Winterthur

«Das Kunstblut muss ja wieder weg»

Annina Hess lässt in der Altstadt Freunde in hautfarbener Unterwäsche auflaufen, zum Teil mit Kunstblut verschmiert. Die Performance, die einen kritischen Blick auf den Fleischkonsum wirft, ist Teil ihrer Maturarbeit am Gymnasium Rychenberg.

Die Gymnasiastin Annina Hess kritisiert mit ihrer Maturabeit den Fleischkonsum. Bild: Heinz Diener

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Zuerst wollte ich für meine Maturarbeit Bilder malen. Aber damit erreicht man nur eine kleine Gruppe von Kunstinteressierten. Darum habe ich mich dann für Aktionskunst entschieden. In meiner Arbeit wird es um die Frage gehen, ob Kunst politisch sein soll und was das bedeutet. Die Performance ist sozusagen mein Praxisteil. Um die zehn Personen werden sich daran beteiligen. Sie liegen in hautfarbener Unterwäsche auf dem Boden herum, einige mit Kunstblut verschmiert. Ich will damit die Schritte der Fleischproduktion darstellen. In der Mitte steht eine Person aufrecht – sie repräsentiert das reine, fertige Produkt, dem man seine Herkunft nicht mehr ansieht. Sie wird auch beschriftet sein, so wie man das von der Fleischtheke her kennt.

«Ich selbst lebe vegan, seit nun zwei Jahren.» Annina Hess

Ich selbst lebe vegan, seit nun zwei Jahren. Es fing damit an, dass ich aus Neugier einmal ausprobieren wollte, einen Monat lang kein Fleisch zu essen. Dabei merkte ich, dass mir gar nichts fehlt, obschon davor alle meine Lieblingsgerichte mit Fleisch zu tun hatten. Als ich mich weiter mit dem Thema befasste, wurde mir klar, dass auch bei der Produktion von Milch und Eiern Tiere sterben. Das hat dazu geführt, dass ich vegan wurde. Ich habe wegen der Tiere verzichtet; ich mochte Tiere schon immer.

Natürlich hat im Umgang mit Tieren jeder seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Wenn ich eine Mücke im Schlafzimmer habe, schlage ich zum Beispiel auch zu. Bei einer Fliege dagegen nicht, die ignoriere ich einfach. Grundsätzlich ist für mich die Frage entscheidend, ob ein Tier leidet oder nicht. Schweine zum Beispiel sind sozial sehr intelligent, schon Isolation bekommt ihnen nicht. Bei Fischen ist das weniger eindeutig, aber sie leiden sicher, wenn sie in den Fischernetzen sterben.

Ich bin Mitglied von Animal Rights Switzerland und verteile manchmal Flyer für die Organisation. Mich interessieren aber auch andere politische Themen wie Umweltschutz, Klimawandel oder Feminismus. Die Veganerszene ist politisch eher links, wenn man aktiv ist, trifft man auch auf ziemlich radikale Meinungen. Das ist interessant für mich, ich will mir aber meine eigene Meinung bilden. In vielen Fragen habe ich noch nicht entschieden, wo ich politisch stehe.

«Natürlich hat im Umgang mit Tieren jeder seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Wenn ich eine Mücke im Schlafzimmer habe, schlage ich zum Beispiel auch zu.»Source

Eine Grundlage des Veganismus ist, dass man aufgrund des Leidens und der Freude, die ein Wesen empfindet, dieses Wesen respektiert und nicht aufgrund seiner äusseren Erscheinung. Seit ich mich mit Tierrecht befasse, sind mir Menschenrechtsfragen näher gerückt, und auch der Feminismus lässt sich über diese Ideen besser verstehen, was vielleicht komisch klingt. Es gibt viele Parallelen in diesen Bewegungen.

Die grösste Hürde beim Umstieg auf ein veganes Leben war für mich, was andere Leute denken. Meine Eltern waren sehr skeptisch, sie sagten, das sei ungesund. Die Weltgesundheitsorganisation allerdings sagt, Veganismus sei machbar, wenn man seine Ernährung entsprechend plane. Um meinen Proteinbedarf zu decken, esse ich zum Beispiel Bohnen und Hülsenfrüchte, für Vitamin B12 nehme ich Supplemente, aber das tun ja viele Leute, auch solche, die Fleisch essen.

Diskriminiert wurde ich wegen meines veganen Lebensstils noch nie. Die meisten Leute interessieren sich von sich aus und werden schnell sensibilisiert. Viele aus meiner Klasse sind schon zu mir gekommen und haben mir erzählt, dass sie gerade vegan zu Mittag gegessen haben. Natürlich werden die nicht alle vegan, aber sie haben einen bewussteren Umgang mit dem Essen. Ganz wichtig finde ich, dass man den Leuten nichts aufzwingen sollte, das wäre kontraproduktiv.

«Seit ich mich mit Tierrecht befasse, sind mir Menschenrechtsfragen näher gerückt.»

Aus meiner Klasse sind auch die Leute, die an der Performance mitmachen. Ich hatte auch Kollegen aus der Tierrechtsorganisation gefragt, aber die konnten nicht, weil sie am frühen Abend noch arbeiten müssen. Es ist wichtig, dass wir das in der Gruppe machen, je mehr Leute, desto grösser die Wirkung. Wenn nur einer allein dasteht, kann man sich als Zuschauer viel leichter distanzieren, die Person als Extremisten abtun. Ausserdem kennen meine Kolleginnen und Kollegen viele Leute und bringen so auch Publikum mit, die Leute machen Fotos und posten sie in den sozialen Medien, auch das ist wichtig.

Die Aktion beginnt am Montag um 16.30 Uhr am Graben, unweit vom Obertor. Sie dauert etwa eine halbe Stunde. Von der Polizei habe ich eine Bewilligung bis 17.30 Uhr. So bleibt noch genügend Zeit, um aufzuräumen und die Leute zu waschen. Das Kunstblut muss ja wieder weg.

(Landbote)

Erstellt: 25.08.2018, 09:48 Uhr

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