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Chronist des Winterthurer Alltags

Da werden Erinnerungen wach und die Fundamente der Gegenwart erweitert: Das Buch «Winterthur. Stadt im Umbruch. Fotografien von 1960 bis 2017 von Andreas Wolfensberger» zeigt lauter Bilder, die mit dem Leben zu tun haben

«1963»: Hauptbahnhof, Taxis auf dem Mittelstreifen.
«1963»: Hauptbahnhof, Taxis auf dem Mittelstreifen.
Andreas Wolfensberger
«1963»: Hauptbahnhof, Stadtbus nach Seen.
«1963»: Hauptbahnhof, Stadtbus nach Seen.
Andreas Wolfensberger
«1998»: Sulzerarel, leere Dieselhalle.
«1998»: Sulzerarel, leere Dieselhalle.
Andreas Wolfensberger
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Diese stille, affektive Nähe zu dem, was er sieht: Man glaubt sie aus jedem der 266 Bilder herauszuspüren. Bilder, die über ein halbes Jahrhundert abdecken, schwarzweiss vor allem, in jüngerer Zeit farbig. Bilder, die Lebenswelt zeigen, vertraute Lebenswelt zumeist, die man aber nie so ganz hat, weil sie wie alle Fotografie, sie mag so aktuell sein, wie sie will, Momente festhält, die gewesen sind. Die Momente können sich wiederholen, sind aber jedesmal neu und anders. So erfährt sie der Betrachter, die Betrachterin, und je öfter er oder sie die Bilder anschaut, sich mit ihnen auseinandersetzt, desto mehr Erinnerung wächst ihnen zu.

Es ist ein Glück, dass Andreas Wolfensberger, im Zürcher Oberland aufgewachsen und in diesem Sommer 75 geworden, bereits als sehr junger Fotograf begann, aus purer Freude den Alltag zu beobachten und festzuhalten. Es wurde – nicht nur, aber eben immer auch und besonders intensiv – Winterthurer Alltag. Winterthur, das schon ein Thema im Rahmen von Wolfensbergers Studium bei Walter Binder an der Kunstgewerbeschule Zürich gewesen war, wurde zu seinem Lebensmittelpunkt und blieb es, trotz vertiefter Auslandserfahrung, bis heute. Ihn als fotografischen Chronisten der Stadt zu bezeichnen, ist kein leeres Wort. Dafür sprechen seine früher erschienenen Bücher zum Thema Winterthur, unter denen sich auch der ganz in Schwarzweiss fotografierte, klassisch schöne Essay «1310 Grad Celsius. Grossgiesserei Sulzer» (1993) findet, der das Ende einer Ära dokumentiert.

Stoff für Geschichten

Schön ist auch das neue Buch geworden, ausgesprochen schön sogar, obwohl die Schönheit sich ihn ihm weniger klassisch, sondern auf andere, unauffällig persönliche Art zeigt: leise, erzählerisch, Stoff für Geschichten liefernd, für subjektive Geschichten, die zwischen dem Betrachter und dem Bild entstehen. Die ihn in ein Gespräch verwickeln, ihn bei seiner Erinnerung packen. Die ihm, wenn seine Erinnerung ihn im Stich lässt, weil er nicht dabei oder noch gar nicht geboren war, weil dieses oder jenes Ereignis, dieser oder jener Ort ihn nicht berührt hat, Fragen stellen und seine Aufmerksamkeit herausfordern. Und eins ist sicher: Unberührt wird dieses Buch niemanden lassen, man braucht deshalb kein Winterthurer, keine Winterthurerin zu sein.

Seit fünf Jahrzehnten beobachtet Andreas Wolfensberger das Geschehen in seiner Stadt. Was sieht er? Was hält er fest? Er sieht Menschen, wie sie sich im Leben einrichten. Wie sie miteinander, wie sie mit ihrem Lebensraum umgehen, ihn gestalten, sich mit den Gegebenheiten arrangieren, ihnen etwas entgegensetzen. Wie Ereignisse ihr Leben strukturieren, unauffällig oder markant. Wie sich vieles verändert. Wie manches verschwindet, wie anderes hinzukommt. Eben: «Winterthur. Stadt im Umbruch» – wirtschaftlich, gesellschaftlich, städtebaulich.

Menschen wie du und ich: beim Bahnhof, im Konzert, im Museum, auf der Strasse, bei der Arbeit, beim Spiel, in der Beiz, am Veloputztag in der Reithalle, an der Fasnacht, am Albani-Fest, vor dem «Milchhüsli», in einer Schellenberg-Modeschau. Oder doch ein bisschen anders: im Menschenteppich der Friedensbewegten vor dem Eingang der Eulachhalle, in der eine Waffenschau eröffnet wird; und wieder in der Eulachhalle, wenn die Inderin Amma ihre Umarmungen anbietet; an einer Demonstration zum 1. Mai (für die 40-Stunden-Woche, für das Recht auf Abtreibung) oder gegen die unmenschlichen Haftbedingungen im Zusammenhang mit den Winterthurer Unruhen 1984.

Wolfensbergers Bilder führen an vertraute Orte und solche, die man nur vom Hörensagen kennt, weil sie längst verschwunden sind oder ein völlig anderes Gesicht zur Schau tragen. Oder wünscht sich jemand die Autos zurück, die fahrenden und die parkierten, in der Marktgasse, am Untertor, am Oberen Graben? Die verkehrsfreie Altstadt gehört zu den augenfälligsten Merkmalen des neuen Winterthur: mehr Platz für die Menschen, auch sie sind mehr geworden und haben aus Winterthur eine Grossstadt gemacht. Auch die Umnutzung des Sulzerareals scheint geglückt und bietet, wie der neue Stadtteil Neuhegi, Platz für neues Leben. Und die Bildung hat Winterthur verjüngt.

Ja, es ist ein ausgesprochen schönes Buch geworden, in dem sich leicht Lieblingsbilder finden lassen, bei jedem Durchblättern wieder neue: der Weg durch die winterlichen Pünten beim Zelgli mit dem haarsträubenden Baumskelett; die Fensteridylle mit italienischer Familie in der Neustadtgasse; die Reithalle mit dem Spiegelbild einer Reitstunde; oder die völlig unspektakuläre, irgendwie von einer zutiefst menschlichen Bewegung durchströmte Ansicht des Fussgänger-Bahnübergangs in Veltheim – lauter Bilder aus einem grossen, menschlichen Ganzen, aus denen unverstellte, nie zu nahe tretende Nähe spricht.

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