Film

Chinas verborgene Seiten

FIn seinem Film «A Long Way Home» zeigt der Schweizer Regisseur Luc Schaedler, wie chinesische Künstler mit der Zensur umgehen. Darüber spricht er am Freitag auch im Kino Cameo in Winterthur. Im Interview äussert er sich über seine Leidenschaft für China und das Filmen.

Hier entsteht gerade chinesische Kunst: Szene aus dem Film «A Long Way Home» von Luc Schaedler.

Hier entsteht gerade chinesische Kunst: Szene aus dem Film «A Long Way Home» von Luc Schaedler. Bild: PD

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Herr Schaedler, Sie haben im Lauf der letzten zwanzig Jahre in China vier Filme gedreht. Was fasziniert Sie an China?
Luc Schaedler: Als 1989 in Peking die Studentenbewegung entstand, jobbte ich in Hong Kong in einer Bar und verfolgte das Geschehen aus der Ferne. Ich war damals 25 und reiste durch Asien. Ich konnte mich gut in die gleichaltrigen Studenten einfühlen, die sich für eine freiere und offenere Gesellschaft engagierten. Die Niederschlagung durch die Volksarmee war ein Schock.

Und danach?
… beschloss ich nach China zu gehen: Ich reiste von Pakistan kommend diagonal durchs Land. Das war absolut spannend, die Reise führte aus dem kaum industrialisierten Westen in grosse Städte im Osten, in denen erste Hochhäuser standen und sich künftige ökonomische Entwicklungen bereits abzeichneten.

Und wieso die Filme?
Sie geben mir die Möglichkeit, Fragen nachzugehen, die mich seit dieser Reise beschäftigen: «Made in Hongkong» fängt die Stimmung in Hong Kong im Moment der Rückgabe an China ein, «Angry Monk» greift die Geschichte Tibets auf, und «Watermarks» handelt von Industrialisierung und Umweltfragen.

Ist es nicht schwierig, als Schweizer in China Dokumentarfilme zu drehen?
Das ist es. Vor allem bei heiklen Themen. Dafür offiziell eine Bewilligung zu bekommen, ist chancenlos. Also reise ich mit einem Touristenvisum ein, filme sozusagen privat mit einer Handkamera und arbeite mit einem unauffälligen Team. Dabei gilt es vorsichtig zu sein und keine Risiken einzugehen. «A Long Way Home» zum Beispiel spielt fast ausschliesslich in Innenräumen: Ateliers, Galerien, Büros. Drehs auf Strassen und öffentlichen Plätzen wären zu auffällig gewesen.

Können Sie Ihre Filme in China zeigen?
Das ist schwierig. Zum einen zählt China zu den Ländern, die es nicht schätzen, wenn man sich mit einem Blick von aussen mit ihrer Kultur auseinandersetzt. Zum anderen handelt «A Long Way Home» von Ereignissen – der Demokratiebewegung von 1989 und der Kulturrevolution der 1960er/70er-Jahre – die in China tabuisiert sind. Somit sind Vorführungen in China ausgeschlossen.

Täusche ich mich oder ist «A Long Way Home» Ihr persönlichster Film?
Das Thema und die Art, wie sich die Protagonisten damit auseinandersetzen, sind mir persönlich sehr nahe. Da die Protagonisten im Film über ihre Traumata und Verletzungen sprechen und dabei auch Intimes preisgeben, erscheint er vielleicht tatsächlich persönlich er als die anderen.

Wie fanden Sie Ihre Protagonisten?
So wie immer: Ich hatte eine Frage oder eine Idee, die mich beschäftigte, und suchte Menschen, die bereit waren, sie gemeinsam mit mir zu erörtern. Konkret suchte ich Kunstschaffende, die sich mit den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz und der Kulturrevolution beschäftigen und neugierig auf die Auseinandersetzung mit mir waren.

Sie haben erwähnt, dass die Ereignisse von 1989 und die Kulturrevolution tabuisiert sind.
Die Kulturrevolution taucht zwar in Filmen auf, aber der öffentliche Dialog darüber findet in China nicht statt. Tiananmen hingegen, bis vor einigen Jahren noch erwähnt, ist in den offiziellen Geschichtsbüchern jüngst gar nicht mehr anzutreffen. Und im Internet wird das Thema rigoros zensuriert.

Wieviel wissen die Menschen in China?
Wenig. Ich wurde schon während meiner ersten Reise im Herbst 1989 auf Tiananmen angesprochen und wusste mehr als die Einheimischen. Dabei erlebte China unter Deng Xiaoping von 1978 bis 1989 eigentlich eine Phase der Öffnung. Die Chinesen konnten erstmals in den Westen reisen und fremde Kulturen entdecken, viele hofften auf eine Änderung. Diese Hoffnung wurde 1989 zerstört.

Aber hermetisch abgeschlossen ist China heute nicht mehr.
Tatsächlich erscheint China heute modern, ist wirtschaftlich erfolgreich und vielerorts sieht es aus wie bei uns. Aber vor Ort sind Zensur und Repression allgegenwärtig. Unter Xi Jinping, der eine Präsidentschaft auf Lebenszeit anstrebt, ist China ein autokratisch regiertes Land.

Was hat es mit der im Film genannten «Erziehung der Grausamkeit» auf sich?
Das ist retrospektiv zu verstehen: Die Protagonisten wurden als Kinder Zeugen unglaublicher Grausamkeiten und wuchsen in einem Klima des Misstrauens auf: Während der Kulturrevolution hat man sämtliche natürliche gesellschaftlichen Strukturen – Dörfer, Familien – zerstört und durch Vorgaben der Partei ersetzt. Das spürt man noch heute. Es ist, als ob die Menschen Vertrauen nur zu sich selber, aber nicht zueinander haben.

Werden Sie wieder nach China reisen?
Ich möchte gerne Freunde besuchen. Filme drehen werde ich in China wohl keine mehr.

A Long Way Home: Freitag, 20.15 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz. Anschliessend Gespräch mit Regisseur Luc Schaedler. (landbote.ch)

Erstellt: 11.03.2018, 16:53 Uhr

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