Elgg

«Das Projekt ist erst tot, wenn sie es sagen»

Steve Schild aus Elgg wurde landesweit bekannt, weil er trotz Frau und Kind zum Mars fliegen und dort sterben will. Er glaubt trotz Konkurs der «Mars One»-Firma weiter an seinen Traum.

Steve Schild aus Elgg will 2031 auf den Mars fliegen. Der Nasa-Rover Curiosity, vor dessen Foto Schild in seiner Wohnung posiert, liefert bereits heute Daten vom Roten Planeten.

Steve Schild aus Elgg will 2031 auf den Mars fliegen. Der Nasa-Rover Curiosity, vor dessen Foto Schild in seiner Wohnung posiert, liefert bereits heute Daten vom Roten Planeten. Bild: Nathalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Steve Schilds Leidenschaft für Science-Fiction geht unter die Haut. Der 34-jährige Elgger hat sich das Logo des Spielfilms «Stargate» auf die linke Brust tätowieren lassen. «Ich bin ein riesiger Fan und davon auch sehr inspiriert worden», sagt der verheiratete Vater einer zweijährigen Tochter, der 2031 mit «Mars One» als einer der ersten Menschen den Mars besiedeln will (siehe Box rechts).

«Kenne Geldflüsse nicht»

Doch die Gegenwart bietet keinen Roten Planeten, sondern lediglich rote Zahlen: Gegen die Mars One Ventures AG mit Briefkasten in Basel-Stadt läuft seit dem 15. Januar ein Konkursverfahren. Das Zivilgericht hat dieses laut Handelsregister eröffnet.

Schild erfährt vom «Land­boten» während des gestrigen Interviews vom Konkurs. Ihn beunruhigt das nicht: «Mit der Mars One Ventures AG habe ich nichts zu tun.» Er stehe jeweils mit der Stiftung Mars One in Kontakt. Diese sei unabhängig von der Mars One Ventures AG. «Ich kann mir gut vorstellen, dass versucht wurde, über die AG Geld für die Stiftung zu generieren, und das nun nicht geklappt hat.»

Die Gegenwart bietet keinen Roten Planeten, sondern lediglich rote Zahlen.

Wie die Geldflüsse der Stiftung genau verlaufen, weiss Schild nicht. Er vermutet aber, dass die konkursite Firma nicht der einzige Weg war, um Geld für die Mission zu generieren.

Bei Finanzfragen müsse man sich an Bas Lansdorp, den holländischen Verwaltungsratspräsidenten und Kopf der Raumfahrtmission, wenden. Dieser verweist auf eine Pressemitteilung, die nächstens versendet werden soll.

Kurios: Die Adresse, unter der die Mars-One-Stiftung im holländischen Handelsregister auftaucht, führt nicht zu einem Büro, sondern zu einer Reihenhaussiedlung östlich von Utrecht. Von dort aus soll also der Mars besiedelt werden? Schwer zu glauben.

«Traum kommerzialisieren»

Aufhorchen lässt auch eine Aussage von Moritz Hunzinger, ehemaliger Delegierter des Verwaltungsrats von Mars One Ventures AG. Zur «Schweiz am Wochenende» sagte er im Sommer 2017: «Es handelt sich um eine fantastische Idee, bei der es nicht darauf ankommt, dass sie realisiert wird.» Mars One Ventures sei ein Merchandising-Unternehmen, das – richtig gemacht – die nächsten fünfzig Jahre florieren könne. Der Traum, auf den Mars zu fliegen, wecke bei den Menschen Fantasien, die sich bestens kommerzialisieren liessen.

«Es handelt sich um eine fantastische Idee, bei der es nicht darauf ankommt, dass sie realisiert wird.»Moritz Hunziger, ehemaliger Delegierter des Verwaltungsrats von Mars One Ventures AG, 2017

Als Beispiel nannte Hunzinger den Webshop von Mars One. Die Kandidaten, wie Schild, können durch Einkäufe und weitere Spenden sogenannte Unterstützungspunkte kaufen. Laut Mars One hätten diese aber keinen Einfluss auf das Selektionsverfahren. Kritik, dass Mars One unter Vorspiegelung eines konkreten Projektes nur einen Traum verkaufe, kann Hunzinger nicht nachvollziehen: «Ganz Amerika funktioniert so.»

Schild kommt auch gerne auf die USA zu sprechen, wenn es um den Glauben ans Projekt geht. «Dort sind sie viel offener für dieses Projekt.» In der Schweiz habe er praktisch nur Kritiker, man sei viel konservativer und vorsichtig.

Es ist wohl kein Zufall, dass von den Top-100-Kandidaten mehr als ein Drittel aus den USA stammt.

Geschickt vermarktet

Für Schild ist Mars One erst gestorben, wenn es dies selber offiziell verkündet: «Vorher nicht.» Falls das Projekt scheitern sollte, würde er sich nach neuen Möglichkeiten umsehen. «Das fortschreitende Alter ist dabei aber eine grosse Herausforderung.»

Zur harschen Kritik aus der Wissenschaft sagt er: «Ich habe weltweit Leute kennen gelernt, die viel tiefer in dieser Materie sind.» Er erwähnt einen Flug nach Hamburg, auf dem er den Professor Robert Wimmer-Schweingruber von der Universität Kiel kennen lernte. Dieser entwickelte ein Strahlenmessgerät für die chinesische Sonde mit, die Anfang 2019 auf der Rückseite des Mondes landete. «Er erzählte mir etwa, dass das stetig genannte Strahlungsproblem auf dem Mars relativ einfach mit Erde abzuschirmen sei.»

«Ich bin eigentlich froh, dass es nicht so schnell weitergeht. Ich will noch so viele Dinge tun.»Steve Schild

Eine grössere Herausforderung sei hingegen die Energieversorgung, fügt er an. Solarzellen würden auf dem Mars weniger Strom generieren, zudem gebe es öfters Sandstürme. «Man ist dran, bessere Zellen zu entwickeln», sagt Schild. Oft kritisiert wird auch das mit sechs Milliarden Dollar sehr niedrige Budget von Mars One. Die Nasa geht laut einer Studie von 2009 von rund 100 Milliarden Dollar aus. Schild glaubt, dass die Raumfahrtprojekte von Multimilliardären wie Elon Musk den Konkurrenzkampf ankurbeln. «Dann ist Raumfahrt auch mit weniger Geld möglich.»

Die Geduld hat Schild noch nicht verloren. Es ist bereits vier Jahre her, seit er unter die letzten 100 Kandidaten gewählt wurde. Irgendwann soll der nächste Schnitt auf 24 Kandidaten folgen, nach einem fünftägigen Auswahlverfahren. «Ich bin eigentlich froh, dass es nicht so schnell weitergeht. Ich will noch so viele Dinge tun», sagt Schild

Er bezeichnet sich selber als extrovertiert und weiss, wie man sich vermarktet. So hat er etwa zwei Science-Fiction-Bücher publiziert und einen Escape Room in Frauenfeld mitgestaltet. Zudem in Planung: ein Computerspiel, für das er die Story geschrieben hat, ein autobiografischer Roman und eine vierteilige Romanserie. Dadurch bleibt er medial präsent, rund 200 Artikel sind in den letzten fünfeinhalb Jahren über ihn erschienen.

Wichtiger als all das wird aber wohl ein Termin in wenigen Wochen sein: Schild und seine Frau Corinna Küttel erwarten dann ihr zweites gemeinsames Kind.

Erstellt: 26.01.2019, 09:30 Uhr

Marsmission ohne Rückflug

Mars One gab 2012 bekannt, 2022 die ersten vier Menschen auf den Mars fliegen zu wollen. Allerdings ohne Rückflugticket. Stattdessen sollen die Astronauten eine Siedlung auf dem Roten Planeten aufbauen. 200 000 Personen bewarben sich laut Mars One. Diese Zahl konnte allerdings nie belegt werden. Das Ganze hätte von der holländischen «Big Brother»-Produktionsfirma Endemol übertragen werden sollen. Geplant war, dass durch den Verkauf der Fernsehrechte das Budget erreicht wird. Allerdings stieg Endemol 2015 aus dem Projekt aus. Aufgrund von Geldproblemen wurde der Start immer wieder verschoben. Mittlerweile soll 2031 gestartet werden. Schild wäre dann 46-jährig und hätte eine siebenmonatige Reise vor sich.
gab

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!