion auf Gemeindegebiet. Gerber: Tempo 30 ist auf jeden Fall in meinem Sinne. Das erhöht die Sicherheit und verursacht weniger Lärm. Möglich wäre auch, Einbahnverkehr in gewissen Abschnitten einzuführen.

Huber: Wir wissen leider immer noch nicht, wie viel Prozent der Durchgangsverkehr bei uns tatsächlich ausmacht. Dem müssen wir noch nachgehen, um wirkungsvolle Massnahmen abzuleiten.

Frau Huber, Sie haben gegen die Schliessung des SBB-Schalters in der Poststelle protestiert. Ist ein Einsatz für den Service Public nicht untypisch für die FDP?

Huber: Ich denke nicht. Der FDP ist ein starker, sinnvoller Service Public wichtig, genauso wie ein starker, angemessener Staat. Am Ende zahlen wir ja alle mit den Steuern den Service Public. Die FDP Wiesendangen unterstützt den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, daher haben wir uns gegen diesen Leistungsabbau der SBB gewehrt. Wir müssen abwarten, was die SBB nun macht.

Wieso haben die Grünliberalen die Petition nicht unterstützt?

Gerber: Zeiten ändern sich. Das Gleiche gilt für die drohenden Postschliessungen: Zahle ich noch mit meinem gelben Büchlein ein, wie viele Briefe schreibe ich noch? Die Bedürfnisse haben sich massiv verändert. Wir haben uns andere Lösungen überlegt, etwa einen Computer im Gemeindehaus, an dem man ein SBB-Ticket lösen könnte.

Huber: Ich sehe das anders. Die Poststelle in Wiesendangen soll ja anscheinend gefährdet sein, das ist erschreckend! Klar, ich selber mache auch keine Einzahlungen mehr am Postschalter. Aber ich fände das gar keine gute Entwicklung, wenn die Poststelle geschlossen würde.

Gerber: Ich würde die Post auch vermissen und gebe mir deshalb Mühe, meine Briefe in Wiesendangen aufzugeben und die Marken ebenfalls dort zu kaufen. Wenn wir wollen, dass die Kosten für den Service Public nicht überborden, müssen wir irgendwo auch Kompromisse machen.

Der zurücktretende Gemeinderat Ulrich Gamper stand dem Hochbau vor. Haben Sie da Erfahrung?

Huber: Ja, ich arbeite bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland und bin dort Projektleiterin des Ersatz- und Ergänzungsbaus Schlosstal. In Biel war ich in der Bau- und Holzbranche tätig und bringe als Ökonomin Erfahrung in der Bauplanung mit.

Gerber: Ich habe in meinem Leben schon enorm viel gelernt und kann das auch weiterhin. Auch ich habe Projekte geleitet und ausserdem für Produkte auf dem Markt die volle ökonomische Verantwortung übernommen. Letztlich ist der Gemeinderat das Gremium, das die Strategie vorgibt. Ich gehe nicht davon aus, dass ich irgendwann selber den Pickel in die Hand nehmen muss. Ich bin offen für das, was kommt und bin sicher, dass ich mich innert kürzester Zeit einarbeiten kann. Es gäbe dann ja auch noch eine Übergabe durch Herrn Gamper.

Werden Sie genügend Zeit für das Mandat mitbringen können?

Huber: Ja, ich kenne diverse Gemeinderäte, die wie ich 100 Prozent arbeiten und dazu noch Kinder haben. Da muss man sich auch fragen, wie man das vereinbaren kann. Ich habe keine Kinder und bin vielerorts engagiert. Diese Engagements will und werde ich teilweise zurückfahren. Ich finde es sehr wichtig, dass der Gemeinderat massgeblich verjüngt wird.

Was erwidern Sie Kritikern, die sagen, dass Sie zu alt für dieses Amt seien, Frau Gerber?

Gerber: Als Pensionierte in spe werde ich Zeit fürs Amt haben. Und zwar dann, wenn die Arbeit anfällt. Ich muss sie nicht einfach irgendwo noch irgendwie reinwürgen. Als zweischneidiges Schwert empfinde ich die Altersdiskussion. Auf der einen Seite gibt es gewisse Parteien die Rentenalter 67 fordern (blickt zu Huber), gleichzeitig hat man aber beim Alter 63 das Gefühl, dass es langsam vorbei sei. Das finde ich nicht. Es geht mir gut. Ich habe Kraft und Lust, mich für die Allgemeinheit einzusetzen.

Erstellt: 28.04.2017, 17:33 Uhr

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