Lindau

Das Laufstall-Labor für Forscher und gläserne Kühe

Welches Futter ist das beste für die Kuh, die viel Milch und wenig Methan produzieren soll? Auf diese Frage suchen Forscher und Praktiker auf dem Gelände des Strickhofs eine Antwort.

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Wie ein Bauernhof wirken die neuen Gebäude auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Ausbildungszentrums Strickhof nicht. Und doch ist es einer. Einfach ein moderner, ja vielleicht einer der modernsten Bauernhöfe der Welt. Bloss Milch und Fleisch produziert wird hier allerdings nicht. Mit den Erträgen von Kühen und Rindvieh alleine liessen sich die über 60 Millionen Franken nicht refinanzieren, die Kanton und Bund in den Laufstall, den Maststall, das Futterlager und die Silos investiert haben.

Nein, der Agrovet-Strickhof, so heisst die Kooperation von ETH, Universität Zürich und dem Strickhof, ist quasi ein Elfenbeinturm auf dem Miststock. Hier werden künftig gleichzeitig Bauern und Tierärzte ausgebildet und Agrar- und Veterinärwissenschafter forschen. Zu den grossen neuen Gebäuden gehören darum auch ein Stoffwechselzentrum und ein Laborgebäude. Geforscht werde entlang der «gesamten Wertschöpfungskette der Nahrungsmittel», hiess es gestern an der Eröffnungsfeier, an der neben Regierungsratspräsident Markus Kägi (SVP) und Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) viele weitere Politiker und Fachleute teilnahmen.

Gechippt – von der Krippe bis zur Güllengrube

Mit Wertschöpfungskette und Nahrungsmitteln ist die Produktion von Milch, Fleisch und Eiern aus Gras, Mais und anderen Futtermitteln mittels Nutztieren wie Schweine, Schafe und Hühner gemeint. Geforscht wird von der Futteraufnahme bis zur Güllengrube, wo auch die Fladen der 128 Kühe landen. Diese tragen allesamt einen Chip am Hals, mit dessen Hilfe Daten gesammelt werden. Aufgezeichnet werden etwa die Menge des Futters, das eine Kuh frisst, ihre Laufwege durch den Stall und das Gewicht der Milch, das ihr vom Melkroboter oder von Hand abgenommen wird. Die Auswertung der Daten lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Kuhrasse das Futter am effi­zientesten zu Milch macht und auch, wann eine Kuh brünstig ist.

Damit aber nicht genug. Das Nutztier der Zukunft soll auch möglichst wenig klimaschädigendes Methan ausstossen. Um die dafür am besten geeigneten Rassen und Futtermittel zu bestimmen, wird der Gasausstoss der Tiere in sogenannten Respirationskammern gemessen. Zwölf solche Räume stehen für die Tests bereit. In den grösseren und kleineren Kammern werden die Tiere bis zu 48 Stunden lang gehalten, während Instrumente die Veränderungen in der Luft messen. Die Instrumente sollen derart genau sein, dass sich damit sogar die Stoffwechselprozesse einer Fliege nachvollziehen lassen.

Das Wort «Tierwohl» fiel anlässlich der Eröffnung viele Male. Auch auf einer Führung durch die Anlagen mit Ueli Voegeli, dem Direktor des Strickhofes. Das Wort «Tierversuch» fiel nur einmal – vor einer der Respirationskammern. Die Versuchsanordnung sei «nahe» bei einer Art Tierversuch, sagte Voegeli da, aber es sei eben keiner. Darauf hätten die Verantwortlichen geachtet, weil nur eine stressfreie Kuh dieselben Testergebnisse liefere wie eine Kuh auf der Wiese, erläuterte Voegeli. Das Wohl der in den Kammern gehaltenen Tiere sei gewährleistet durch die grossen Fenster in den Wänden, das Tageslicht, die Blickkontakte mit den Kühen in den benachbarten Kammern und den Blickkontakt der Kühe mit den Menschen ringsum. Während der Tests haben die Tiere zu jeder Zeit Zugang zu Wasser und Futter. Die Erkenntnisse aus den Tests fliessen ein in den Anbau und die Verwendung von Futtermitteln und die Zucht von Nutztieren.

Die am Agrovet gewonnenen Erkenntnisse bildeten die Basis für die Beantwortung von Kernfragen wie die wachsende Weltbevölkerung, der Klimawandel und die oft nicht nachhaltige Bodennutzung, sagte ETH-Präsident Lino Guzzella. «Es ist dies eine der nobelsten Aufgaben.» Er zählte einige Topwissenschafter auf, die auch wegen des neuen Zentrums bereits nach Zürich gewechselt hätten.

Unirektor Michael Hengartner strich heraus, wie wichtig es aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht gleichermassen sei, die Nutztiere «mittels präventiver Massnahmen» gesund zu erhalten. Zu studieren gelte es auch, wie sich die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen verhindern lasse.

«Mehr Menschen werden mehr essen und wollen dabei ein besseres Gewissen haben», sagte Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft. Beides zusammen lasse sich nur erreichen, wenn es der Forschung gelinge, Grenzen zu versetzen.

Vertrag aufgelöst, Nachtragskredit nötig

Von den nicht einfachen Planungs- und Bauarbeiten berichtete Regierungsratspräsident Kägi. «Wir haben einen beachtlichen Lernprozess durchlaufen», sagte er. 2015 hatte der Kanton den Vertrag mit dem Architekturbüro aufgelöst, 2017 wurde ein Nachtragskredit von 3 Millionen Franken nötig. Nun sei Agrovet ein Ganzes, sagte Kägi, und mehr als die Summe der Teile.
Tage der offenen Tür, Sa und So, 9.30 bis 17 Uhr, Eschikon, Lindau. (Der Landbote)

Erstellt: 02.09.2017, 09:41 Uhr

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