Winterthur

Das nette Mädchen, das fast täglich klaute

Eine 28-Jährige wurde in einem Jahr rund 30 Mal beim Klauen erwischt. Die Ware verhökerte sie an der Langstrasse in Zürich für Kokain oder Heroin.

Die Frau klaute Waren, um sie in Zürich gegen Drogen einzutauschen. (Symbolbild)

Die Frau klaute Waren, um sie in Zürich gegen Drogen einzutauschen. (Symbolbild) Bild: Johanna Bossart

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Die Beschuldigte wird mit Handschellen ins Gericht geführt. Sie ist jung, zierlich und wirkt gepflegt.

Bei der Befragung habe sie sich kooperativ und nett gezeigt, sagte die Staatsanwältin am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Winterthur. «Sie wäre durchaus das nette Mädchen von nebenan, wenn die Drogen nicht wären.»

Doch die Drogen bestimmten das Leben der 28-Jährigen schon früh. Obwohl sie ihre Lehre im Gastgewerbe mit guten Noten abschloss, stürzte sie bereits im zweiten Lehrjahr das erste Mal ab. Mit 16 nahm sie Kokain, mit 17 Heroin.

Entzug gescheitert

Es folgte ein unsteter Lebenswandel mit unregelmässigen Anstellungen, geprägt von der Sucht nach Kokain und Heroin. Um sich diese zu finanzieren, begann sie im Alter von 20 Jahren mit dem Klauen.

Mit 23 Jahren folgte der erste Entzug, den sie schnell wieder abbrach. Drei Mal habe sie bei ihrer Grossmutter versucht, die Drogen mithilfe von Methadon abzusetzen, dreimal scheiterte sie. Die letzten Monate habe sie auf der Gasse verbracht, zurzeit verbüsst sie eine Ersatzfreiheitsstrafe, da sie eine Geldstrafe nicht bezahlt hat.

Kein lukratives Geschäft

Die junge Frau wurde bereits zu einer fast dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, allerdings unter Ansetzung einer Probezeit von einem Jahr. Nur einen Monat später wurde sie bereits wieder straffällig.

Das erste Mal beim Klauen erwischt, wurde sie anfangs Januar 2017, wo sie im Coop am Bahnhof Winterthur drei Flaschen Champagner mitgehen liess. In den nächsten 15 Monaten wurde sie rund 30 Mal beim Diebstahl erwischt, anfangs in Winterthur, danach in Baden, Uster, Zürich, Hinwil.

Die Ware, meist Alkoholflaschen, Schuhe oder Kleider tauschte sie an der Langstrasse in Zürich gegen Drogen ein. Bei wem genau, will sie nicht sagen. «Ich kenne da ein paar Leute.» Lukrativ scheint das Geschäft nicht gewesen zu sein. Für Alkohol im Wert von 400 Franken habe sie jeweils etwa ein halbes Gramm Kokain bekommen, Kostenpunkt: rund 50 Franken.

Da die Einbrüche fast immer in Läden von Grossverteilern wie Coop und Migros passierten, wo sie schon mehrmals Hausverbot bekam, wurde ihr in den meisten Fällen auch Hausfriedensbruch vorgeworfen.

Die Frage ist wann, nicht ob

Ab und zu klaute sie auch auf Bestellung, wie sie vor Gericht aussagte. Eine Koffer etwa, T-Shirts und ein Daunengilet für rund 400 Franken. Oder um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Unterwäsche etwa, Mozzerella-Sticks oder Aromat. Fast täglich ging sie auf Diebestour. Zum Teil in sechs verschiedenen Geschäfte an einem Tag, wie die Anklageschrift zeigt.

«Die Frage ist nicht, ob sie wieder straffällig wird, sondern wann»
Die Staatsanwältin

Meist hatten die geklauten Sachen keinen hohen Wert, das Total der Diebstähle beläuft sich auf rund 6500 Franken. In dieser Zeit wurde sie fünfmal verhaftet, zweimal rannte sie den Beamten davon, weshalb sie sich auch für mehrfache Hinderung einer Amtshandlung rechtfertigen musste.

«Die Frage ist nicht, ob sie wieder straffällig wird, sondern wann», sagte die Staatsanwältin und forderte eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten und den Vollzug der Reststrafe der letzten Verurteilung von 190 Tagen. Der Anwalt der Beschuldigten plädierte für sechs Monate. Einig waren sich die Staatsanwältin und der Anwalt der Beschuldigten dabei, die Freiheitsstrafe zugunsten einer Suchttherapie aufzuschieben.

Suchtbehandlung statt Strafe

Auch die 28-Jährige betonte mehrmals, dass sie einen Entzug machen wolle. «Am liebsten in einer Einrichtung, die eine Traumatherapie anbietet.» In den letzten Jahren habe sie vier ihr nahestehende Menschen verloren, das wolle sie aufarbeiten.

Die Richterin entschied sich für den Mittelweg und verurteilte die 28-Jährige zu 12 Monaten unbedingt, zudem muss sie die Reststrafe von rund sechs Monaten absitzen. Beides wird jedoch zugunsten einer stationären Massnahme, also einer Suchtbehandlung, aufgeschoben. «Wenn diese erfolgreich ist, müssen Sie die Strafe nicht absitzen, verstehen Sie das?», sagte die Richterin zum Schluss. (Der Landbote)

Erstellt: 02.09.2018, 14:44 Uhr

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