Winterthur

Das verzögerte Olympiadebüt

Der Winterthurer BMX-Fahrer David Graf, die Nummer 7 der Weltrangliste, besitzt alles für den Final der Top 8.

Der Winterthurer David Graf will in den BMX-Olympiafinal.

Der Winterthurer David Graf will in den BMX-Olympiafinal. Bild: Susanne Tschumi/Keystone

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„Es ist nicht vermessen“, erklärt Thomas Peter, der Chef des Schweizer Radteams, “wenn wir anhand der letzten 12 bis 18 Monate vom Final als Ziel sprechen.“ Ab London 2012, als aus dem BMX-Piloten Roger Rinderknecht der Nationalcoach wurde, begann der Aufbau. „Wir haben viel investiert, weil wir an das Potenzial der Athleten glaubten“, nennt Peter, der Technische Direktor, die Sicht von Swiss Cycling.

Es machte sich bezahlt. David Graf und Renaud Blanc lieferten die Resultate ab: Der Winterthurer holte 2015 Bronze an den Europaspielen und der WM sowie zuletzt EM-Silber, der Genfer überzeugte im Weltcup und 2016 als WM-Fünfter. In der Weltrangliste liegen sie auf den Plätzen 7 (Graf) und 17 (Blanc). Doch nur ein Schweizer darf in Rio starten. In der Olympiaselektion sammelten sie exakt gleich viele Punkte, man entschied sich für Graf, weil in ihm noch mehr Potenzial zu sehen war. „Ein anderer Entscheid wäre schwierig gewesen zu akzeptieren“, gibt Graf zu. „Jetzt ist es für Renaud hart, weil auch er die Chance auf ein Diplom hätte.“

Fahrer statt Tourist

In Rio ist Graf der Olympiapilot und nicht mehr der Ersatz wie 2012 in London, als ihm Roger Rinderknecht, der in Winterthur in Sichtweite in der Nachbarschaft wohnt, vor der Sonne stand. „In London wars schön“, erinnert sich Graf. Er genoss das Leben als olympischer Tourist in vollen Zügen. „Aber als Athlet ist es definitiv nicht der Sinn, nur als Zuschauer da zu sein“, ergänzt der 27-Jährige. Er brennt auf sein verzögertes Olympiadebüt. „Ich hoffe, ich kann meine Leistung abrufen.“

Am Mittwoch steht der Zeitlauf an. Am Donnerstag im Viertelfinal reduziert sich das Feld der 32 Piloten auf die Hälfte, die tags darauf zu den Halbfinals antritt. Die Top 8 jagen anschliessend im Final, in nur einem Lauf, um die Medaillen. Zu ihnen will Graf gehören. „Das ist das Hauptziel“, sagt er. Im Final wäre alles möglich, jeder ist Medaillenkandidat.

Durch die je drei Läufe in Viertel- und Halbfinals reduziert sich der Faktor Glück etwas. Aber noch immer muss viel zusammen passen. BMX garantiert Spektakel, Sprünge und Duelle. „Man darf niemanden von der Piste drängen“, beschreibt Graf. „Doch die Ellbogen ein wenig einsetzen, ist erlaubt. Das ist für ein Rennen an Olympischen Spielen ziemlich einzigartig…“ Auf den Rängen werden die Familie, die Freundin und Kumpanen mitfiebern.

Nahe an der Konkurrenz

2008 in Peking und 2012 in London war Rinderknecht, der bisher einzige Schweizer BMX-Olympionike, in den Halbfinals gescheitert. Besonders Peking schmerzte sehr. „Er steht besser da als ich 2008 und definitiv besser als 2012“, sagt der Nationaltrainer. Graf ist der Konkurrenz nahe, so weit vorne war im Weltranking noch kein Schweizer. „Er hat die Spitzenresultate erzielt, die mir damals etwas gefehlt haben“, vergleicht Rinderknecht. „Diese Erfolge sind für ihn ein wichtiger Schritt nach vorne.“

Rinderknecht, 35-jährig, kennt David Graf von klein auf. Erst war er sein Trainer, dann sein Trainingspartner und Konkurrent, jetzt wieder sein Trainer. „Bei ihm besteht immer die Gefahr, dass er übermütig wird“, bemerkt Rinderknecht. „Er weiss es selbst und ich versuche jeweils, ihn zu mitten.“ Doch Graf sei inzwischen „reifer und abgeklärter“ geworden, ergänzt der Nationaltrainer. Das zeigt sich auch in der rückläufigen Zahl der Stürze. In den letzten Tagen in Winterthur habe Graf „etwas nervös“ gewirkt. Seit sie in Rio sind, sei er allerdings wieder „locker drauf und entspannt wie sonst an einem Rennen“, meint Rinderknecht. „Vor der Abreise zeigte er im Training eine starke Leistung. Das hat ihn bestätigt. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Das Dorf erkundet

Letzten Donnerstag trainierte Graf ein letztes Mal auf der BMX-Piste im Dättnau, die fünf Minuten von seinem zu Hause entfernt liegt. Am Freitag stieg der Wülflinger ins Flugzeug, am Samstag „bin ich mit dem Bike mal ein bisschen durchs Dorf gefahren und habe mir die Sachen angeschaut“. Für alle Strecken, auch zum Essen, benutzt er sein Ersatzbike. „Swiss Olympic hätte auch Fahrräder. Aber die sind entweder besetzt oder funktionieren nicht richtig“, lächelt Graf. Auf dem Bike fühlt er sich sowieso am wohlsten. Er ist nicht der Einzige: „Im BMX sind 32 Männer und 16 Frauen hier, es fahren alle. Wir laufen nie, wenn es nicht sein muss.“

Zweifel verdrängt

Am Mittwoch nimmt er sein Rennbike hervor: 7,4 Kilo leicht, 6000 Franken teuer und mit einem Rahmen, den der Hersteller auf ihn massgeschneidert hat. Er ist bereit, erfahren, physisch auf einem Niveau wie nie zuvor – und unverletzt. „Als ich im Olympischen Dorf zur Physiotherapie ging, fragten sie mich: ‚Hast du etwas?‘ Und ich antwortete: ‚Nein, es tut mir nichts weh.‘“ Was ungewöhnlich ist.

Schon öfters hat er sich schwer verletzt, am schlimmsten 2013, als er an der WM in Neuseeland einen Fersenbruch erlitt. „Da wusste ich nicht, ob es für mich weiter geht“, erinnert er sich an seine Zweifel. „Zum Glück habe ich damals nicht aufgehört, denn meine besten drei Jahre sollten erst noch kommen.“ (Der Landbote)

Erstellt: 16.08.2016, 17:07 Uhr

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