Zürich

«Das Umarmen würde fehlen»

Christoph Zingg ist Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber und spricht über die Perspektiven auf Zürichs Gassen nach dem Tod von Pfarrer Ernst Sieber.

Christoph Zingg: «In dieser Stadt lebt jeder Achte auf oder unter der Armutsgrenze.»

Christoph Zingg: «In dieser Stadt lebt jeder Achte auf oder unter der Armutsgrenze.» Bild: Claudio Thoma

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Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), hat einen grossen Stapel Dankesbriefe für Spenden ab 100 Franken vor sich auf dem Tisch. Er will während des Interviews ein paar davon unterschreiben, um mit der Arbeit nachzukommen. Rund 900 Briefe waren es am Morgen, etwa zehnmal so viel wie an einem durchschnittlichen Tag. Es sind ungewöhnliche Tage für die bald 30-jährigen Sozialwerke, deren Gründer Ernst Sieber am Samstag vor Pfingsten 91-jährig verstorben ist. Wir reden über die Zukunft der Sozialwerke und darüber, wie sich die Situation der Randständigen in Zürich seit der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz Ende der 80er-Jahre verändert hat. Am Ende des Gesprächs ist der Stapel mit den zu unterschreibenden Dankesbriefen nicht kleiner geworden.

Herr Zingg, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Tod Ernst Siebers erfuhren?
Christoph Zingg: Es war eine Leere da, ein Schmerz, den ich nur schwer beschreiben kann. Und der Gedanke: Jetzt sind wir dran. Jetzt kommt es auf uns an, auf unsere Organisation, die Mitarbeitenden und mich. Gleichzeitig war da der Schmerz über den Verlust dieses Menschen, der mir über die Jahre immer näher gekommen ist. Er war für mich das Gewissen des Ganzen, auch wenn die operativen Entscheide der SWS längst bei mir lagen.

Wie geht es mit den Sozialwerken Pfarrer Sieber weiter?
In der Woche nach seinem Sterben war ich in fast allen Betrieben der SWS. Überall spürte ich eine ungeheure Kraft. Die Leute waren traurig, betroffen, aber auch noch einen Tick mehr fokussiert als sonst. Sie haben alle begriffen: Jetzt kommt es auf uns an. Für die Menschen in der Drogen- und Obdachlosenszene war Pfarrer Sieber eine Lichtgestalt. Ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass es weitergeht, war ganz wichtig.

Trotzdem: Sieber war die Symbolfigur der von ihm gegründeten Sozialwerke. Kurzfristig bringt sein Tod eine Spendenflut, wie der Stapel Dankesbriefe zeigt. Wie geht es längerfristig weiter?
Es gibt viele Leute, die jetzt aus dieser Betroffenheit heraus spenden. Mit ein Teil unserer Perspektive wird sein, dass wir diese Spender laufend davon überzeugen, dass es sich lohnt, sich auch weiterhin bei uns zu engagieren. Wir machen das nicht zum ersten Mal. Bei unserer Weihnachtskampagne haben wir in den letzten Jahren versucht, den Fokus sukzessive zu verschieben, weg vom Pfarrer Sieber als Persönlichkeit, hin zum Menschen, der die Hilfe in seinem Sinn und Geist braucht.

«Wir begleiten im Moment rund 2500 Menschen. Es gibt in Zürich etwa 80 bis 100 Menschen, die extrem schwierig strukturiert sind.»Christoph Zingg

Wie sähe Zürich aus, wenn die Sozialwerke Pfarrer Sieber ihren Einsatz für Drogensüchtige, Obdachlose und andere Randständige nicht mehr ausübten?
Fairerweise muss man sagen: Es gibt viele Institutionen, die gute Arbeit leisten. Es wird gut verwaltet und begleitet. Was uns ausmacht, ist das Unbürokratische. Wir begleiten im Moment rund 2500 Menschen. Es gibt in Zürich etwa 80 bis 100 Menschen, die ganz schwierig strukturiert sind, permanent auf dem Rundlauf zwischen den Institutionen. Wissen, wo diese Menschen sind, kann man jederzeit. Aber eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufzubauen – das macht den Unterschied aus. Da würden wir fehlen. Eine Vertreterin der Stadt sagte einmal: «Ich beneide euch darum, dass ihr diese Menschen umarmen dürft.» Materiell würde den Menschen wahrscheinlich auch ohne die SWS geholfen. Aber diese professionelle Nähe, das Umarmen würde fehlen.

Was heisst das konkret?
Wir haben beispielsweise in einer Wohneinrichtung im Ur-Dörfli Leute, die schon elfmal aufgenommen worden sind. Und dann fliegt halt doch mal eine Faust oder wird ein Feuer im Gang angezündet, und wir müssen sagen: Das wars jetzt mal für den Moment. Du kannst wieder kommen, wenns anders ist. Doch wir bleiben in einer Beziehung, der Kontakt wird auf der Gasse weiter gepflegt. Und wenn die Entwicklung es irgendwie zulässt, kommt er auch wieder zurück. Dieses Immer-wieder-eine-Chance-Geben ist wohl einmalig.

Was sind das für Leute, die heute in Zürich auf der Gasse leben?
Das sind Leute, die in ihren Biografien Brüche hatten. In der Regel fängt es mit einem Verlust oder einer groben Verletzung an, mit einer Gewalt- oder Missbrauchserfahrung, einem Jobverlust, einem Beziehungsbruch, mit dem die Leute nicht klarkommen. Sie fangen an zu trinken oder sich sonst wie zu betäuben. Meistens wird vom Umfeld zu wenig nachgefragt: Was ist los? Und dann fängt die Spirale zu drehen an: Zuerst kommt der Jobverlust, dann geht der Freundeskreis kaputt, die Familie wendet sich ab – und irgendwann landen sie auf der Gasse. Wenn sie dann noch Fristen verpassen für staatliche Leistungen, die sie zugute hätten, wird es noch schwieriger. Die Leute geraten in eine Abwärtsspirale, aus der sie aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen. Keiner fällt diese Entscheidung aktiv alleine. Aber es gibt Momente, in denen er aus seiner Sicht keine andere Entscheidung fällen kann.

Wie ist zu helfen?
Wenn es gelingt, zu so jemandem eine Beziehung aufzubauen, etwa indem wir ihn frühmorgens auf der Gasse besuchen und auf einen Kaffee in die Sunnestube einladen, kann man ihn auch irgendwann bewegen, einen Versuch für einen Neustart zu wagen, etwa in einer Wohneinrichtung oder im Pfuusbus. Und daraus können sich dann nächste Schritte ergeben. Das würde fehlen, wenn es uns nicht gäbe.

Zürich ist in den letzten Jahren grösser und auch reicher geworden. Ist es auch spendabler geworden?
Ich kann nicht klagen. Wir erleben sehr viel Unterstützung.

«Ich merke, dass gesellschaftlich eine gewisse Entsolidarisierung passiert. Ich höre öfter als früher: ‹Die sind ja selber schuld.›»Christoph Zingg

Wie sieht es aktuell aus?
Gut, wir sind mehr als im Budget. Und ich gehe davon aus, dass sich aufgrund des Sterbens unseres Pfarrers wieder neue Spender zeigen werden. Was den materiellen Teil betrifft, sind wir gut unterstützt.

Und sonst?
Ich merke, dass gesellschaftlich eine gewisse Egoisierung und Entsolidarisierung passiert. Ich höre öfter als früher: «Die sind ja selber schuld.» Aber wenn man die Geschichten der Menschen auf der Gasse anschaut, sieht man: Da ist soviel schief gegangen. Soll mir niemand sagen, die sind selber schuld. Und man merkt, wie nahe wir alle daran sind, alles zu verlieren. Es braucht brutal wenig, und das Leben nimmt eine völlig andere Wendung.

Hat die Entsolidarisierung auch mit den Bemühungen um eine Aufwertung der Stadt zu tun, wonach Randständige im Stadtbild gar nicht mehr vorkommen sollten?
Der Umstand, dass man auf den öffentlichen Plätzen kaum mehr Drogenkranke findet, dass die Leute nicht mehr im Platzspitz kreuzweise aufeinanderliegen und dass Kinder wieder in der Bäckeranlage spielen können, trägt sicher dazu bei. Man sieht diese Leute nicht mehr, sie stören nicht mehr. Damit geht auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit, ihnen zu helfen, ein Stück weit verloren. Zum Zweiten geht es um Themen, die häufig schambehaftet sind. In dieser Stadt lebt jeder Achte auf oder unter der Armutsgrenze von monatlich 2400 Franken, nach Angaben der Caritas. Diese Leute haben zum Teil Familie. Und über Armut redet man nicht gerne. Man steht im Verdacht, versagt zu haben. Klar, wir haben ein super Berufsbildungssystem, man kann sich auf dem vierten oder fünften Bildungsweg qualifizieren. Aber: Tellerwäscherkarrieren sind in der Schweiz extrem selten. Wer in prekären Verhältnissen geboren wird und von Kindsbeinen an hört: Das ist nichts für uns, das schaffen wir nicht, das können wir uns nicht leisten – der glaubt das irgendwann. Und dem fällt viel leichter die Decke auf den Kopf, als jemandem, der von klein auf Ermutigung erfahren hat. Wer in der Schweiz arm geboren wird, bleibt arm, abgesehen von wenigen Ausnahmen.

«Tellerwäscherkarrieren sind in der Schweiz extrem selten. Wer arm geboren wird, bleibt arm, abgesehen von wenigen Ausnahmen.»Christoph Zingg

Was wäre nötig, um das zu ändern?
Ein Beispiel: Erst kürzlich hat der Bundesrat den Vaterschaftsurlaub versenkt. Warum um Himmels willen macht man nicht mehr, damit Familien in prekären Verhältnissen mehr als Familie zusammenstehen können? In so vielen Familien gehen die Ressourcen rein ins Materielle. Das Emotionale, die Beziehung bleibt liegen. Ich behaupte: Wenn man dort mehr investiert, kommt es tausendfach zurück. Wenn man Familien dadurch stabiler gestalten könnte, sodass mehr Sicherheit, mehr Mut da ist – das wäre ein Ansatz.

Weitere Ansätze?
Ich bin auch ein absoluter Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens – weil ich weiss, dass es Menschen gibt, die Talente haben, die in unserer Wertegesellschaft keinen Platz haben. Man kann sie zwingen, auf eine Art Geld zu verdienen, die sie nicht können, die sie krank macht. So gehen alle Talente flöten. Oder man kann sagen: Okay, es gibt ein Minimaleinkommen, das jedem zusteht, und dann soll er machen, was er kann. Aber er soll es machen! Es geht nicht darum, auf der faulen Haut zu liegen, sondern das, was in dieser Gesellschaft zu wenig gefragt ist, mehr zur Geltung zu bringen.

Was sind denn die nächsten Projekte der Sozialwerke Pfarrer Sieber, die für eine bessere Gesellschaft sorgen sollen?
Was wir vermehrt angehen werden, ist das Wohnen. Das Prekariat hat auf dem Wohnungsmarkt praktisch keine Chance, selbst wenn sie jahrelang gearbeitet haben und sich wieder integrieren könnten. Dann bewerben sie sich um eine Wohnung, die Warteschlange geht um zwei Häuserblöcke, sie kommen zuletzt und bringen einen Betreibungsregisterauszug mit, mit dem man ein Büro tapezieren könnte. So haben sie keine Chance.

Was planen Sie?
Die Wohnprojekte, die wir bereits haben, führen wir organisatorisch zusammen. Sie werden durchlässiger, sodass wir die Leute besser begleiten können. Eine Idee ist zum Beispiel, dass wir Wohnungen mieten, diese dann untervermieten und ihre Bewohner betreuen, bis nach drei Jahren der Mietvertrag an sie übergeht. Die Idee dahinter ist, Vertrauen zum Vermieter aufzubauen, den Betroffenen zu stärken – und dann hockt er irgendwann in seiner Wohnung, die er selber bezahlt.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 06.06.2018, 17:01 Uhr

Zur Person

Christoph Zingg ist 56 Jahre alt und seit 2011 Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), die im Raum Zürich diverse Einrichtungen für Randständige und Drogensüchtige betreiben. Das Jahresbudget der SWS beläuft sich auf über 20 Millionen Franken, knapp die Hälfte davon stammt aus Sammelaktionen. Der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber, der kürzlich 91-jährig verstorben ist, hatte die SWS zur Zeit der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz 1988 gegründet. Der gelernte Kaufmann und Theologe Zingg war vor seiner Zeit als SWS-Gesamtleiter unter anderem Leiter der Zürcher Stadtmission und Geschäftsleitungsmitglied der reformierten Landeskirche Aargau. Zingg ist verheiratet und Vater dreier Kinder. mts

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