Winterthur

Das «übermenschliche» Jazzfestival

Der Verein Jazz in Winterthur erwacht aus dem Dornröschenschlaf – mit einem zweitägigen Festival.

Der New Yorker Gitarrist David Torn ist der Star des Jazzfestivals «Überjäm».

Der New Yorker Gitarrist David Torn ist der Star des Jazzfestivals «Überjäm». Bild: PD

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Dornröschen lag im Tiefschlaf. Schuld daran war bekanntlich der Fluch der bösen Tante. Im Fall des Vereins Jazz in Winterthur war die Tante zwar immer eingeladen, aber die Gästeschar schmolz in den letzten Jahren dahin. So hat die Tante – die Stadt Winterthur – dem Verein 2016 die Subventionen gestrichen.

Oben drauf gab es Hausaufgaben: Treibt Sponsoren auf! Macht weiter mit Jazz, aber erst nach einer Pause und anders als bisher! Seid innovativ! Beide Aufgaben hat der Vereinsvorstand nun gelöst. Der Vorstand – das sind die beiden Co-Präsidenten Lars Schmid und Beat Gisler. Alles wird gut, Dornröschen erwacht, und es stellt sich heraus: Es ist ein Festival. Die beiden Jazzmusiker, der E-Bassist Gisler und der Pianist Schmid, haben es wach geküsst und ihm einen Namen gegeben: «überjäm».

Ein Wink von Nietzsche

«Über-» was? Man kennt die Jam-Session, bei der eine Handvoll Musiker drauflos spielt. Bei «überjäm» sind es nicht weniger als zehn Formationen an zwei Abenden, daher wohl der Name. «Das könnte man so sehen», sagt Gisler. «In Wirklichkeit handelt es sich um die Erweiterung der Kunstform Jazz.»

Der Wortteil «jäm» gehe auf das Format «Jazz am Mittwoch» zurück, das bis zur Streichung der Subventionen vom Verein mitgetragen wurde; «über» könne man analog zu Nietzsches «Übermensch» als Überschreitung deuten. Schmid sagt: «Hier wird etwas transzendiert. Das macht den Jazz aus.»

«In Wirklichkeit handelt es sich um die Erweiterung der Kunstform Jazz.»Beat Gisler, Co-Präsident

Vieles sei sehr frei und offen, fügt Gisler bei, auch die Musiker wüssten vorher nicht genau, was dabei herauskomme. Es werden zwei kontrastreiche Abende, soviel ist sicher. Da ist David Torn aus New York, der seine Gitarre in sehr dynamische elektronische Sphären einbettet und als Produzent mit Musikern wie David Bowie, Laurie Anderson und Tim Berne zusammen gearbeitet hat; Torn tritt einmal solo und einmal mit der Schweizer Band Sonar auf.

Da ist die Band Swanky Mothers, eine experimentelle Freejazz-Band mit dem Gitarristen Dominic Landolt und Beat Gisler am Bass, die einen funkigen Groove produziert. Da ist das Klaviertrio des Romantikers Evgeny Lebedev, das frisch über die Dächer fliegt.

«Jazz ist Musik für Individuen. Wenn man eintaucht, kann es ein intensives Erlebnis sein.» Lars Schmid, Co-Präsident

Was ist das für Musik, die an diesem Abend gespielt wird? Sie ist frei, offen, unvorhersehbar, neu und innovativ, sagen Schmid und Gisler. Es seien «Klangforscher» am Werk, gibt Gisler zu verstehen. Das Festival sei ein Experiment. Als Besucher bringe man idealerweise ein geübtes Ohr mit und Offenheit. «Jazz ist Musik für Individuen», sagt Schmid, «wenn man eintaucht, kann es ein intensives Erlebnis sein.» Finanziell sei man gut unterwegs, das Defizit zwar absehbar, aber der Verein habe im letzten Jahr gut gewirtschaftet, sodass ein Minus in der Kasse nicht das Ende bedeuten würde. Auch die Stadt Winterthur ist wieder dabei, mit einem Projektbeitrag, der zwar nicht an die alten Subventionen heranreicht, aber immerhin.

Von 140 auf 80 Mitglieder

Zusammen mit den drei Auftritten für das Festival «unerhört» im November sind es jetzt 13 Auftritte, die der Verein Jazz in Winterthur pro Jahr organisiert, rechnet Schmid vor; früher waren es zwischen neun und zwölf. Rund 80 Mitglieder hat der Verein zurzeit; 2016 waren es noch 140. Dass alle das Festival besuchen, sei nicht gesagt; Gisler und Schmid fühlen sich ihnen aber so oder so verbunden, denn mit ihren Mitgliederbeiträgen ermöglichen sie das Festival.

Gisler freut sich persönlich auf den französischen Gitarristen Marc Ducret, Schmid auf das junge Schweizer Duo Hely mit Schlagzeug und Klavier, das international mithalten könne, und auf das rockige Elektronik-Trio The Strobes aus London mit seinen vertrackten Grooves. Dornröschen wird sich freuen über den Kuss.

überjäm: Freitag, 26.1., ab 19 Uhr: Swanky Mothers feat. Daniel Mouthon & Dominic Landolt; Evgeny Lebedev Trio; Möbus/Wiesendanger/Steidle; Marc Ducret; Sonar feat. David Torn. Samstag, 27.1., ab 19 Uhr: Hely; The Strobes; David Torn; Kaos Protokoll. Theater am Gleis, Untere Vogelsangstrasse 3.

Erstellt: 21.01.2018, 14:24 Uhr

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